Wenn die Mitarbeiter egal sind

booking.com Die Plattform für Urlaubsreisen verkauft Standorte an den Callcenter-Betreiber Majorel. Auch in Berlin müssen Hunderte Beschäftigte um ihre Zukunft fürchten
Tourist im Quarantänehotel in London: Für die Tourismusbranche bedeutet die Coronakrise Einbrüche, doch auch schon zu Boomzeiten kam von den Milliardenumsätzen bei den Beschäftigten wenig an
Tourist im Quarantänehotel in London: Für die Tourismusbranche bedeutet die Coronakrise Einbrüche, doch auch schon zu Boomzeiten kam von den Milliardenumsätzen bei den Beschäftigten wenig an

Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Am 11. Februar 2022 wurden die etwa 3.000 Arbeiter*innen im Kundendienst der Buchungsplattform booking.com zu einem Videokonferenztermin eingeladen. Dort eröffnete ihnen ihr Chef Glenn Fogel, CEO des niederländischen Plattformunternehmens, dass sie bald nicht mehr bei booking.com arbeiten werden. Zwölf Standorte rund um die Welt gehen an den Callcenter-Betreiber Majorel. Auch der deutsche Standort in Berlin mit etwa 340 Mitarbeiter*innen ist betroffen. Aktuell ist wenig darüber bekannt, was der Betreiberwechsel genau bedeutet, aber die Angst bei den Beschäftigten ist groß: „Wir werden komplett im Unklaren gelassen. Unser Chef redet davon, wie wichtig es ist, flexibel zu bleiben, aber ich weiß nicht mal, ob ich im Sommer noch meine Miete zahlen kann“, berichtet die Mitarbeiterin Elena Papadakis (Name geändert), die bei booking.com Hotels betreut, wenn diese Probleme mit Buchungen haben.

Die Gewerkschaften kennen Majorel

Majorel ist kein Unbekannter. Bei der zuständigen Gewerkschaft Verdi ist man sicher, dass die Standort-Aufgabe von booking.com keine Veränderung zum Besseren bedeutet: „Wir kennen Majorel schon“, erzählt Gewerkschaftssekretärin Sandra Döding. „Bisher zahlen sie gerade mal Mindestlohn. Bei booking.com sind es immerhin 15 Euro die Stunde.“ Facebook zum Beispiel sei ein anderer Kunde von Majorel in Berlin. Im Januar 2020 kamen die Arbeitsbedingungen der dort beschäftigten Lösch-Teams an die Öffentlichkeit: Trotz hoher psychischer Belastung zahlte Majorel ihnen niedrigere Löhne als in der Branche üblich, die Verträge waren auch hier fast alle befristet. Gerade Letzteres erschwert die Organisierung der Beschäftigten bei Majorel, die fast alle jung sind, aus dem Ausland kommen und ihre Rechte nicht kennen.

Für die Tourismusbranche bedeutet die Coronakrise Einbrüche, doch auch schon zu Boomzeiten kam von den Milliardenumsätzen bei den Beschäftigten wenig an: booking.com-Mitarbeiter berichteten schon vor zehn Jahren von Arbeitsüberlastung, Druck, Kontrolle – und vielen Krankmeldungen. Im April 2015 gründeten sie deswegen einen Betriebsrat. Seitdem ging es teilweise wieder bergauf, auch wenn sie bis heute keinen Tarifvertrag erkämpfen konnten. Nun ist der Verkauf an Majorel auch nicht das erste Mal, dass der niederländische Konzern in der Coronakrise negative Schlagzeilen macht: booking.com hatte zwar Corona-Hilfen in Höhe von 90 Millionen von verschiedenen Ländern eingestrichen, aber trotzdem Tausende Mitarbeiter entlassen. Den verbliebenen wurden die Löhne gekürzt und dann den eigenen Managern Jahresboni in Höhe von 28 Millionen Euro ausgezahlt.

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