Wie denkt man?

Das Fragen „Wie sehr hängt der Bildungsstand der Kinder vom Besitz eines PCs im Haushalt ab?“ und noch ein weiteres Beispiel

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Wie denkt man?

Foto: Christopher Furlong/ AFP/ Getty Images

Die folgende kleine Diskussion über das Fragen und Antworten – mit rechercheuse und Christine Quindeau - habe ich aus dem Kommentarstrang unter dem Gespräch mit dem Lyriker Christian Lehnert ausgelagert, weil sie dort vom Thema abführt.

- Christine Quindeau:

Das ist interessant, dass die Frage um der Wahrheit Willen zurückgewiesen werden will. Wenn man es so sieht, wehrt sich die Wahrheit gegen die "Vergewaltigung", die jede Frage unumgänglich an der Wirklichkeit begeht, indem die Frage die Wirklichkeit auf nur einen Aspekt reduziert [...].

Ich hätte ja bis dahin gesagt, die Frage bringt die Wirklichkeit quasi um ihre Persönlichkeitsrechte (ihre nicht kategorisierte Vielfalt), aber wenn sie natürlich im Augenblick, da sie gestellt wird, konkludent einwilligt zurückgewiesen/korrigiert/erweitert zu werden, gilt das nicht mehr.

Keine Ahnung, warum ich heute lauter juristische Metaphern bringe, Vergewaltigung, Verletzung von Persönlichkeitsrechten, konkludente Einwilligung... verzeihung.

Diese Einwilligung ist nur nicht gängige Praxis, mit der Fragen gestellt werden. Auch nicht in der Wissenschaft. Die Fragen, die gestellt werden, werden zwar normalerweise wahrheitsgemäß beantwortet, gehen aber oft völlig an der Wirklichkeit vorbei. Zum Beispiel hat ein Professor untersucht, wie sehr der Bildungsstand der Kinder vom Besitz eines PCs im Haushalt abhängt. Er ging davon aus es gibt einen positiven Zusammenhang. Den gab es, aber er war gering. Das überraschte ihn. Weil er ein ehrenhafter Mensch und Wissenschaftler ist (wenn auch ein unglaublicher Leuteschinder, aber das gehört nicht hierher^^), hat er den Einfluss des vorhandenen Geldes im Elternhaus aus dem Ergebnis herausgerechnet. Danach gab es keinen signifikanten Zusammenhang mehr. War ein harter Schlag für ihn, er hatte jahrelang daran geforscht, wie sehr sich Bildungseinflüsse durch den Einsatz von PCs verbessern lassen. Dann hat er - mit wachsender Verzweiflung - den Einfluss untersucht, die die Anzahl der Pcs im Haushalt auf den Bildungsstand und die intellektuellen Fähigkeiten der Kinder hat. Und - Achtung festhalten - sie sinkt proportional zur Anzahl der zur Verfügung stehenden PCs.

Das war die Ausnahme. Die Norm ist: Ein Wissenschaftler stellt eine Frage, erhält die Antwort, die vollkommen ins Bild seiner bisherigen Forschung passt. Und präsentiert sie ganz legitim als Wahrheit.

Also die Frage an sich ist schon der erste große Einschnitt an der Wirklichkeit, ob danach überhaupt noch Wahrheit herauskommen kann, ist höchst... fraglich ^^

LG!

P.S. Auflösung des PC-Rätsels, falls das jemanden interessiert: die Untersuchung hat ergeben, dass bei nur einem PC im Haushalt die Erwachsenen ihn oft benutzen, so dass die Kinder verhältnismäßig wenig Zeit an ihm verbringen. Daher gab es keinen Einfluss. Gibt es mehrere PCs, verbringen die Kinder auch relativ viel Zeit an ihnen und bilden sich dort nicht, wie der Professor sich das so schön dachte, sondern machen Videospiele, schauen sich Filmchen an und lernen im Internet Rechtschreibfehler ^^

- M.J.:

Liebe Christine, das PC-Beispiel ist eine sehr passende Veranschaulichung. Ja, das ist nur die Ausnahme – aber das besagt wenig, denn es geht in erster Linie nicht um die Frager, die fragenden Menschen mit ihren Interessen, ihrer Moral, Intelligenz usw., sondern um die Frage als solche, die es einfach gibt und auf die man zugreifen kann. Und wenn einem da Begriffe des Rechts einfallen, finde ich das ganz angemessen. Denn gerade im Recht ist es ja so, dass das, was gilt, dennoch nicht immer getan wird, und dass umgekehrt die Taten das, was gilt, nicht ungeschehen machen. Wobei noch hinzuzufügen ist: Was heißt denn „auf die Frage zugreifen“? Es heißt die Möglichkeit zulassen, dass sie vielleicht zurückgewiesen wird. Ob der Fragende will oder nicht, dieses Recht gibt er dem Antwortenden. Wer meint, diesen Aspekt der Fragelogik aussparen zu können, der greift eben in Wahrheit gar nicht auf die Frage zurück, sondern vielmehr auf den Befehl. Und wenn man das zwar bedauern kann, so gilt dann wenigstens auch umgekehrt, dass wer auf den Befehl zurückgreift, unter Umständen erfährt, dass er in Wahrheit auf die Frage zurückgegriffen hat.

