Das System Ausbeutung

Inside Foodora Ein Jahr Ausbeutung: Erfahrungsbericht aus den Niederungen des Niedriglohnsektors
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Das System Ausbeutung

Von Tiia Monto, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62513540 

Es ist ein sonniger Tag im April, einer der Tage, an denen man denkt, jetzt habe der Frühsommer es endlich endgültig geschafft, den Winter zu besiegen. Ein meteorologischer Break-Even-Punkt. Es wird einer der letzten Tage sein, an denen ich für 9€ pro Stunde Essen ausliefere.

Jetzt beginnt die Zeit in der es wieder halbwegs Spaß macht als Fahrradkurier zu arbeiten, da das Wetter besser, die Tage länger und die Temperaturen milder werden. Allerdings nicht für mich. Ein Jahr lang habe ich als Kurier für den Lieferdienst Foodora Essen ausgeliefert. Ich war einer der vielen Minijobber der pinken Fahrerflotte, die mittlerweile zum Stadtbild jeder größeren deutschen Stadt gehört. Nun ist mein auf diesen Zeitraum befristeter Vertrag ausgelaufen und nicht verlängert worden. Niemand hat mit mir im Vorfeld Kontakt aufgenommen. Auf meine Nachfrage hin heißt es, ich habe nicht genügend Stunden pro Monat gearbeitet, obwohl in meinem Arbeitsvertrag keine Mindestarbeitsstundenzahl festgehalten ist.

Mein erster Ansprechpartner ist mein „Rider-Captain“, eine Art Vorarbeiter. Ihn bitte ich nochmal ein gutes Wort für mich einzulegen, weil er immer zufrieden mit meiner Arbeitsleistung war. Ich war kein einziges Mal krank gemeldet, habe nie eine Schicht verpasst oder zu spät angetreten, habe nie einen „Strike“ bekommen und gehörte zu den Top 10% der schnellsten Fahrer in meiner Stadt. Doch alle Bemühungen sind erfolglos.

Meine letzte Lieferung als Kurier ist eine Bestellung im Wert von über 75€ einer international operierenden Fast Food Kette. Als die Kundin mir die Tüten mit den Worten: „Bezahlt habe ich alles schon online, ne? Ist das dann alles?“ aus der Hand reißt, selbstverständlich kein Trinkgeld gibt und die Tür zuknallt, bevor ich meinen überdimensionierten pinken Lieferrucksack wieder aufgesetzt habe, denke ich mir, dass es doch auch gar nicht so schlecht ist, dass ich diese Tätigkeit in Zukunft nicht mehr ausüben muss.

Verschleiß ist ein Problem - des Riders

Begebenheiten wie diese sind keine Ausnahmen, wenn man als „Rider“ für Foodora arbeitet. Oft gehörte Sätze wie „Ihr müsst auch bei Wind und Wetter fahren, ne? Das ist ja echt blöd“, „Ich habe neulich in der Zeitung gelesen, dass ihr keine guten Arbeitsbedingungen habt, das tut mir echt leid. Kann man wohl nichts machen, was?“ oder „Ich habe gerade leider gar kein Kleingeld im Haus“ versüßen den Arbeitsalltag nicht wirklich. Trinkgeld ist, anders als in anderen Jobs im Gastronomiegewerbe, eher die Ausnahme als die Regel. Die Kunden sind allerdings bei weitem nicht das größte Problem im System Foodora.

Es fängt bei der Ausrüstung an: Foodora stellte mir gegen ein Pfand von 50€ (mittlerweile 150€) einen Rucksack, ein T-Shirt und eine Winterjacke. Nach einigen Monaten bekam ich ein zweites T-Shirt und eine Regenjacke dazu. T-Shirt und/oder Jacke sind bei Schichten immer zu tragen, damit wir als Fahrer im Dienst zu erkennen sind. Über das Problem, dass es weder für die Kunden noch für die Fahrer*innen selbst angenehm ist bei Schichten von bis zu 8h, mit einer kurzen Pause, an aufeinanderfolgenden Tagen dasselbe T-Shirt tragen zu müssen, hat sich niemand Gedanken gemacht.

