Interviewt die Rechten, wo Ihr sie trefft?

Ellen Kositza im Freitag Interviews mit Rechten sind keine antifaschistische sicher aber eine verkaufsfördernde Maßnahme. Sie nützt eher den Rechten als ihren Gegnerinnen und Gegnern
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Der linksreformerische PublizisThomas Wagner hat kürzlich unter dem Titel „Die Angstmacher (http://www.aufbau-verlag.de/index.php/die-angstmacher.html) ein Buch veröffentlicht, das mit dem Anspruch auftritt, ganz neue Erkenntnisse vor allem über die Neue Rechte und die68er-Bewegung zu liefern. So heißt es in den Verlagsinformationen (http://www.aufbau-verlag.de/index.php/die-angstmacher.html).

„Mit dem Aufkommen der AfD droht die Neue Rechte breite bürgerliche Schichten zu erfassen. Wer sind ihre Ideengeber, und worin haben sie ihre Wurzeln? Thomas Wagner stellt erstmalig heraus, wie wichtig »1968« für das rechte Lager war, weil es einen Bruch in der Geschichte des radikalrechten politischen Spektrums markiert, der bis heute nachwirkt. Das zeigen unter anderem die Gespräche, die Wagner mit den Protagonisten und Beobachtern der Szene geführt hat, darunter Götz Kubitschek, Ellen Kositza, Martin Sellner, der inzwischen verstorbene Henning Eichberg, Alain de Benoist, Falk Richter und Frank Böckelmann. Wagners Buch liefert eine spannende Übersicht über die Kräfte und Strömungen der Neuen Rechten und ihre Ursprünge.“

Was hat die Neue Rechte mit der 68er-Bewegung zu tun?

Auch im Freitag wurde das Buch besprochen (https://www.freitag.de/autoren/mladen-gladic/kubitschek-traeumt)

Leider hat auch die Rezensentin nicht herausgearbeitet, dass die Verbindung 1968 und die Neue Rechte eine verkaufsförndende Mogelpackung ist.

Denn die Rechten beziehen sich, wie Wagner schreibt, auf den 21. Mai 1970. Dieses Datum s ist eine Art Gründungsmythos der außerparlamentarischen Rechten. Damals randalierten Rechte jeglicher Couleur in Kasselgegen das Treffen von Willi Brandtmit dem DDR-Politiker Willi Stoph. Die Ablehnung der Anerkennung der DDR und damit die zumindest zeitweilige Akzeptanz der deutschen Teilung einteRechtskonservative, Vertriebenenfunktionäre und Neonazis. Sie gründeten die Aktion Widerstand und schrien Parolenwie „Brand an die Wand“.Neben Brandt und die Entspannungspolitiker hassten sie die 68er Bewegung in all ihren Ausprägungen. Sie sahen sich sogar als Stoßtrupp gegen die Ideen der 68er-Bewegung und feierten den Dutschke-Attentäter.Die NPD hat in diesen Kreisen damals rapide an Einfluss nicht aus ideologischen Gründen verloren, sondern weil sie den Einzug in den Bundestag 1969 knapp verfehlt hat. Die Neue Rechte steht also nicht in den Kontext der 68er-Bewegung sondern ihrer größten Feinde.Sie ist eine modernisierte Variante der Aktion Widerstand. So wie sie heute gegen die letzen Reste der Errungenschaften des Aufbruchs von 68 kämpft, hat sie es damals auch schon gemacht. Doch ein Buch verkauft sich allemal besser,wenn nun auch ein linker Autor die 68er und die Rechte von heute irgendwie in Verbindung bringt. Politisch ist diese Herleitung so falsch, wie wenn man die NSDAP mit der Novemberrevolution kurzschließt und nicht erwähnt, dass die Vorläufer der Nazis jene Freikorps waren, für die der Begriff Todfeinde der Revolution mehr als eine Metapher ist. Sie waren in den Jahren 1918/19 an vielen Massakern und Erschießungen von aufständischen Arbeitern beteiligt und viele setzten ihr Mordhandwerk nach 1933 in staatlichen Auftrag fort.

Tabubruch- Reden mit Rechten

Eine weitere verkaufsfördernde Maßnahme besteht dahin, Tabubrüche zu inszenieren. Dazu gehörenim Fall von Wagner ausführliche Interviews mitführenden Vertretern der Neuen Rechten in- und außerhalb der AfD. „Damit haben Sie fast gegen so einen linksliberalen Konsens verstoßen und mit den Rechten gesprochen. Hat das etwas gebracht“ wird Wagner von einem NDR-Journalisten gefragt (https://www.ndr.de/kultur/Thomas-Wagner-ueber-sein-Buch-Die-Angstmacher,journal964.html).

Die Antwort wird mehr Fragen auf.

