Lost in Installation

Ausstellungskritik Im neuen Nationalen Museum der Republik Kasachstan wird auf 40.000 Quadratmetern das Selbstbild der Nation verhandelt. Ein Museumsrundgang in Astana
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Ganz unverhofft komme ich pünktlich zur Multimedia-Show „Öz Elimiz“ („Unsere Heimat“), der Hauptattraktion des neu errichteten Nationalen Museums in Astana an. Sofort schwingt ein aus goldenen Kugeln zusammengesetzter, über dem beeindruckenden Eingangsbereich schwebender Adler - es müssen schließlich Hunderte dieser Kugeln bewegt werden - betulich langsam seine Flügel, während auf die gegenüberliegende, 5 Stockwerke hinaufreichende Wand der Umriss Kasachstans projiziert und dieser in umso schnellerer Abfolge mit photographischen Eindrücken aus dem post-sowjetischen Land bebildert wird. Zu selbst für die Verhältnisse des üblichen postsowjetischen Nationbuildings etwas zu kitschigen Musik wird dem Betrachter die, wiederum in der Tat atemberaubende, Natur, die faszinierende kulturelle Vielfalt und die rasante Entwicklung des zentralasiatischen Staates vor Augen geführt. Über all dem prangt ein Ausspruch von Kasachstans erstem und bisher einzigen Präsidenten, dessen universelle Weisheit nicht nur im Museum allgegenwärtig ist: „Qazaqstan: baiandy el, bajtaq zher, baghanaly orda“ (etwa „Kasachstan: Feste Heimat, weites Land, altehrwürdiger Staat“).

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Das Nationale Museum ist ein weiteres architektonisches Kleinod der Hauptstadt, deren städtebaulicher Eklektizismus Elemente nomadischer Jurten und stalinistischer Prachtbauten, sowie Norman Foster'sche Fantasien und viel türkischen Glasbeton aufweist. Zudem steht es in Nachbarschaft zur „Pyramide des Friedens und der Eintracht“, die einst die klangvolle „Conference of Leaders of World and Traditional Religions“ beherbergte, zu der 2012 eröffneten, in ihren Ausmaßen nur noch von „Spirtitualität Turkmenbaschis Moschee“ in Aschgabad übertroffenen, „Hazrast-Sultan-Moschee“, sowie neben den „Palästen der Unabhängigkeit“ und „Kreativität“ - was mitunter zur Entstehung eindrücklicher Sichtachsen in diesem symbolträchtigen Gesamtensemble führt.

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Kasachstans Hauptstadt und die kasach(stan)ische Nation sind allesamt nicht sonderlich alt (obgleich beständig gegenteiliges behauptet wird) und im Grunde immer noch auf der Suche nach ihrer wahren Identität und ihrem wirklichen Selbst (andererseits - was heißt schon "alt" und wer kann von sich behauten, sein "wahres Selbst" bereits schon gefunden zu haben?). Die moderne kasachische Nation ist jedenfalls das Ergebnis spätzaristischen und sowjetischen Nationbuildings- und blendings, und Astana, das zuvor abwechselnd Akmola, Tselinograd und Akmolinsk hieß, war eine russische Kolonialstadt, die in den 60er Jahren zum Zentrum massenhaften Zuzugs im Rahmen der „Neulandkampagne“ gewesen ist, und erst 1997 als Hauptstadt auserkoren wurde. Das Museum wurde 2014 errichtet und fasst die wechselvolle Geschichte in drei Sälen zusammen: Früh- und mittelalterliche Geschichte, neuzeitliche und Zeitgeschichte, sowie Geschichte des unabhängigen Kasachstans. Es gibt zudem noch einen "Ethnographischen Saal", einige Wechselausstellungen, sowie eine Ausstellunge zu den "Zukunftsenergien" (i.e. am Ende zumeist nur Kohle und Öl), welche auch das Thema der kommenden Expo sind.

Das historische Narrativ - dem Zufolge die Kasachen seit Menschengedenken auf dem Gebiet der heutigen Republik leben und in dieser Zeit kulturelle und kriegerische Meisterleistungen vollbracht haben, aber letztendlich doch von Russland geschluckt worden sind, was wiederum zu Entwicklung und Fortschritt samt stalinistischer und russifizierender Nebeneffekte geführt hat - ist Kennern der GUS-Länder aus vergleichbaren Darstellung in andern Museen bekannt. Somit stellt es gewiss keine Weiterentwicklung im Vergleich zu den bisher im Land existierenden Museen dar. Es erfolgt keine Anklage gegen die russische Siedlerkolonisation, es findet keine Abrechnung mit der Sowjetunion als einem nicht weniger kolonialen und totalitären Regime statt; stattdessen prägen Ambivalenz, Unentschiedenheit und Widersprüchlichkeit die Darstellung der neuesten Geschichte. Die Zunge des Audioguides überschlägt sich dabei mit Namen, Fakten und Ereignissen, auf dass eine Stellungnahme zu den unangenehmen Episoden vermieden wird. Der Nachbau einer Karawanserei an der kasachischen Abzweigung der Seidenstraße, das Aufstellen von Jurten, und das Kleiden von Schaufensterpuppen in den so genannten „nationalen Kostümen“ (welche im Wesentlichen den Improvisation sowjetischer Kostümbildnerinnen der 30er Jahre entsprungend sind) war da mehr nach dem Geschmack der Ausstellungsmacherinnen. Und dieses primordiale Beharren auf der Altertümlichkeit und der Autochthonie (Alteingessesenheit) der kasachischen Nation ist ebenso ein Erbe der Sowjetunion und ihres Nation-Makings, welches bis heute eine gemeinsame zentralasiatische Geschichte oder gar die Imaginierung einer zentralasiatischen Gemeinschaft bis heute unmöglich macht - denn jede Nation ist älter als die andere und besteht darauf, dass es diesen nationalen Flickenteppich in seiner heutigen Form schon immer gegeben habe.

