Lass uns Fremde bleiben

Musik Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker spielen Bruckners Neunte Sinfonie ein und bewahren dabei die nötige Distanz

Von seiner neunten und letzten Sinfonie, an der Anton Bruckner seit 1889 gearbeitet hatte, konnte er bis zu seinem Tod im Jahr 1896 nur die ersten drei Sätze fertigstellen. Die sind aber so gewaltig, dass beim Hören der Eindruck, da fehle noch etwas, kaum aufkommen kann. Vom zweiten Satz, dem Scherzo, einem dämonischen Menuett, ist gesagt worden, es sei die „höchste Sublimierung“, die dieser in der sinfonischen Gattung konventionelle Typus je erreicht habe. Der dritte Satz, das Adagio, führt auf seinem Höhepunkt einen musikalischen Zusammenbruch herbei – Steigerung in die Dissonanz, Generalpause, zögernder Wiederbeginn –, wie ihn vergleichbar auch Schubert in seiner Neunten komponiert hat. Am verstörendsten ist der erste Satz dieses „dem lieben Gott“ gewidmeten Werkes. Er beginnt tastend mit dem lange ausgehaltenen Grundton D, der dann in Des-Es aufgelöst wird, bevor das Hauptthema wie eine Fanfare des Jüngsten Gerichts hereinbricht.

Es stürzt unisono in mehreren Anläufen und endet so übergangslos wie definitiv in geläufigen Schlussakkorden. Man hat von seiner „kahlsten Wucht“ und „eckigen Steile“, von „fast übertrieben anmutenden Hochstreckungen“ gesprochen. Als Bruckner seine Neunte komponierte, soll er stundenlang den Wiener Stephansdom umkreist haben. Aber auch an Goethes „Bergschluchten“ könnte gedacht werden, wo „tausend Bäche strahlend fließen/ Zum grausen Sturz des Schaums der Flut“.

Auflösung der Spannungen

Diese Sinfonie ist schon so oft eingespielt worden, dass man von einer weiteren CD nichts Neues mehr erwartet. Die Einspielung von Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern, Life-Aufnahme eines Konzerts im Februar 2012, ist aber doch bemerkenswert. Der Berliner Stardirigent hebt sich wohltuend von all den Interpreten ab, die mit der Botschaft solcher Musik auf Du und Du zu stehen meinen. So hört Wilhelm Furtwängler, wenn er 1944 in Berlin dirigiert, offenbar die sich anbahnende Kriegsniederlage heraus, während die volltönende Klage, die Paavo Järvi 2009 anstimmt, einem persönlichen Schicksalsschlag zu gelten scheint. Bruckners Musik ist aber in der Tat zu „steil“ für politische wie psychologische Deutungen. Rattle, der mindestens ebenso emotional dirigiert, deutet nicht, sondern lässt der Musik ihre Fremdheit. Gerade dadurch wird er ihr gerecht. Denn schon die formale Eigenart aller Sinfonien Bruckners und dieser zumal: dass sie den gewohnten „männlich-weiblichen“ Dualismus der Themen des Hauptsatzes durch einen dritten, quasi senkrecht einfallenden Themenblock aufbricht und relativiert, sollte zur vorsichtig tastenden Wiedergabe veranlassen.

Rattles Version ist auch deshalb wichtig, weil sie eine neue Rekonstruktion des vierten Satzes zur Uraufführung bringt. Wie hätte ihn Bruckner geschrieben, wenn er fertig geworden wäre? Mit seinen Kompositionsskizzen war er immerhin so weit vorangekommen, dass man sich ein Bild machen kann. Zwar bleibt das Bild verschwommen. Die anatomische Klarheit und Schärfe der vollendeten Sätze stellt sich nicht ein. Aber man kann heraushören, dass Bruckner die Spannungen zuletzt auflösen wollte. Der vierte Satz fängt an, wo der erste aufhörte: Dort die gezackte, unterbrochene Linie der Violinen, die das zerklüftete Hauptthema variiert, hier deren Steigerung zur wilden Unruhe. Bald folgt ein Choral, der gemessen begütigend Stufe für Stufe herabsteigt.

Bruckner No. 9 Four Movement Version Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, EMI 2012

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