Reise, Osten, Abrechnung

Bilanz Volker Koepp begibt sich wieder auf die Spuren von Johannes Bobrowski: Filmische Bewegungen eines Werks
Reise, Osten, Abrechnung
Ein Punkt, eine Reise: Volker Koepp war für seine Filme viel unterwegs (siehe Info)

Karte: der Freitag; Material: Imagorb/iStock

Am 9. April wäre der Dichter Johannes Bobrowski 100 Jahre alt geworden. Geboren wurde er in Tilsit, gestorben ist er 1965 in Ostberlin, wohin er nach der Kriegsgefangenschaft Anfang der 1950er Jahre kam. Und wo er mit dem Schreiben überhaupt erst begann. Dem Schreiben über das Gebiet um – wie Tilsit seit 1945 heißt – Sowjetsk, den Landstrich, der ihm plötzlich fern war und auf dem schon vor dem Migrationsdruck des Zweiten Weltkriegs ein buntes kulturelles Miteinander zu Hause war.

„Und sonst ist die Wahl dieses Themas so was wie eine Kriegsverletzung. Ich habe nur wegen dieses Themas angefangen zu schreiben“, wird der Dichter zitiert in Wiederkehr – Reisen zu Johannes Bobrowski, dem jüngsten Film des Dokumentaristen Volker Koepp, der am 11. April im RBB ausgestrahlt wird. Denn das Werk des Autors mag Gedichte, Erzählungen und den Roman Levins Mühle umfassen – zur Wirkungsgeschichte von Bobrowski kann man die über 50 Kurz- und Langfilme, die Koepp seit bald 50 Jahren gemacht hat, auf jeden Fall dazuzählen.

Bobrowskis Gedichte (etwa der Band Sarmatische Zeit von 1961), wird am Beginn von Wiederkehr erzählt, bedeuteten für den 1944 in Stettin geborenen Koepp Anfang der 1960er Jahre eine Entdeckung: „Eine andere Welt tat sich auf.“ Und motivierten eine filmische Bewegung, die sich bis heute immer wieder aktualisiert: Grüße aus Sarmatien (Für den Dichter Johannes Bobrowski) hieß 1973 Koepps erster Versuch, sich der Welt zu nähern, von der die Gedichte kündeten.

Seinerzeit musste das Filmteam mit Aufpasser aus Moskau draußen bleiben und konnte sich der Memel, dem gesperrten Kaliningrader Gebiet, nur von der litauischen Seite, von Rusnė aus nähern. Kalte Heimat hieß 20 Jahre später das Opus magnum, das endlich die Fahrt nach Sowjetsk/Tilsit möglich machte. Für die westdeutsche Linke war das eine Herausforderung, weil sie den Blick nach Osten nur als revanchistische Forderung der Vertriebenenverbände kannte.

Koepp Country

Die Reisen, die Volker Koepp für seine Filme unternommen hat, lassen, grafisch dargestellt, gewisse Ballungen erkennen. Sieben Wittstock- und drei Zehdenick-Filme, die Uckermark, Kaliningrader Gebiet, die Bukowina, Sarmatien. Mit gewissen Vorlieben: Kaliningrad/Königsberg kommt zum Beispiel kaum vor, Sowjetsk/Tilsit immer. Czernowitz häufig, Lwiw/Lemberg nie. Unsere Liste umfasst beinahe alle Filme. Zugeordnet wurde immer nur ein – meist zentraler – Drehort, auch wenn es oft mehrere gibt. Nach Westdeutschland ist Koepp nur für Söhne (2007) gereist – auf den Spuren einer deutsch-polnischen Familiengeschichte nach 1945.

Aber Volker Koepp geht es nicht ums Wiederkriegen und Sentimentalwerden, sondern ums Bewahren – der Geschichten von Menschen und Landstrichen, deren Gesicht gegerbt ist von den politischen Großwetterlagen des 20. Jahrhunderts. Und der Gegenwart: Ein alter Bauer in Wiederkehr, der sich noch an den Fischer Jurgenaitis erinnert, den Koepp 1973 getroffen hatte, sagt, dass die Grenze zwischen Litauen und Russland heute befestigt ist wie lange nicht.

Bewahrt wird auch das Andenken an Johannes Bobrowski. Ohne Koepps Filme würde das deutsche Fernsehen wohl kaum an den Dichter erinnern. Wiederkehr erzählt vom Fortgang der Dinge: Die Berliner Gedenkstätte, die Koepp ebenfalls schon früh, nämlich noch in schwarz-weiß gedreht hatte, wurde 2012, nach dem Tod der Witwe Johanna, aufgelöst. Sie befindet sich jetzt in einem kleinen Ort neben Sowjetsk, was ein hübsches Bild ist für die Wege, die Geschichte sich sucht, und ein tolles Déjà-vu im Werk von Volker Koepp: Das Arbeitszimmer von Bobrowski steht originalgetreu an dem Ort, an den sich in diesem erinnert wurde.

Info

Wiederkehr – Reisen zu Johannes Bobrowski Volker Koepp D 2017, 59 Min. Am 11. April 22.45 Uhr im RBB

06:00 09.04.2017
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