Wie läßt sich kapitalistische Ausbeutung heute im Film darstellen?

Yulia Lokshina Die Regisseurin hat mit ihren Film "Regeln am laufenden Band, bei hoher Geschwindigkeit" Maßstäbe für eine Ästhetik des politischen, sozialkritischen Film gesetzt. Er war am 20.10. ab 20 Uhr im Berner Stadtteilladen Zielona Gora zu sehen.

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Die Regisseurin Yulia Lokshina thematisiert in dem Dokumentarfilm „Regeln am laufenden Band, bei hoher Geschwindigkeit“ die Arbeitsbedingungen osteuropäischer Leiharbeiter*innen bei Tönnies, dem größten Schweineschlachtbetrieb Deutschlands. Bei einer solchen Thematik können wir uns sicher einen anklagenden Film vorstellen.

Doch Lokshina verknüpft in ihren Film Tönnies und Co. mit einem Theaterkurs eines Gymnasiums. Die Schüler*innen probem das Brecht-Stück „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“und beginnen dabei über kapitalistische Wirtschaftsstrukturen zu reflektieren. Dabei werden sie von den Kurleiter immer weieder mit der Aufforderung profiziert, sich doch mal kritisch mit den Inhalten des Theaterstücks zu befassen. Er weist sie auf die antikapitalistische Intention vno Brecht hin und fragt, ob denn die Schüler*innen auch so sehen. Sind sie eigentlich auch junge Antikapitalist*innen? Und wenn nicht, warum widersprechen sie dann nicht den Inhalten des Stücks? Diese Fragen bleiben tatsächlich offen. Denn zur der vom Kursleiter angestrebten Diskussion kommt es nicht. Ob es daran liegt, dass die jungen Spieler*innnen tatsächlich keine inhaltlichen Differenzen zu dem Stück haben, oder es einfach hinnehmen, weil sie eine inhaltliche Auseinandersetzung nicht kennen oder kein Interesse daran haben, bleibt offen.

Es ist schon interessant, wie Yulia Lokshina im Film die Ausbeutung in der Schweineindustrie und die Proben zum Brechtstück im Film verbindet. Doch warum wählt sie diese Form? Sieht sie darin, die aktuell adäquate Form, die kapitalistsiche Ausbeutung im Film noch darstellen zu können? Hat das vielleicht mit dem Befund zu tun, den die Filmregisseurin Aelrun Goette in einem Interview im Freitag 40/2022 äußert:

"Es gibt die selbstbewußte Arbeiterin heute nicht mehr, weil solche Berufe heute Menschen machen müssen, die gezwungen sind, am Rande der Gesellschaft unter schlechten Bedingungen zu arbeiten.... Diese schweren körperlichen Jobs weren heute oft von Gastarbeitern geleistet. Wenn wir in die Fleischindustrie schauen, dann sehen wir wie extrem hart die Bedingungen sind. Dort sehen wir keine unabhängigen, ihren sicheren Lebensunterhalt verdienenden Menschen".

Wird deshalb dann Zuflucht zu einer Theaterfigur gegriffen? Oder ist die Aussage, dass prekär arbeitende Menschen nicht selbstbewußt für ihre Rechte kämpfen können?

Darüber soll am Donnerstag, den 20.10.2022 im Stadtteilladen ZIelona Gora in der Grünbergerstr. 73 in Berlin-Friedrichshain mit der Regisseurin Yulia Lokshina diskutiert werden. Zuvor wird ab 20 Uhr der Film "Regeln am laufenden Band, bei hoher Geschwindigkeit" gezeigt.

Peter Nowak

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