Keine Zeit für Streit

Zukunft der Berlinale Im Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigte eine Gesprächsabend zur künftigen Leitung des wichtigsten deutschen Filmfestivals, wie schwer Debatten hierzulande fallen
Keine Zeit für Streit
Seine Findungskommission hieß damals Volker Schlöndorff: Dieter Kosslick

Foto: Pascal Le Segretain/Getty Images

Seit gut zehn Tagen gibt es eine Debatte um die Zukunft der Berlinale-Leitung. Und das ist gut, auch wenn sich die betroffene Fachöffentlichkeit dafür schwer erwärmen kann. Denn der Streit ist irgendwie kein Meister aus Deutschland. Was man schon an den Reaktionen auf die Erklärung von 79 Filmemacherinnen sehen konnte, die am 24. November publik wurde und die bei aller Vorsichtigkeit in der Sprache ein ungewöhnlich markantes Statement darstellt – weil alle namhaften deutschen Regisseure sich darauf einigen konnten, nach 18 Jahren Dieter Kosslick dafür zu werben, das wichtigste hiesige Filmfestival "programmatisch zu erneuern und zu entschlacken", und sich bei der Neubestellung der Leitung ("eine herausragende kuratorische Persönlichkeit ..., die für das Kino brennt") ein "transparentes Verfahren" wünschen.

Nach der Veröffentlichung zeigten sich ein Teil der Fachöffentlichkeit und absurderweise auch einige Unterzeichner (Dominik Graf, Andreas Dresen) davon überrascht, dass man die Erklärung auch als Kritik an Kosslick verstehen konnte. Was auf die wenig ausgeprägte Streitkultur im Lande verweist: Einen "Neuanfang" zu fordern und trotzdem nicht Kosslick meinen zu wollen, von dem zu hören ist, dass er nicht aufhören möchte, als "Präsident" weitermachen will und bei seiner eigenen Nachfolge mitreden – das geht nur in Deutschland scheinbar widerspruchsfrei zusammen.

Funny.

Wie überhaupt die Vorstellung, es könne Kritik am Genossen Dieter Kosslick bei der Realisierung der Beschlüsse zur Planerfüllung im Filmfestivalwesen geben, Teilen des deutschen Filmfördermarktes fremd zu sein scheint. Dabei könnte es den Opportunisten aus der hiesigen Filmsubventionierungsverwaltung doch eigentlich egal sein, wer die Berlinale leitet, weil sie es sich nie mit der Person, sondern immer nur mit der Funktion nicht verscherzen werden wollen.

"Crazy Race 1-3"

Für die Schwierigkeiten, eine Debatte zu führen, bot die von der Beauftragten für Kultur und Medien, Staatsministerin Monika Grütters, organisierte Gesprächsveranstaltung am 4. Dezember im Berliner Haus der Kulturen der Welt herrlichen Anschauungsunterricht. Als Zeichen von Transparenz konnte gesehen werden, dass der ursprünglich als "halb-öffentlich" gedachte Abend schließlich zu einem "öffentlichen" wurde. Und dass Kirsten Niehuus, die Chefin des Medienboard Berlin-Brandenburg, die als Kandidatin auf die Kosslick-Nachfolge galt, kurzfristig aus "familiären Gründen" abgesagt hatte.

Unter dem äußerst luftigen Titel "Filmfestivals heute" diskutierten fünf Menschen auf dem Podium, von denen nicht einer je ein Festival geleitet hat: der Produzent Thomas Kufus, der Regisseur Volker Schlöndorff, Bettina Reitz, die Leiterin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, der Regisseur Christoph Hochhäusler und die Filmkritikerin Christiane Peitz ("Tagesspiegel"). Moderiert wurde das Gespräch von dem Drehbuchautor Philipp Weinges ("Crazy Race 1-3"), der Kufus in der Leitung der Deutschen Filmakademie nachgefolgt ist.

Zu den merkwürdigen Schieflagen in dem von Weinges stumpf geführten Gespräch gehörte, dass Hochhäusler als Sprecher der Erklärung der 79 Filmemacher – vor allem von Reitz und Peitz – mitunter adressiert wurde wie ein bockiges Kind. Schlöndorff hingegen, der die Erklärung spät unterzeichnet hatte (man könnte auch sagen: gerade noch rechtzeitig, weil es natürlich ein Ausweis des Dazugehörens ist, wenn quasi alle dabei sind), wurde überhaupt nicht damit in Verbindung gebracht. Bekannte gegen Ende aber freimütig scherzend, dass die Erklärung noch hätte viel radikaler ausfallen müssen – "statt des Wischiwaschi, was alle unterschrieben haben, und zum Schluss haben alle gesagt, April, April, so hab ich's nicht gemeint. Ich würde gerade die Konfrontation suchen."

"Oarthouse-Kino"

Was besonders witzig ist, wenn die Invektive aus Hochhäuslers gemeinsam mit dem Dokumentarfilmemacher Thomas Heise vorgetragenen Impulsreferat (das in seiner Grundsätzlichkeit, auch das ein Armutszeugnis für die Streitlust der Anwesenden, mit Zwischenrufen bedacht wurde von Leuten, die intellektuell damit überfordert waren) so verstanden werden konnte, dass kein anderer als Schlöndorff es war, der auf Nachfrage eines Staatssekretärs vor 16 Jahren "Klaus Kosslick" (Schlöndorff) vorgeschlagen hatte als neuen Chef der Berlinale.

