"Fotografie ist unberechenbar"

Fotografie Jan Møller Hansen ist Autodidakt und preisgekrönter Fotograf aus Dänemark. Die Fotografie, so sagt er, hilft ihm dabei, sich der Realität anzunähern
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"Fotografie ist unberechenbar"
DHAKA KIDS

Bild: Jan Møller Hansen

Jan Møller Hansen, Du bist in Dänemark geboren, aber lebst und arbeitest in Nepal. Wie bist Du dahin gekommen und was hat Dich zum Bleiben bewogen?

In den vergangenen 25 Jahren war ich in der Diplomatie und internationalen Entwicklungszusammenarbeit aktiv. Ich habe in vielen Ländern Asiens und Afrikas, und in langfristigen Anstellungen in Nepal, Vietnam und Bangladesch gearbeitet. Eventuell werde ich jedoch bald nach Dänemark zurückkehren. Während meiner Freizeit verwende ich viel Zeit auf die Fotografie hier in Nepal.

Wann und weshalb hast Du Dich entschieden, Fotograf zu werden, und Dich auf soziale Dokumentarfotografie zu konzentrieren?

In Dhaka, in Bangladesch, arbeitete ich von 2007 bis 2012 bei der dänischen Botschaft. In diesen Jahren habe ich eng mit Politik, Wirtschaft und Vertretern der Zivilgesellschaft in Bangladesch zusammengearbeitet. Ich konnte mich nie wirklich mit den großen Unterschieden abfinden, die zwischen den einzelnen Gruppen von Menschen in Bangladesch bestehen. Die Ungerechtigkeit und die Ausbeutung der Menschen dort waren erschreckend für mich. Es war – und ist nach wie vor – sehr schwierig für mich, zu akzeptieren und zu verstehen, dass eine Gesellschaft so funktionieren kann.

Was ich von führenden Persönlichkeiten in Politik und Wirtschaft gesagt bekam, stimmte nicht mit dem überein, was ich mit meinen eigenen Augen sah. Sie alle schienen so entfremdet von Mensch und Realität. Die Armut, Marginalisierung, Ausgrenzung und Ausbeutung, die ich während dieser fünf Jahre jeden Tag mitbekam, brachte mich letztlich zur Fotografie. Dhaka ist nicht nur eine der verkehrsreichsten und chaotischen Megastädte der Welt, sondern auch ein sehr spannender und faszinierender Ort. Während ich in Dhaka lebte, konnte ich deshalb meine freie Zeit nicht nur in den Expat-Clubs der Stadt verbringen. Ich wollte erfahren, wie die Menschen leben und wie sie es schafften, unter solch schwierigen Bedingungen so viel zu erreichen. Für mich wurde die Fotografie ein sehr wichtiges Instrument zum Lernen und Erkunden; und sie gab mir Einblicke, die ich noch nie zuvor gehabt hatte. Durch die Fotografie verbesserte ich mein Verständnis von den Menschen und ihrem Leben. So habe ich viel über unsere komplexe und faszinierende Welt gelernt. Fotografie ist eine sehr vielschichtige und anspruchsvolle Kunstform, und eine große persönliche Herausforderung. Und unberechenbar! Das ist es, was ich an der Fotografie so mag.

Als Diplomat lebte ich in einer Seifenblase und meine persönlichen Kreise waren sehr auf eine kleine Gruppe privilegierter Menschen innerhalb dieser Gesellschaft beschränkt. Aber die Fotografie hat mir geholfen, meine persönlichen Kreise zu erweitern und verbesserte mein Verständnis von der Gesellschaft und den Menschen. Fotografie wurde auch ein Weg für mich, mit der Frustration umzugehen; und den Glauben an das zu aufrecht zu erhalten, was ich als Diplomat und Entwicklungshelfer machte. Fotografie verschaffte mir großen Respekt vor den Menschen in Bangladesch. Ich bin sehr beeindruckt von dem, was sie dort mit so wenig erreichen und in einer Umgebung, in der sie wirklich schlecht behandelt werden. Fotografie und die Interaktion mit Menschen gaben – und geben – mir viel positive Energie. Ich bin von den Geschichten hinter den Bildern fasziniert. Das ist es, was zählt.

