Das halbe Neuntel

60. Festival DOK Leipzig Kaum Frauen im Deutschen Wettbewerb: Leiterin Leena Pasanen will eine Quote einführen

Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Der alte Erich-Honecker-Klassiker fasst gut zusammen, wie das Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, die einstige Dokwoche, ihre 60. Ausgabe beging. Auf den Blick zurück wurde wenig Zeit verwendet: Beim Eröffnungsabend endete die Rückschau auf die Ahnenreihe von Festivalchefs bei dem Namen Claas Danielsen – der heutige Geschäftsführer der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM) amtierte von 2004 bis 2014.

Und war damit unmittelbarer Vorgänger der aktuellen Leiterin Leena Pasanen. Auch wenn es eine Matinee für den Festivalmitgründer Karl Gass gibt, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, und andere historische Filmprogramme: Dass das Festival in seiner Selbsterzählung von seiner – unter den heute existierenden deutschen Filmfestivals – einzigartigen Geschichte übermäßig Gebrauch gemacht hätte (bedeutsamer als das größte Dokumentarfilmfestival hierzulande ist keines auf dem einstigen Gebiet der DDR), lässt sich schwer behaupten.

Aber Eröffnungsveranstaltungen sind eh ein schwieriges Format. Müde klatscht sich das Publikum durch Politikerinnenreden, die den Anteil des jeweiligen Ressorts am Festival betonen und gefahrlos Kritik üben: Wie wirkungsvoll die Klage ist, dass mehr Dokumentarfilme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt werden sollten, zeigt sich daran, dass sie in Leipzig jedes Jahr geführt wird. Sachsens Kulturministerin Eva-Maria Stange (SPD) schloss in diesen Wunsch gleich noch das Kino ein, was noch einmal unterstrich, wie überflüssig solche Forderungen sind.

Denn im Kino laufen absurderweise ja viel zu viele Dokumentarfilme, die eigentlich ins Fernsehen gehörten. Geschuldet ist das den Fördergeldern, die zur Kinoauswertung verpflichten, damit das Geld, das das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht bereitstellt, zusammenkommt.

In der Routine von Reden und Klatschen wäre beinahe eine kleine Sensation untergegangen, die für die Zukunft womöglich tatsächlich einmal Auswirkungen haben wird. Festivalleiterin Pasanen verkündete nämlich, für 2018 und 2019 eine Quote für den Deutschen Wettbewerb einzuführen, um den Anteil weiblicher Filmemacher zu erhöhen.

Tristes Niveau

Wie genau die aussehen soll, war noch nicht klar. Aber deutlich wird, dass die – was Präsenz und Rhetorik angeht – zurückhaltend wirkende Pasanen von Gleichstellung als einem ihrer zentralen Anliegen eben nicht nur reden will.

Genötigt sah sich die Festivalleiterin zu diesem mit ihrem neuen Programmchef Ralph Eue abgesprochenen Schritt, weil von den neun Filmen im diesjährigen Deutschen Wettbewerb nur einer in Ko-Regie mit einer Frau entstanden war. Wie eklatant das Problem bei den Einreichungen zu sein scheint, illustrierte das insgesamt wenig berückende Niveau der Konkurrenz.

Zu den – wenn auch nicht unbedingt ästhetisch – herausfordernden Arbeiten gehörte Sandmädchen von Mark Michel. Die Geschichte von Veronika Raila, einer jungen Frau, die mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen geboren wurde, nicht laufen und nicht sprechen kann. Die Texte und Mails von Raila, die auf der Tonebene zitiert werden, versprühen derart etwas Rätselhaftes. Zumal wenn man sieht, wie Veronikas Mutter deren Finger über die Computertastatur zu führen scheint.

Irgendwann hält man diese einseitig wirkende Kommunikation für das Selbstgespräch einer Frau, die sich über die Pflegebedürftigkeit ihres Kindes in eine schöne Illusion geflüchtet hat – und das entsprechend jeder Veronika-Text in dem Film Ausdruck der Mutter ist, der durch den schwachen Körper hindurch vermittelt wird. Tatsächlich ist es andersherum: Die Mutter ist das Medium ihrer Tochter, deren Hand sie nur „stützt“, um den Impulsen von Veronika zu folgen. Dass Michels Film in beide Richtungen lesbar ist als kommunikative Anordnung, verschafft ihm Reiz.

Formal reduziert, aber inhaltlich unerhört ist David Spaeths Film Betrug. Er zeigt die Schwabinger Eltern eines idyllischen Münchner Kindergartens, wie sie über ein Verbrechen erzählen. Spaeth gehört selbst zu ihnen, was die Starre der Form als einfachste Möglichkeit der Distanznahme erklärt: frontale Aufnahmen der Paare auf Sofas, die der Kamera ihre Sicht der Dinge erzählen. Der Basti, ein hinzugekommener Hochstapler aus Zurücksetzung, hat sich im Kinderhaus zum Finanzvorstand wählen lassen – und die 250.000 Euro Rücklagen für den Unterhalt seines sonnigen Lebensstils abgezweigt.

Dass es dabei immer auch darum ging, sich als zu der Gruppe selbstverständlichen westdeutschen Wohlstands zugehörig zu zeigen, von der Basti eigentlich ausgeschlossen ist, gibt dem Film eine gesellschaftliche Dimension, die Spaeth zumindest zulässt: Basti stammt aus Halle und hat früh gemerkt, dass er anders wahrgenommen wird, wenn er als Herkunftsort Hannover oder Hamburg angibt. Auf diese Weise erobert er, die Vereinigungserzählung für einmal schwejkhaft gewendet, einen Markt im Westen. Und wenn am Ende zu lesen ist, dass binnen drei Wochen 90.000 Euro zusammenkamen, um das Kinderhaus zu retten, ist es in einem weiteren Sinne vielleicht auch schwer, von Opfern zu sprechen.

Das Geld ist ja da, und was Basti an Verwirrung in die Schwabinger Idylle gebracht hat (Männer bewundern ihn für seinen Neureichen-Style, Frauen fühlen sich zu ihm hingezogen), ist nicht zu unterschätzen: eine Geschichte, die man nicht alle Tage zu erzählen hat.

Mit Unterstützung von DOK Leipzig

06:00 27.12.2017
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