Stop it!

Berlin Ein starkes Signal gegen die Zerstörung der Stadt – aber leider noch keins für Urbanismus und Bürgersinn. Zur Abstimmung über das Tempelhofer Feld
Michael Angele | Ausgabe 22/2014 20

Bitte nicht Berliner Lokalpolitik! Was interessiert mich eine „Randbebauung“? Zumal eine, die gar nicht kommt? Kein Sorge, es geht gleich um Weltbewegendes, also rasch die Fakten referiert: Am Sonntag haben sich 64,5 Prozent der Wähler in einem Volksentscheid gegen eine Randbebauung des Tempelhofer Feldes ausgesprochen. Das gesetzliche Quorum wurde erreicht.

Das Gelände, auf dem bis 2008 noch Flugbetrieb war, bleibt, was es ist: eine riesige Freifläche, auf der Rad gefahren, Fußball gespielt, eine Rose gepflanzt, geliebt oder einfach die Weite genossen werden kann. Eine großartige Verschwendung von Raum, ohne dass der Blick gegen die Sieben- bis Zehngeschosser prallt, die der Senat an den Rändern bauen wollte. Er tat dies zwar auch in der Absicht, bezahlbaren innerstädtischen Wohnraum zu schaffen, aber wer kann Wowereit und Co. schon trauen? Die Randbebauung wäre bis zu 200 Meter ins Feld gegangen, das Areal wäre schleichend umgenutzt worden, und von den 4.700 neuen Wohnungen sollte es nur „für 850 Wohnungen eine gedeckelte Nettokaltmiete von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter geben und dies auch nur auf kurze Zeit begrenzt“.

Text stammt von der Initiative, konnte man auswendig. Und war vielleicht insgeheim ganz froh darüber, denn vielen Wählern ging es in ihrem Nein vor allem um ein Grundgefühl: Das nehmt ihr uns jetzt nicht auch noch weg! In einer Stadt, in der Gentrifizierung und Globalisierung sichtbar Einzug halten und die letzten Brachen vulgären Investorentempeln oder auch nur einem Hostel weichen, wurde ein Zeichen gesetzt: Stop it! Auf dem Stimmzettel stand, wie Lorenz Maroldt im  'Tagesspiegel' schrieb, das „Berlin-Gefühl“. Also das, was diese eigentlich hässliche Stadt weltweit so begehrenswert macht. Eine Freifläche größer als Monaco, ein Provisorium auf Dauer, auf dem jeder nach seinem Pläsierchen glücklich werden kann, das gibt es doch nur hier. Und gerade weil es das nur in Berlin gibt, ist das Abstimmungsresultat ein Zeichen, das ausstrahlt. Seht her: Hier endet die Verwertungslogik des Kapitals. Hier herrscht das Volk. Das ist eine starke, aber auch etwas krude Botschaft.

Der neue Citoyen

Und das ahnen viele, die Nein! zu den Plänen des Senats gestimmt haben, aber unsicherer sind, als sich im Wählervotum ausdrückt. Es sind Menschen, die auch schon denken, dass man eine städtische Großfläche vielleicht nicht mit einer „Allmende“ verwechseln sollte. Die aus ureigener Anschauung wissen, dass in einer Metropole nun einmal nicht nur sozial Schwache wohnen. Die die zunehmende Segregation beklagen, aber ihre Kinder unter Gewissensbissen lieber doch nicht an eine Schule mit hohem Migrationsanteil schicken. Die der Meinung sind, dass zu einer Millionenstadt „Urbanität“, Lärm, Gewusel und Wolkenkratzer gehören, aber persönlich bald ins Grüne ziehen wollen.

Menschen also, die mit einem Bein bourgeoise sind, Stadtbewohner mit partikularen Interessen, mit dem anderen citoyen, Bürger der Stadt, am Gemeinwohl interessiert. Die globalisierte Stadt bringt einen neuen Typus dieses citoyen hervor, der zugleich sein Geschöpf und Widerpart ist. In Berlin sehen wir ihn gerade im Entstehen, er ist noch etwas konturlos, und es fehlen ihm die Stimmen. Stimmen wie die von Hans Kollhoff. Der Architekt hatte vor der Abstimmung ein Nein gefordert. Allerdings kein Nein aus Trotz, sondern eins, das einmal einem Ja weichen soll – für ein Projekt, das die Bürger einbezieht und der Einmaligkeit des Ortes, aber auch der sozialen und räumlichen Komplexität einer Metropole wirklich gerecht wird.

 

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 22/14 vom 28.05.2014

13:00 27.05.2014
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