Nachgefragt hatte Moderator Weinges das naturgemäß nicht – so wie es auch nicht verwundernswert schien, dass der dubiose, darin aber durchaus faszinierende Schlöndorff überhaupt auf diesem Podium saß. Und es wäre in dieser sehr deutschen Logik keine Überraschung, wenn Schlöndorff samt seiner ausgestellten Weltläufigkeit ("Oarthouse-Kino") am Ende auch über Kosslicks Nachfolgerin mitreden würde. Schlöndorff, der zugleich wiederum die Grundsätzlichkeit der Kritik von Heise und Hochhäusler versteht, wenn er zwischendurch gut gelaunt einwirft, die Öffentlich-Rechtlichen seien, was die problematische Struktur betrifft, eine "Karikatur der Berlinale".

Eine andere bezeichnende Verwischung der Linien in der Debatte wurde personifiziert durch Christiane "Ich glaube aber, da sind sich alle einig" Peitz, die permanent um den Konsens bemüht war, der das Streiten unmöglich macht (zu Hochhäusler: "Ich hab den Eindruck, die Berlinale, die ihr euch wünscht als Zukunftsszenario, die ist in Teilen schon da"). Bei aller Heterogenität der Filmkritik wäre von Peitz qua Beruf eine distanziertere Position zu erwarten gewesen.

"Beihemmung ist kein Frieden"

Und hätte die Journalistin nach einem Aufriss der Baustellen für eine neue künstlerische Leitung nicht gesagt: "Dazu muss eine künftiger Leiter, eine künftige Leiterin Ideen haben. Wenn ich die alle hätte, würde ich mich bewerben" – man hätte ihren Auftritt glatt als Bewerbung für eben diese Position nehmen können.

Bettina Reitz verstand sich dagegen auf die politikerhafte Kunst, wohltönend zu reden und alle Positionen irgendwie mit einzubeziehen, ohne am Ende etwas zu sagen (als Kurzbeispiel: "Man kann viel darüber diskutieren, was man sich wünscht, ob es am Ende umzusetzen sein wird, hängt an ganz, ganz vielen Faktoren").

So bedeutete der Abend das Gefälle, das in der Auseinandersetzung herrscht. Mit dem fundamentalen Zweifel aus dem Heise-Hochhäusler-Referat (das die Berlinale als Symptom für das ganze System an Abhängigkeiten aus dem deutschen Filmförderkomplex begriff) konnte eine Podiumsroutine, die ihr eigenes Reden eh als wirkungslos begreift, weil es danach noch Häppchen gibt, überhaupt nichts anfangen. Der Hinweis auf die Unterrepräsentation von ostdeutschen Filmemacherinnen wurde weder von Moderator Weinges noch von anderen Teilnehmern der westdeutsch sozialisierten Runde aufgegriffen.

Das ist der Stand der Dinge. Und dass er sichtbar wurde, ein Erfolg. "Beißhemmung ist kein Frieden", sagte Hochhäusler, um die Möglichkeit der Auseinandersetzung zu betonen. Monika Grütters machte in ihrem Eingangsstatement derweil klar, dass es keine Vorfestlegungen gebe – weder auf eine Weiterbeschäftigung Kosslicks (der am 5. Dezember seine Pläne für die Berlinale-Zukunft vorstellt), noch auf eine "deutsche Frau" als kommende Leiterin.

"Material"

Den Wunsch nach der Findungskommission aus der Erklärung der Regisseure beschied sie abschlägig, insofern dem Aufsichtsrat der Kulturprojekte des Bundes in Berlin GmbH (KBB, neben der Berlinale etwa für Berliner Festspiele und HKW zuständig) Fachberater zugesellt werden. In dem Aufsichtsrat sitzen neben Grütters: Günter Winands (BKM), Andreas Görgen (Auswärtiges Amt), Martin Kelleners (Finanzministerium), Björn Böhing (Senatskanzlei Berlin, der bei der Bestellung der letzten DFFB-Direktion nicht unbedingt brilliert hatte), Torsten Wöhlert (Senatsverwaltung Berlin), Konrad Schmidt-Werthern (Senatsverwaltung Berlin), Sybille Blomeyer (Senatskanzlei Berlin), Hansjürgen Rosenbauer (Medienrat Berlin-Brandenburg), Ulrich Khuon (Intendant Deutsches Theater), Mariette Rissenbeek (German Films), Marion Ackermann (Staatliche Kunstsammlungen Dresden).

Wenn wir das richtig gezählt haben: Acht Männer und vier Frauen; zehn Westdeutsche, eine Holländerin und ein Ostdeutscher. Wie sagte Thomas Heise, an Heiner Müller und Bertolt Brecht geschult: "Wir sind einverstanden mit der Welt, denn sie ist unser Material."

00:45 05.12.2017
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