Von Menschen, Mäusen und Affen I

Biologismus Das Wort „Alphatier“ wird oftmals unreflektiert verwendet. Dabei ist dies ein Biologismus, der gerade denen, die sich gegen Hierarchien wenden, mehr schadet als nützt.
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Für Donna, wider Christine Käppeler

Die Freitag-Autorin Christine Käppeler benützte in einem ihrer Artikel den Begriff Alphatier für eine literarische Figur, ohne Anführungszeichen, so dass als ausgemacht gelten darf, dass es sich nicht um ein Zitat, sondern um ein von ihr gewähltes Attribut handelte.

Meine Bitte daraufhin an sie:

"Tun Sie aber bitte sich und uns einen Gefallen: streichen Sie den biologistischen Begriff "Alphatier" aus ihrem Wortschatz! Wieso, muss ich Ihnen hoffentlich nicht erklären."

Offenbar hätte ich es ihr doch erklären müssen. Denn statt mit mir darüber zu diskutieren, unterbindet sie das Gespräch, das ich mit Donna unter dem Text führte, qua "Kommentare verstecken".

Dabei habe ich meine Kritik doch sehr moderat nur angedeutet. Abseits der orientalischen Sprache der Blumen hätte mein klarer Satz eigentlich lauten sollen: Nehmen Sie hier bitte Abstand von der Verwendung rassistischer Begrifflichkeiten!

Sie ist jedoch in dieser Sache nicht die einzige spontan Unverständige, sondern Donna schreibt:

"Da ich den Begriff hin und wieder selber (...) benutze, würde ich aber schon gerne wissen, inwiefern Sie den so anstößig finden".

Immerhin erheischen Sie eine Erklärung, liebe Donna. Sie schreiben weiterhin (ich sehe hier davon ab. den Disput hier in Gänze zu wiederholen):

"... bin nun zu dem Schluss gekommen, dass es tatsächlich unerheblich ist, wie der Begriff Alphatier verwendet wird. Denn letztendlich ändert das nichts an der unterschwelligen Botschaft, dass manche Menschen mit einer quasi „natürlichen Überlegenheit“ ausgestattet seien, die sie dazu ermächtigt ihre Mitmenschen zu dominieren. In Wahrheit ist „Dominanz [aber] immer beziehungsspezifisch und zeit- und situationsabhängig“.

Ganz recht. Der neuralgische Punkt liegt in der Zuschreibung "natürlicher Überlegenheit". Ich kritisiere hier doch nicht einfach eine mir persönlich unliebsame Wortwahl - Frau Käppeler soll meinetwegen schreiben, wie sie kann und will -, sondern den darin eher offen als verborgen enthaltenen biologistischen Rassismus. Ein "Alphatier" ist nach allen sprachlichen Regeln ein Tier. Menschen sind jedoch keine Tiere. Die Benennung von Menschen als Tiere ist zutiefst rassistisch, positiv oder negativ spielt hierfür überhaupt keine Rolle. Die "flinke Gazelle" als Bezeichnung in den Medien für die schwarze Sprinterin ist nur die eine, scheinbar positive Seite der Medaille, auf deren anderer Seite die "dreckige Judensau" gezeigt wird.

An anderer Stelle zitieren Sie Wikipedia mit dem Satz: "Dominanz-Hierarchien sind bei vielen Tieren einschließlich der Primaten und auch beim Menschen zu finden". Wikipedia ist jedoch vielerorts mit Vorsicht zu genießen. Der Satz beginnt mit einem unsinnigen Pleonasmus, denn wodurch denn sonst sind Hierarchien gekennzeichnet, wenn nicht durch Dominanz bestimmter Personen über andere? Aber noch etwas anderes legt die Formulierung nahe: Menschen sind wie Tiere. Genau diese Nivellierung erscheint in der Anwendung des Begriffs "Alphatier" auf den Menschen. Auch hierbei ist es gleichgültig, ob positiv oder negativ konnotiert.

Wenn es in der Gemengelage des Textes weiter heißt: "Dominanz ist immer beziehungsspezifisch und ist zeit- und situationsabhängig", so tritt die begriffliche Ungenauigkeit offen zutage. Denn das so charakterisierte Dominanzverhalten bei Menschen lässt sich eben genausowenig bruchlos auf die Tierwelt übertragen, wie es umgekehrt durch den Begriff "Alphatier" geschieht.

Das Zusammenleben der Menschen ist gesellschaftlich determiniert, nicht natürlich. Eine "Gesellschaft" ist etwas essenziell anderes als ein Rudel, eine Herde oder eine Horde. Der Unterschied ist manifest: Tiere sind in ihren Zusammenlebens- und Geselligkeitsformen, bei aller Bandbreite an Variationen, artspezifisch festgelegt. Das jeweilige Leittier (Alphatier) gewinnt seine Stellung z.B. heute in Europa durch die gleichen Kämpfen und Rituale wie vor Jahrtausenden in der asiatischen oder afrikanischen Steppe. Keine Rede von "Zeit- und Situationsabhängkeit". Oder hat man je davon gehört, dass Wölfe, Löwen oder Gorillas dabei zu friedlichen basisdemokratischen Verfahren übergegangen sind?

Gleichwohl erscheint das Unwort "Alphatier" mittlerweile in allen möglichen gesellschaftlichen Zusammenhängen, nicht nur dem Fußball. Ein paar Tage, nachdem ich den Begriff hier einer Kommentatorin angekreidet habe, erscheint er prompt bei einer Kultur (!)-Redakteurin, die sich dabei völlig kritikresistent zeigt.

Der Begriff wurde meines Wissens ursprünglich in der Pseudowissenschaft "Verhaltensbiologie" geprägt. Da bemühten sich Forscher - oder besser Ideologen -, wie Konrad Lorenz, durch ihre Analogie-Setzungen den Menschen vom erhabenen Sockel der "Krone der Schöpfung" zu stürzen und zu zeigen, dass Affen und Graugänse Menschen seien wie du und ich sind. Dabei waren sie offensichtlich so erfolgreich, dass sich die Menschen in der Folge widerstandslos selber ins Tierreich stürzten. Jüngere Auswüchse dieser Erscheinung sind z.B. das Konstrukt des "Speziesismus" (Peter Singer), in welchem analog zum Rassismus die Vorstellung einer Überlegenheit nicht einer Rasse über andere, sondern der menschlichen Art (Spezies) über andere, tierische als unangemessen kritisiert wird. Oder auch die Versuche, Menschenrechte für Tiere zu etablieren.

Dabei ist das Verständnis der Herausgehobenheit der Menschen über die Tiere keineswegs an das idealistische religiöse Konstrukt des Adam gebunden, dem geheißen wird, sich die Erde und alles, was auf ihr kreucht und läuft, untertan zu machen. Eine überzeugende Alternative sowohl zum Verständnis des Menschen als "Krone der Schöpfung" als auch zum Menschen als Bruder der anderen Schweine und Affen ist eine materialistisch-dialektische Sicht auf das Verhältnis von Mensch und Tier.

Fortsetzung: historisch-materialistische vs. biologistische Anthropologie

18:56 26.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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