„Mir hat es gebracht, genauer zu verstehen, wer was wo von wem gelernt hat - also zunächst ein historisches Interesse, wie es wirklich gewesen ist. Wenn man versteht, wie diese Provokationsmethoden funktionieren, und dass es ganz ähnliche Provokationsmethoden sind, die auch von der Neuen Linken seit den 60er-Jahren verwendet wurden, dass man dann vielleicht die Möglichkeit hat, gelassener darauf zu reagieren - und nicht so hysterisch wie es derzeit zum Teil der Fall ist.“

Zunächst einmal hat Wagner Recht, wenn er sich gegen manche antifaschistische Kurzschlussreaktion wendet, die jede Provokation eines AfD-Politikers so aufbläst, dass sie erst richtig bekannt wird und damit der Rechtspartei eher nützt. Zudem bedeuten auch zweistellige Wahlergebnisse für die AfD noch keine Wiederkehr von Weimarer Verhältnissen. Doch Wagners Argumentation ist nicht schlüssig.Wenn er wirklich der Meinung ist, dass die Neuen Rechten die Erben 68er sind, wäre das ja kaum Grund für Gelassenheit. Schließlich haben die 68er Bewegung kulturell die Republik verändert und es wäe keineswegs beruhigend, wenn dasder Apo von Rechts auch gelänge. Denn Wagnersieht völlig von den unterschiedlichen Zielstellungen ab. DieRechten wollen die letzten Reste von 68 aus der Gesellschaft tilgen, die es ja sowieso nur auf kulturellem Gebiet gab. Es wurden nur die Teile des 68er-Aufbruchs adaptiert, die dem Kapitalismus nützen. Zudem ist nicht erkennbar, warum Wagner mit den Rechten reden muss, um ihre Strategie und Taktik zu verstehen. Denn solche Interviews sind zunächst und vor allem Selbstdarstellungen der Rechten.

Plauderei mit einer Rechten und welche Teesorte wurde gereicht?

Das zeigt sich an den Gespräch mit Ellen Kositza, einer der Theoretikerinnen der Neuen Rechten in der Wochenzeitung Freitag (https://www.freitag.de/autoren/michael-angele/die-rechte-in-der-richte).„Es geht sehr launig und zivilisiert zu in der Auseinandersetzung mit der Rechten. Gab es eine bestimmte Sorte Tee und Kuchen dazu?“fragte eine Leserin sehr treffend. Denn obwohlder Freitag-Journalist Michael Angele seine Distanz zu den Rechten in seinen Fragen deutlich werden ließ, gelang es nicht, die medienerfahreneKositza wirklich grundlegend aus der Reserve zu locken. Dabei bot sie genügend Anknüpfungspunkte, wo sie die Vorstellung der Gleichheit aller Menschen als langweilig bezeichnete und sich damit nicht nur gegen Menschen aus anderen Ländern sondern auch Lohnabhängige wandte, die sich gewerkschaftlich für ihre Interessen einsetzen:

„Ich denke auch, das heutige Proletariat ist nicht, was es war. Heute sehe ich da dicke Menschen mit Plastiküberzügen am Leib und Trillerpfeife im Mund vor mir. Da empfinde ich wenig Solidarität.“

Diese Plauderei über das Landleben im Harz jedenfalls sagt weniger über die Rechte aus, als ein Buch, in dem Autorinnen und Autoren deren Strategie und Taktik analysieren und in den gesellschaftlichen Kontext rücken.Auch die zahlreichen völkischen Bezüge in Kositzas Aussagen wurden durch das Interview selber nicht deutlich. Diese Zusammenhänge müssen erst hergestellt werden. Aber dazu hätte es auch gereicht, die schon bekannten Erklärungen und Texte von Kositza zu analysieren und zu kontextualisieren. Warum der Freitag extra eins Gespräch mit Kositza führen muss wird nicht klar. Gilt jetzt das Motto: "Interviewt dier Rechten, wo Ihr sie trefft" Eine antifaschistische Strategie ist das aber mitnichten.

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„Keine Bühne für die AfD und die Neue Rechte“

Einen anderen Weg gehen Künstlerinnen und Künstler, die sich in einen Offenen Brief dagegen wenden, dass Vertreter der AfD und der Neuen Rechten zu Diskussionsveranstaltungen in Theater und andere Kultureinrichtungen eingeladen werden. Sie haben sich in Offenen Briefen (https://nationalismusistkeinealternative.net/offener-brief-an-das-thalia-theater-keine-buehne-fuer-die-afd-kein-podium-fuer-rassisten-ladet-baumann-aus/) dagegen ausgesprochen, dass den Rechtenso eine Bühne geboten wird.

„Ich denke, man sollte sich einem vorgeblichen Dialog mit den Rechten verweigern. Erstens ist dazu schon viel gesagt worden und die Positionen sind klar. Zweitens sollte das Völkische auch nicht diskutierbar werden. Ich sehe das eher als unproduktive Debatte. Wer etwas davon hat, sind die Rechten: Sie bekommen eine Bühne und somit auch die Legitimation, ihre Parolen und Thesen zu verbreiten“, erklärt die Theaterregisseurin Konstanze Schmitt (https://jungle.world/artikel/2017/34/ist-das-ein-hunger-nach-realitaet) in der Jungle World zu ihrer Initiative.Das gilt nicht nur für das Theater sondern ist auch eine Kritik an liberalen und linken Autorinnen und Autoren und Medien wie Thomas Wagner oder der Freitag-Redaktion, die unbedingt mit Rechten reden will.

Peter Nowak

03:02 01.09.2017
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Peter Nowak

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