Mauer vor die Mauer

Kultur Die East-Side-Gallery soll nach Plänen der Berliner Stadtverwaltung zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt werden. Ist das wirklich nötig?
Mladen Gladić | Ausgabe 16/2017
Mauer vor die Mauer
Die Graffitis an der Mauer werden vor allem durch die "Mauerspechte" gefährdet

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Unter Denkmalschutz steht sie schon seit 1991. Jetzt soll die East Side Gallery, mit 1,3 Kilometern längstes noch erhaltenes Stück der Berliner Mauer, auch Unesco-Welterbe werden. So wollen es die Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg. Warum nicht, kann man denken und einen Satz Walter Benjamins vom Kopf auf die Füße stellen. Denjenigen nämlich, wonach es kein Dokument der Kultur gebe, das nicht gleichzeitig eines der Barbarei sei. Um einzusehen, dass es auch Zeugnisse der Barbarei gibt, die zugleich als solche der Kultur gelten können, muss man nicht erst den niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas bemühen, der sich 1971 beim Besuch Berlins von der „herzzerreißenden“ Schönheit der Mauer überrascht zeigte.

Ohnehin geht es denen, die den Abschnitt an der Mühlenstraße gern als weiteren Berliner Eintrag in der Liste des Weltkulturerbes sehen würden, nicht um ein Dokument der Teilung. Welterbe soll das Stück zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke vor allem wegen seiner nachträglichen Gestaltung werden: 1990 hatten sich hier 118 Künstler aus 21 Ländern im ersten gesamtdeutschen Kunstprojekt großen Stils verewigt. Deshalb kommen jedes Jahr etwa dreieinhalb Millionen Touristen und staunen, über die Motive – und die Selfies, die sie vor ihnen machen. Vielleicht empfinden sie auch, was schon 1991 die Begründung dafür abgab, den Ort unter Schutz zu stellen: dass „Freiheit und Kreativität letztlich stärker sind als Zwangsmaßnahmen und Gewalt“.

Gleichzeitig ist der Besucherstrom ein Problem für den Erhalt der Freiluftgalerie: „Mauerspechte“ brechen Stücke aus dem Bauwerk, um sie als Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Graffiti gibt’s sowieso. Jetzt ist eine Absperrung geplant, die die Mauer schützen soll, quasi eine Mauer vor der Mauer. Eigentlich aber soll diese, einmal Kulturerbe, vor anderem schützen: dem Ausverkauf des Spreeufers und seiner Umwandlung von öffentlichem in kommerziellen Raum. Verschärfte Auflagen für die Bebauung würden für die unmittelbare Umgebung gelten – Kollateralnutzen eines Welterbes East Side Gallery. Ein Kollateralschaden wäre die weitere Musealisierung des Ortes. Dass der grüne Bezirk das Spreeufer nicht ohne weltkulturelle Ausflüchte schützen kann, ist der eigentliche Skandal.

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06:00 26.04.2017
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