Ein Happy End für die Popliteratur

Joachim Lottmann Würdevoll Altwerden ist ein großes Problem in der Popkultur. „Happy End“ schlägt eine bestechende Lösung vor
Ausgabe 24/2015
Joachim Lottmann war ja nie jung: „Ich war alt, immer, zu allen Zeiten“
Joachim Lottmann war ja nie jung: „Ich war alt, immer, zu allen Zeiten“

Foto: Christian Thiel/Imago

Natürlich existiert das Problem des Alterns eines Künstlers nicht erst, seit die Popkultur die Jugend zum Fetisch erklärt hat. Mit solider Halbbildung fällt einem sofort Oscar Wilde ein, der mit seinem Bildnis des Dorian Gray eine recht katholische Lösung vorschlug: Man lässt ein Kunstwerk an seiner statt altern.

Aber das funktioniert natürlich nur äußerlich, im Herzen wurde dieser Dorian Gray ja ein echter Kotzbrocken. Ähnlich sieht es bei einigen bekannten Herrschaften aus, die im Alter nur noch sich selbst kennen. Ich verzichte auf Namen, sie sind bekannt, zum Teil handelt es sich um jüngst verstorbene Größen. Natürlich gibt es Gegenbeispiele. Auch aus der Popmusik, man denke an Paul Weller und David Bowie, die würdig altern, oder an Siouxsie Sioux und Patti Smith.

Eine Nase drehen

Ein Problem hat natürlich auch die Popliteratur, die insofern an Oscar Wilde anschließt, als sich viele Popliteraten als Nachfahren des klassischen Dandys verstehen. Und nicht nur Männer: Erkennen wir in Ronja von Rönne nicht die Gestalt des „weiblichen Dandys“ am Horizont der Popliteratur? Die These kann hier leider nicht ausgeführt werden, aber ich denke, dass sie eine gute Lösung finden wird.

Eine kaum zu toppende Lösung für das Problem des Alterns hat nun aber der Erfinder der Popliteratur gefunden: Joachim Lottmann, dessen neuer Roman Happy End dieser Tage erscheint (Haffmans & Tolkemitt). Der Plot besteht kurz gesagt darin, dass sein Alter Ego Johannes Lohmer dem Literaturbetrieb eine schöne Nase dreht und ansonsten aus einem recht glücklichen Leben erzählt. Lohmer hat die Frau seines Lebens gefunden, sie hat ihn gefunden, happy together, aber wie kann man unter diesen Umständen noch Romane schreiben?

Nun, genau das ist die Frage, die der Roman zu seinem Thema macht und unter anderem so löst, dass der Schriftsteller und Journalist Lohmer einfach die Genese seiner Reportagen erzählt und diese dann auch noch mit im Buch abdruckt (ein Verfahren, das dem Lottmannleser vertraut ist).

Happy End enthält auch eine Reportage aus dem neuen Berlin, das er furchtbar findet, weil nur noch junge Menschen da leben, und aus Wien, das er schätzt, weil da auch ältere und alte Menschen leben. Je länger man liest, desto vertrauter kommt einem das alles vor, und man greift wieder einmal zu seinem Erstling Mai, Juni, Juli, das als erstes Werk der Popliteratur überhaupt gilt.

Veronkelung

Und dann begreift man plötzlich: Lohmer alias Lottmann war ja nie jung! Schon sein Debütroman sagt es unmissverständlich: „Ich war alt, immer, zu allen Zeiten“ (Seite 96). Und das als Popliterat! Wie ist so etwas möglich?

Nun, durch einen Vorgang, der in der donaldistischen Ethnologie als „Veronkelung“ bekannt ist. Was bedeutet er? Angeblich ist dieser Schriftsteller im Jahr 1956 geboren, aber solche Aussagen sind bei einem virtuosen Vermischer von Fakten und Fiktionen mit Vorsicht zu genießen. 1986, das Jahr, in dem Mai, Juni, Juli spielt, wär er also 30 Jahre alt gewesen. Und in Happy End ginge er auf die 60 zu.

Er scheint in diesem Buch aber etwas jünger (die Macht der Liebe!), in jenem dagegen deutlich älter (die Last des Aussenseiters und Beobachters). Als Mittelwert kann man demnach festsetzen: Lottmann alias Lohmer ist 50 Jahre alt, immer, zu allen Zeiten.

Es werden also zahllose weitere Romane folgen. Mögen sie so vergnüglich sein wie der aktuelle und etwas kürzer ausfallen, denn dieser hier hat sich nach hinten doch etwas „verlabert“ (um es mit Julia Encke in der FAS zu sagen). Auch Zeitlosigkeit schützt nun einmal nicht vor literaturkritischen Einwänden.

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Geschrieben von

Michael Angele

Ressortleiter „Debatte“

Michael Angele, geb. 1964 in der Schweiz, ist promovierter Literaturwissenschaftler. Via FAZ stolperte er mit einem Bein in den Journalismus, mit dem anderen hing er lange noch als akademischer Mitarbeiter in der Uni. Angele war unter anderem Chefredakteur der netzeitung.de und beim Freitag, für den er seit 2010 arbeitet, auch schon vieles: Kulturchef, stellvertretender Chefredakteur, Chefredakteur. Seit Anfang 2020 verantwortet er das neue Debattenressort. Seine Leidenschaft gilt dem Streit, dem Fußball und der Natur, sowohl der menschlichen als auch der natürlichen.

Michael Angele

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