Das nächste Mal als Staatsakt

Afrika-Konferenz Am Wochenende jährte sich zum 130. Mal der Auftakt der Kolonialisierung Afrikas in Berlin. Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz erinnerte daran
Ausgabe 10/2015

Minoritäre oder besser: öffentlich nicht akzeptierte Geschichtsschreibungen erkennt man daran, dass sie immer wieder bei null beginnen müssen. Das war am Wochenende in der Berliner Volksbühne schön zu beobachten, wo unter dem Titel Afrika-Konferenz Panels, Filmvorführungen und Performances aus Anlass von „130 Jahre Berlinisierung eines Kontinents und Einübung ins Verbrechen“ veranstaltet wurden.

Die Podien dienten mitunter nämlich weniger dazu, Diskussion zu bewirken, als dazu, Raum für Statements zu bieten, die zwangsläufig bis ins Grundsätzliche hinabstiegen. So lässt sich schon an der Art und Weise des Redens erkennen, wo sich ein Erinnerungsdiskurs auf dem Weg in die Mitte des gesellschaftlichen Bewusstseins gerade befindet.

Angekommen wäre er, wenn es zu einem solchen für die deutsche Geschichte bedeutenden Ereignis wie der von Bismarck in Berlin organisierten Konferenz irgendetwas Offizielles gäbe, wenn der 1884/1885 institutionalisierten kolonialen Ausbeutung und Ermordung in Formen gedacht würde, die dem Staat zur Verfügung stehen: Grußwort von Joachim Gauck, Gedenkrede einer Prominenten, vielleicht noch ein Podium, auf dem die Perspektiven auf die Geschichte aktualisiert werden; angemessenes Rahmenprogramm.

Leute, die in Kategorien wie „realistisch“ denken, würden wohl abwinken bei der Vorstellung, dass in solcher Form 2025 auf 140 Jahre deutschen Kolonialismus zurückgeschaut werden könnte. Das hieße aber zu verkennen, dass sich durchaus etwas bewegt hat, seit vor 30 Jahren in Berlin das erste Mal – und in viel kleinerem Rahmen – an die Afrika-Konferenz und ihre politische Bedeutung erinnert wurde; Mboro Mnyaka Sururu vom Verein Berlin Postkolonial erinnerte in einem Halbsatz an die damalige Veranstaltung.

Zum 125-jährigen Jubiläum vor fünf Jahren schrieb der Berliner Historiker Andreas Eckert: „1984, als sich die Konferenz zum einhundertsten Mal jährte, bildete das Gedenken an das Ereignis so etwas wie den Startschuss für eine intensivere Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus in Wissenschaft und Publizistik, ohne freilich große Wellen zu schlagen.“ Dagegen warb dieser Tage mit Horst Köhler in der Süddeutschen Zeitung erstmals ein ehemaliger Bundespräsident dringlich für eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen Vergangenheit („Neugier statt Habgier“).

Dass Köhler ausgerechnet im Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss-Neubau den „Impulsgeber für ein neues europäisch-afrikanisches Verhältnis“ erkannte, könnte noch für Diskussionsstoff sorgen. Auf die Frage nach seiner Wahrnehmung der Gedenkpolitik erklärte der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer im gut gefüllten Großen Haus, dass Kolonialismus hierzulande auch deshalb so schwer zu problematisieren sei, weil die Erinnerung dies- und jenseits der NS-Zeit nicht noch von weiterem Ungemach behelligt werden will. Das neu gebaute Stadtschloss ist Ausdruck dieses Wunschs nach Ruhe, weil dadurch einfach das Stadtbild von vor 1933 wiederhergestellt werden soll.

An Fortschritte bei der Bewusstmachung von Geschichte erinnerte Moderator und Mitplaner Kwesi Aikins: 2003 habe er noch vor der Volksbühne demonstriert gegen die aufs N-Wort verknappte Werbebanderole für eine Bernard-Marie-Koltès-Inszenierung. Nun hat das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz einem marginalisierten Diskurs auf kluge Weise Raum verschafft. Ein Anfang ist gemacht. Wieder mal.

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