Mariana Mazzucatos Mondmission

Literatur Die italo-amerikanische Ökonomin Mariana Mazzucato hat ein Buch geschrieben, das alle grünen KlimakapitalistInnen lesen sollten
Mariana Mazzucatos Mondmission
Die nächste Mission der Menschheit sollte sich nicht ins All orientieren, sondern sich lieber mit der Rettung der irdischen Heimat beschäftigen

Foto: Frazer Harrison/Getty Images for Coachella

Bei manchen Büchern fällt es leicht, sich die ideale Leserin oder den idealen Leser dafür vorzustellen. Bei den Büchern der italo-amerikanischen Ökonomin Mariana Mazzucato im Allgemeinen und ihrem neuesten, Mission, im Besonderen könnte das eine jüngere Politikerin der SPD sein, vielleicht auch ein Grüner, jedenfalls jemand, den es an die Macht zieht, weil er dieses Land verändern will: Aber in den Grenzen des Bestehenden! An einem Sommertag liest derartiges politisches Personal dann in Mazzucatos Mission – und denkt: Was nur alles möglich wäre ... Ein Staat, der eine Vision entwickelt und sie umsetzt! Ein Staat, der sich nicht länger veräppeln lässt von Wirtschaftslobbyisten, von Bremsern und Blockierern, der das Leben der Menschen nachhaltig verbessert: Aber eben in den engen Grenzen dessen, was derzeit möglich ist.

Es ist bezeichnend, dass Mazzucato selbst dafür erst hartnäckig falsche Vorstellungen, ja Mythen, über das Verhältnis von Staat und Wirtschaft zerstören muss. Vor allem darüber, dass „der Markt“ im Alleingang Wohlstand schaffe oder dass „der Markt“ überhaupt als etwas Selbstständiges existiere, welches der Staat am besten in Ruhe lasse, damit die Marktkräfte sich entfalten und „Wert in die Welt“ komme, wie das Mazzucato in ihrem letzten Buch nannte. Sie insistiert: Es gibt überhaupt keine Märkte ohne staatliche Intervention, es ist ja der Staat, der das Spielfeld erst baut, der sich Regeln ausdenkt und über ihre Einhaltung wacht.

Schon früher hatte Mazzucato einen anderen Mythos zertrümmert: dass Staat und Innovation in einem Gegensatz stünden, dass der Staat lähmend wirke, privater Unternehmergeist aber kreativ und „innovativ“. Im Gegenteil, so ihre Pointe in Das Kapital des Staates (2014): Die meisten der Innovationen, mit denen private Unternehmen ihr Geld verdienen, sind Ergebnis staatlichen Handelns. Am Beispiel Apple zeigte sie, dass fast alles, was im iPhone an Innovation drinsteckt, staatlichen Ursprungs ist: vom Internet über den Touchscreen bis zur GPS-Navigation.

In ihrem neuen Buch geht Mazzucato nun noch einen Schritt weiter: Es geht nicht mehr nur um Industriepolitik und Innovationsmanagement, sondern ums große Ganze, um „ein Überdenken des Kapitalismus“ und „ein Überdenken des Staates“ zugleich. Das Hauptargument dabei: Wir tun so, als hätte der Kapitalismus keine Vorgaben, keine Zwecke und Ziele, und dürfe auch keine haben, weil er sonst seine schöpferische Kraft nicht entfalten könne. Tatsächlich aber, so Mazzucato, gibt es solche Zwecke sehr wohl, sie sind als Anreize gesetzt, und sie sind falsch: Steuervermeidung etwa, der Zwang, kurzfristige Profite zu machen, oder der Anreiz, den Aktienkurs als alleiniges Ziel des Führens eines Unternehmens zu betrachten. Das alles führe in die wohlbekannte Irre, in der wir uns derzeit befinden.

Deswegen sollten wir den Kapitalismus dadurch retten, dass wir ihm künftig andere Ziele und Zwecke setzen, andere, positive Ziele. Es brauche eine „Mission“, die der Staat vorgebe, ähnlich wie bei der Mondlandung – einer gigantischen Anstrengung von Staat und privaten Unternehmen, um eine gigantische Aufgabe zu lösen, die von Erfolg gekrönt war. Mazzucatos Vorschlag ist es, „der Wirtschaft Ziele zu setzen und dann die Probleme, die zu lösen sind, in den Mittelpunkt des Neuentwurfs unseres Wirtschaftssystems zu stellen“. Natürlich denkt sie dabei vor allem an den Klimawandel. Deshalb sei das Buch allen grünen KapitalistInnen wärmstens empfohlen.

Info

Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft Mariana Mazzucato Campus 2021, 301 S., 26 €

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