Eindrücke vom Besuch in einen Raumschiff

Former West Fast eine Woche lang trafen sich Menschen aus dem Kunstkontext, wie es so schön heißt, zu einer Mischung aus Akademie und Kultur.

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Es war ein überschaubarer Kreis, der hier zusammen saß, und so kann man schon vom Raumschiff Former West reden, das für einige Tage im Haus der Kulturen der Welt (HKW) angedockt hatte. Damit soll ausgedrückt werden, dass dort eine sehr spezielle Gesellschaft sehr bestimmte Fragestellungen diskutiert, die nicht so ohne weiteres in die Restwelt vermittelt werden können.

Wenn nun ein Besucher, die ganzen institutionellen und theoretischen Hintergründe dieses Treffens ignoriert und einfach eine Visite in dieses Raumschiff macht, fällt zunächst die familiäre Atmosphäre auf, die sich dort wohl durch das intensive Arbeiten über mehrere Tage eingestellt hat. Auf Tischen stapelten sich Kaffeetaschen und halb geleerte Wasser- und Weingläser. Laptops finden sich an fast jeden Tisch.

Zunächst fällt die Ausstellung auf, die im gesamten HKW verstreut präsentiert wurde. Die lobenden Worte, die Stefan Heidenreich im Freitag für die Exposition fand (http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kleinplanet-im-konferenzmodus), sind größtenteils berechtigt. Highlight war eindeutig der Nachbau des Containers, mit dem Christoph Schlingensief im Sommer 2000 in Wien nicht nur das rechte Lager um Jörg Haider verärgerte. Dass dort die Parole „Ausländer raus“ prangte und Flüchtlinge vom Publikum abgeschoben werden konnten, regte auch die außerparlamentarische Linke auf. Auf zahlreichen Videos kann noch einmal nachvollzogen werden, wie eine Kunstaktion in Wien für Aufregung sorgte. Die Aktion hat auch Schlingensief so richtig bekannt gemacht. Bis zu seinem frühen Tod sollte ihm die Aufmerksamkeit der Medien erhalten bleiben. An dieser Kunstaktion hätte man sicher viele Fragen diskutieren können. War sie ein Beispiel für die Möglichkeiten engagierter Kunst? Oder affirmierte sie eigentlich nur die Verhältnisse und war so nur pseudokritisch?

Arbeiter verlassen die Fabrik

Im Veranstaltungsaal des HKW war in einer Endlosschleife das 40 minütige Video von Sharon Lockhart zu sehen, das Arbeiter zeigte, die in die Fabrik oder diese verlassen. Damit knüpft die Künstlerin an eine Tradition an, die bereits von den Gebrüdern Lumiere 1885 mit dem Film „Arbeiter verlassen die Lumiere-Fabrik“ begründeten. In den siebziger Jahren griff dann der damals sozialkritische Filmemacher Haroun Farocki das Thema wieder auf. Man kann, wenn man die drei Filme nimmt, darüber nachdenken, wie verlassen die Arbeiter eigentlich heute die Fabrik und verlassen sie die Arbeiterinnnen anders? Die Fabrik kann auch eine der sogenannten „kreativen“ Workspace“ sein, die sicher viele der Teilnehmer_innen von Former West kennen. Solche Fragen spielten aber nur am Rand beim umfangreichen Lektüreprogramm eine Rolle. Oft nahmen sie den Charakter von universitären Vorlesungen an. Dieser Eindruck wird noch dadurch unterstützt, dass zwei der drei zentralen Räume von Former West in klassischen Vorlesungsräumen veranstaltet wurden.

Agoraphilie versus Agoraphobie

Eine bemerkenswerte Auflockerung gab es zumindest beim Vortrag zur „globalen Agoraphilia“. Dabei handelt es sich um einen im Raumschiff Former West entwickelten Begriff, mit den der Referent das angeblich weltweit zunehmende Bedürfnis von Menschen bezeichnet, öffentlich in Erscheinung zu treten. Statt hierfür erst einmal den Beweis anzutreten und Fakten zu liefern, wird gleich noch ein neuer Begriff geprägt, die globale Agoraphobie, nämlich die Flucht aus der Öffentlichkeit. Vielleicht war da die von den Künstler Aernout Milk konzipierte Performance die richtige Antwort. Eine Gruppe von Menschen, die sich in Outfit als Wirtschaftsmanager_innen auswiesen, okkupierte den Raum, gestikulierte und gab in unterschiedlicher Lautstärke undefinierbare Äußerungen von sich. Nachdem sie sich in den gesamten Vorlesungsraum verteilt hatten war die Durchführung des Vortrags nicht mehr möglich. Ein Teil der Zuhörer_innen flüchtete, ein größerer sah der Performance belustigt zu. Vielleicht hätten mehrere solcher Störungen des Vorlesungsprinzips mehr Erkenntnisgewinn gebracht, als noch so elaborierte Lektüreveranstaltungen.

Ein durchaus gemischtes Fazit lässt sich also ziehen aus dem Besuch eines Nichtkünstlers im Raumschiff Former West. So ganz abgekoppelt von allen irdischen Dingen war es nicht, manches war sogar sehr interessant, vieles aber schien nicht von dieser Welt. Aber was soll man denn auch in einen Raumschiff anderes erwarten?

Peter Nowak

Homepage von Former West:

http://formerwest.org/Front

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