Und es geschieht eben doch immer wieder einmal, dass auf die Frage zurückgegriffen wird. Dass mich das Thema so sehr beschäftigt, hängt ja damit zusammen, dass ich vor langer Zeit zu der These gelangt bin, dass Frage-Zurückweisungen der Mechanismus sind, durch den sich wissenschaftliche Revolutionen vollziehen und zwar selber noch, was oft bestritten wird, auf rationale Weise. Und nun sind solche Revolutionen zwar allerdings die große Ausnahme, aber sie sind auch das Grundlegende in der Wissenschaft.

Und wer weiß, vielleicht gilt all das auch für politische Revolutionen.

Dass übrigens die Frage die Wirklichkeit „auf einen Aspekt reduziert“, wäre nicht meine Vorstellung, ich würde sagen, es ist umgekehrt, nämlich bei vielen Fragen stellt sich früher oder später heraus, dass zu viel auf einmal gefragt worden ist – Fragen wären dann nicht einseitig, sondern konfus. Bei Ihrem PC-Beispiel ist es jedenfalls so, denn die Zurückweisung der Frage des Professors (die er sich selbst erteilt hat), „wie sehr der Bildungsstand der Kinder vom Besitz eines PCs im Haushalt abhängt“, würde, wenn man sie ausschreibt und die Struktur betont, lauten: „Du hast nur eine Frage gestellt, wo du mehrere hättest stellen müssen (das konntest du nicht wissen, es ist ja auch kein Vorwurf, aber so verhält es sich: Deine Frage war objektiv konfus), nämlich erstens, ‚hängt der Bildungsstand überhaupt vom PC-Besitz ab‘, zweitens, ‚wenn ja oder wenn nein, spielt es eine Rolle, ob einer oder mehrere PCs vorhanden sind‘, und dann erst drittens, ‚gegebenenfalls, wie sehr hängt usw.‘.“

- rechercheuse:

mein beispiel: meine freundin hat mit einem mitmenschen ein riesenproblem und ist total enttäuscht und kriegt sich nicht mehr ein ... ich: "ist doch gar nicht so schlimm, ist doch prima eigentlich, weisst du nicht, dass eine enttäuschung nur das ende einer täuschung ist?"

>>> dies ist eine brücke ... zum anders denken und ich will NICHT, dass sie zurückgewiesen wird ... in dem sinne von brecht: "fragen eines lesenden arbeiters"

- M.J.:

Einverstanden, eine solche Antwort, in der die Fragestellung der Freundin zurückgewiesen ist, sowie die aus ihr hervorgegangene neue Frage, sie sollten nicht selbst wieder zurückgewiesen werden. Wahrscheinlich wird das auch gar nicht geschehen (denn die neue Frage zurückweisen hieße ja wieder, s.o., ihre Konfusion aufdecken), sondern die Freundin wird die Frage vielleicht „nicht hören wollen“, sich mit ihr nicht befassen, die Antwort also verweigern – das ist etwas anderes als Fragezurückweisung, denn um eine Frage zurückzuweisen, muss man erst einmal anerkannt haben, dass gefragt worden ist, was eben in der Form geschieht, dass man antwortet, wenn auch so antwortet, dass die Antwort die Konfusion der Frage ausspricht und moniert und sie somit eben zurückweist.

Hinzufügen möchte ich noch, dass „Zurückweisung“ meiner Ansicht nach kein schlechtes Wort ist, das man möglichst vermeiden müsste. Etwas zurückweisen heißt nicht es vernichten. Die Zurückweisung einer Frage ist nicht deren Vernichtung - sondern genau dass gesagt wird Ich muss dich enttäuschen („weisst du nicht, dass eine enttäuschung nur das ende einer täuschung ist?"). Ich berufe mich auf die Etymologie: Zurückweisung ist das Gegenteil von Weisung, Weisung kommt von weisen, zeigen, wie beim „Wegweiser“, auf dem vielleicht draufsteht Dieser Weg ist eine Sackgasse - wodurch sich viele, an ihrer Absicht gemessen, zurückgewiesen finden werden -, und wer dann trotzdem noch weitergehen will, kann es ja tun, und wer umkehrt, obwohl vielleicht gar nicht stimmt, was der Wegweiser behauptet, hat auch das tun können. Verboten oder befohlen hat ihm der Wegweiser weder das eine noch das andere, also was ich damit nur sagen will, gegen die Wörter „Weisung“ und „Zurückweisung“ spricht meines Erachtens nichts, so wenig wie gegen die Wörter "Täuschung" und „Enttäuschung“.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Michael Jäger

Redakteur „Politik“ (Freier Mitarbeiter)

Michael Jäger studierte Politikwissenschaft und Germanistik. Er war wissenschaftlicher Tutor im Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin, wo er bei Klaus Holzkamp promovierte. In den 1980er Jahren hatte er Lehraufträge u.a. für poststrukturalistische Philosophie an der Universität Innsbruck inne. Freier Mitarbeiter und Redaktionsmitglied beim Freitag ist er seit dessen Gründung 1990. 1992 wurde er erster Redaktionsleiter der Wochenzeitung und von 2001 bis 2004 Betreuer, Mitherausgeber und Lektor der Edition Freitag. Er beschäftigt sich mit Politik, Ökonomie, Ökologie, schreibt aber auch gern über Musik.

Michael Jäger