Matthias Dell
11.07.2012 | 12:36 1

Michigan macht nicht an

Neu im Kino Nett ist kein Schimpfwort: Nicholas Stollers Komödie "Fast verheiratet" über krisenhafte Mittdreißiger verbreitet durch sympathische Unambitioniertheit großes Vergnügen

Jason Segel sieht nicht wie ein Mann aus, von dem man im Kino träumen wollte. Denn Jason Segel ist von herausragender Durchschnittlichkeit; gemessen an den Projektsflächen, an die das Kino sonst seine Geschichten knüpft, wirkt er zu groß, zu kräftig, zu unbedeutend. In Filmen, die auf Äußerlichkeiten achten, wäre Jason Segel, der in der Fernsehserie How I met your mother mitgespielt hat, vermutlich der beste Freund des attraktiven Helden. Er würde einen Beruf ausüben, der in Partygesprächen keine Bewunderung hervorriefe, und hätte er als bester Freund gerade keine Freundin zu haben.

Dass Jason Segel in der romantischen Komödie Fast verheiratet, die er gemeinsam mit Regisseur Nicholas Stoller geschrieben hat und die von Judd Apatow produziert wurde, nun aber selbst der männliche Held Tom ist und in dieser Funktion mit Violet (Emily Blunt) das schönste Mädchen bekommt, sagt viel über die versteckte Schönheit dieses Films aus.

Wenn man es böse meinte, könnte man Fast verheiratet vorwerfen, ein Jungsfilm zu sein, der sich in der Verlängerung der Illusionen über die pubertäre Zurücksetzung eben das schönste Mädchen als Frau imaginiert. Und in dem die Mittdreißiger wirken, als seien sie noch mit dem Erwachsenwerden beschäftigt.

Coming from San Francisco

Allerdings nicht auf neurotische oder regressive Weise, und deshalb ist es völlig unmöglich, diesem Film in irgendeiner Form böse zu sein. Fast verheiratet ist nett in einem Sinne, der für viele Zeitgenossen absurderweise ein Grund ist, „nett“ als Schimpfwort zu betrachten: Die Komödie will nicht viel, und das, was sie macht, tut sie mit großer Liebe zum Detail.

Tom und Violet sind ein Paar, und pünktlich zum Jahrestag des Kennenlernens macht er ihr nicht ganz so punktgenau einen Antrag über den Dächern von San Francisco. Die Hochzeit muss verschoben genauso wie der Nachwuchs, als Violet eine Stelle an der Uni bekommt – nicht wie erhofft im nahen Berkeley, sondern in Michigan, was im Film konsequent Michigan heißt, weil die Unterschiede zwischen den Städten in Michigan aus der Perspektive von San Francisco egal sind. Tom ist Koch in einem guten Restaurant, und weil er Violet liebt, kann er überall kochen, also auch in Michigan, nur dass es dort wenig gute Restaurants gibt. Nach zwei Jahren wird Violets Stelle verlängert, und das forciert das Dilemma erheblich, berufliche Erfüllung und privates Glück gegeneinander denken zu müssen. Zumal Violets Schwester parallel das Leben zu leben scheint, dass sich Tom und sie versprochen hatten.

Das Unambitionierte an Fast verheiratet besteht nun darin, dass dieses generationelle Problem ernsthaft genug behandelt wird, um die Komödie nicht in die Pflicht von dauernden Gags zu zwingen, und das umgekehrt das Interesse an einem wirklichen Generationenportrait zu unterentwickelt ist, um nicht in entscheidenden Momenten für schöne und drastische Gags fallengelassen zu werden.

So beiläufig der Film vom Leiden am multioptionalen Hedonismus seiner Figuren erzählt, die hierzulande nur mit einem Sozialdrama bestraft werden könnten, so nebenher stellt sich Vergnügen ein. Fast verheiratet ist eine Komödie, von der man vergessen kann, dass sie eine ist, weil sie weniger Schenkelklopfer produziert als ein andauerndes Schmunzeln. Dass es auch um Gefühle geht, merkt man daran, das nach dem Kino unbedingt noch mal in Van Morrisons Dancing in the moonlight reingehört werden muss.

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