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Inhaltliche ist die Dauerausstellung eine herbe Enttäuschung: Die Geschichte der kasachstanischen SSR als Erzählung nationaler Selbstverwirklichung neu aufbereitet, viel Wunschdenken im Hinblick auf die Entwicklung nach der Unabhängigkeit, und vor allem eine merkwürdige Fixierung auf Gold: Goldener Adler, Goldener Mensch (ein weiteres solches „nationales Symbol“), und goldenes Geschmeide in einem eigens dafür eingerichteten „Goldenen Saal“. Diesen güldenen Saal muss man zudem durch eine psychedelisch blinkende Rauminstallation betreten, die problemlos in jedem Lady-Gaga-Musikvideo Platz finden könnte (und daher ziemlich gut aussieht). Ein beredtes Schweigen herrscht hingegen zur Geschichte, Kultur und Leistung der vielen ethnischen Minderheiten im Land, die in anderen Museen (z. B in Almaty) noch ausführlich gewürdigt werden. Die Nation des kasachstanischen Nationalmuseums ist somit vordergründig kasachisch, Äonen alt, kriegerisch und eine, die ihr Gold über alles liebt.

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Im Hinblick auf die Ausstellungsgestaltung und Museumspädagogik wurden wiederum alle Register gezogen: Eine gelungene Innenarchitektur, viele Touchscreens und Projektionen und Installationen und zudem ein Audioguide (dessen englischer Sprecher aber erhebliche Schwierigkeiten mit der kasachischen bzw. russischen Aussprache hat) sowie ein um zurückhaltende Freundlichkeit bemühtes Personal. In dem Streben, auf den museumstechnischen State of the Art zu kommen, haben sich die Ausstellungsmacherinnen allerdings wohl etwas übernommen, sodass die meisten Besucherinnen relativ ratlos vor den zahllosen Oberflächen stehen, die zum klicken und wischen einladen. Ferner werden schlecht aufbereitete Inhalte (wenn man sich etwa durch alle Reden des Präsidenten nach der Unabhängigkeit klicken bzw. durch all seine Bücher und Manifeste wischen soll) im multimedialen Gewand auch nicht zwingend interessanter.

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Die angenehmste Überraschung lauerte jedoch in den Wechselausstellungen zur Gegenwartskunst (die laut Ankündigung schon längst zu Ende gegangen sein sollten, zum Glück des Autors aber immer noch vor Ort sind). Ein Saal setzt sich mit dem „gegenwärtigen Erbe“ der kasachstanischen Kunst auseinander und weist einige Exponate auf, die unter dem Eindruck des historischen Hyperrealismus in der Dauerausstellung geradezu skandalös und revolutionär auf den Betrachter wirken. Ein weiterer Saal ist den Werken Askhat Akhmediiarovs gewidmet, den man am besten als eine Art kasachischen Damien Hirst beschreiben kann.

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Ein dritter, relativ versteckter Saal wartet jedoch mit einer umso mehr berührenden und ästhetisch anspruchsvollen Ausstellung zum „Archipel Karlag“ auf, die von Almalgul Menlibayeva kuratiert worden ist. In mehreren Videoinstallationen, Plastiken und Collagen wird die tragische Geschichte des „Karagandinsker Arbeits- und Besserungslagers“, der „Hauptstadt des Archipel Gulags“ wie Solschenizyn es nannte, künstlerisch aufgearbeitet. Man darf nicht vergessen, dass der postsowjetische Raum, vielleicht mit Ausnahme der Ukraine, sich schwer tut, die Geschichte des Stalinismus aufzuarbeiten und zu bewältigen; eine solche Ausstellung an einem solch prominenten Ort, der ansonsten zumeist nur die Mythen und Stereotype der sowjetische Historiographie reproduziert, ist daher ein Meilenstein und weist darauf hin, dass das Nationale Museum auch Raum für alternative und demokratischere Formen des Nation-Buildings bieten könnte.

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19:17 08.08.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pawlowitsch

Eurasienversteher.
Pawlowitsch

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