Dein Spezialgebiet ist das sogenannte visuelle Storytelling. Eine Deiner letzten Geschichten über das kleine Volk der Raute bekam ziemlich viel Aufmerksamkeit und wurde in verschiedenen Magazinen veröffentlicht. Wie kamst Du zu diesem Projekt und wie hast Du Dich darauf vorbereitet?

Ich kam zum ersten Mal im Jahr 1985 nach Nepal, als ich mit dem Rucksack durch Asien reiste. Ich war sehr fasziniert von dem Land und seinen Menschen. Es war exotisch und anders. Meinen ersten Job bekam ich in den frühen 90er Jahren ebenfalls in Nepal. Und nun bin ich seit drei Jahren wieder hier. Ich kenne Nepal gut und spreche die Hauptsprache, Nepali. Irgendwann hörte ich vom Raute Volk, den letzten nomadischen Jägern und Sammlern Nepals. Ich befasste mich dann mit anthropologischer Forschung über das Volk und las ein neues und faszinierendes Buch eines amerikanischen Forschers. Dann entschied ich mich, zu ihnen zu reisen. Es sind außergewöhnliche und sehr faszinierende Menschen. Sie wollen überhaupt nicht werden wie Du und ich, sich nicht assimilieren. Sie haben ihre eigene Sprache und Kultur und ihren eigenen Glauben. Das fasziniert mich. Wenn man außergewöhnliche Menschen trifft, bekommt man außergewöhnliche Bilder. Sie wandern und leben in provisorischen Lagern im Wald. Ich hatte mich mit zwei ausgezeichneten lokalen Journalisten und Sozialarbeitern aus der Region zusammengetan, die mich während meines Aufenthaltes unterstützten. Es war eine tolle Erfahrung und entsprach genau der Art, wie ich gerne fotografiere.

Kannst Du uns ein bisschen mehr über Deine Erfahrungen als Fotograf erzählen?

Meine persönliche Erfahrung mit der Fotografie ist, dass es sehr schwierig ist, vorherzusagen, was sie im Hinblick auf Möglichkeiten und Erfahrungen bringen wird. Vor fünf bis sechs Jahren traf ich die mehr oder weniger unbewusste Entscheidung, das Fotografieren ernster zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich nicht mehr, warum ich es tat, oder wie. Eine Idee führte zur nächsten. Und es ist immer noch so. In der Zukunft hoffe ich, mehr mit Profis zusammenzuarbeiten – wie zum Beispiel Redakteuren, Journalisten und Fotografen.

Arbeitest Du zur Zeit an einem neuen Projekt?

Nächste Woche werde ich einen Kurs über visuelles Storytelling in Dubai besuchen und dann habe ich vor, einige der entlegensten Teile Nepals zu besuchen. Ich weiß natürlich nicht, was ich dort vor die Linse bekommen werde. Außerdem habe ich auch Pläne, ein neues Buch sowie einige Ausstellungen zu realisieren.

Arbeitest Du auch mit NGOs und anderen Organisationen zusammen?

In den letzten 25 Jahren habe ich mit dem dänischen Außenministerium, Danida, sowie mit CARE und Action Aid Dänemark zusammengearbeitet, allerdings nie als Fotograf. Es gibt jedoch eine Menge interessanter Arbeit für Entwicklungsorganisationen, die gute visuelles Material erfordert. Visuelles Storytelling, Bilder und Videos sind sehr wichtig für diese Organisationen in ihrer öffentlichen Kommunikation und Fundraising-Arbeit. Viele von ihnen haben nicht unbedingt immer die Materialien, die sie benötigen, um ihre Absichten und Botschaften erfolgreich zu vermitteln. Diese Organisationen sind auf professionelle Kommunikatoren und Fotografen angewiesen, die ihre Mission verstehen. Ich finde es toll, dass eine Initiative wie Photocircle Fotokunst mit sozialen Projekten verknüpft.

Jan Møller Hansens atemberaubende Bilder gibt es in seiner Galerie auf photocircle.net zu kaufen – über seine Verkäufe unterstützt er auf diese Weise unterschiedliche soziale Projekte.

06:00 13.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Katrin Strohmaier | Photocircle

Sprachrohr von Photocircle mit Faible für Entwicklung, Kunst & Menschenrechte
Photocircle

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