Das Unternehmen erwartet von den Beschäftigten, dass sie ihr eigenes verkehrssicheres Fahrrad sowie restliche Kleidung (Schuhe, Hose, Handschuhe, Kopfbedeckung) selbst stellen. Für Verschleißerscheinungen, Beschädigungen, Verlust oder ähnliches kommt das Unternehmen selbstverständlich nicht auf. Verschleißerscheinungen am Fahrrad kommen, insbesondere in den Herbst- und Wintermonaten, sehr häufig vor. Die unmittelbare Reparatur ist auch deshalb für jeden Beschäftigten unabdingbar, weil es ohne Fahrrad nicht möglich ist, zu arbeiten.

Darüber hinaus muss auch jeder Beschäftigte ein funktionsfähiges Smartphone mit ausreichend Datenvolumen besitzen, da die Bestellungen der Kunden über eine App vermittelt werden. Wenn das Display bei starkem Regen oder durch Erschütterungen in Mitleidenschaft gezogen wird, ist das das Problem des Riders. Wenn der Akku durch die Belastung immer schwächer wird, ist das das Problem des Riders. Wenn das Smartphone verloren geht oder nicht mehr funktioniert, muss der Rider für Ersatz aus eigener Tasche aufkommen oder kann nicht mehr weiterarbeiten.

Das System Foodara

In der Praxis funktioniert das alltägliche System folgendermaßen: Zu Beginn jeder Schicht muss jeder Rider zu einem vorgegebenen Ort in der Stadtmitte fahren und dort auf die erste Bestellung warten. Nur an diesem Ort kann man sich über ein GPS Signal mit seinen Benutzerdaten in die App einloggen. Tut man dies zu spät oder gar nicht, erhält man einen „Strike“. Nachdem man sich eingeloggt hat, erhält man eine anonymisierte Benachrichtigung, dass es eine Bestellung gibt, die man abholen soll. Auf diese Benachrichtigung muss man so schnell wie möglich reagieren, da die App die Zeit misst, die man braucht um zu reagieren („Reaction time“). Sobald man reagiert hat, erscheint der Name und die Adresse eines Restaurants sowie die Bestellnummer und die verbleibende Zeit, bis zu der man die Bestellung abgeholt haben soll. Solange die Bestellung noch nicht fertig ist, sollte man, auch bei Schnee oder Regen, vor dem Restaurant warten, wünscht Foodora.

Ist die Bestellung fertig, klickt man in der App den entsprechenden Button und erhält einen Namen und eine Adresse, an die man liefern soll. Natürlich nicht ohne ein Zeitlimit, innerhalb dessen man die Bestellung ausgeliefert haben sollte. Ist die Bestellung bei der Kundin abgegeben, beginnt das Spiel von vorne. Geplante Pausen während einer Schicht gibt es keine. Hat man einen Platten oder sonstige Probleme, muss das gemeldet werden. Sobald dies der Fall ist, wird die Schicht in der App für beendet erklärt und man erhält den Stundenlohn nur bis zu diesem Zeitpunkt und nicht bis zum geplanten Ende der Schicht. Für die Kosten der Fahrradreparatur muss auch selbst aufgekommen werden.

Für ungeplante Pausen aufgrund der Bestellungslage gibt es keinen Aufenthaltsraum, sondern alle Fahrer sind auf sich alleine gestellt und müssen irgendwo draußen darauf warten, dass sie bald einen neuen Auftrag bekommen. Generell gibt es vor Ort kein Büro oder Anlaufpunkt für die Fahrer bei Problemen. Ebenso verhält es sich mit sanitären Einrichtungen. Es wird davon ausgegangen, dass kein Rider während der Schicht aufs Klo muss bzw. aufgrund des Zeitdrucks es sich nicht leisten kann wertvolle Minuten zu verlieren.

Jede Bewegung während der Arbeitszeit wird über die App und das GPS Signal in einem Bewegungsprofil gespeichert. Dadurch erhält jeder Rider allmonatlich Feedback, wo er oder sie sich im Vergleich zu seinen/ihren Kolleg*innen befindet. Die Vergleichskategorien sind: Zeit beim Kunden (je weniger, desto besser), Durchschnittsgeschwindigkeit (je schneller, desto besser), Anzahl der verspäteten Schichtbeginne (je weniger, desto besser) und eine Prozentangabe, die aussagt wie viele Bestellungen man mehr auslieferte als die Kolleg*innen, die zur selben Zeit am selben Ort arbeiteten. Es wird eine Drucksituation erzeugt, die eine enorme Konkurrenzsituation innerhalb des Kollegenkreises schüren soll. Diese Statistiken sind mit der netten Aufforderung versehen „Thanks for the hard work, keep pushing and see you in the Top 10% next week?“.

Der Arbeitgeber glänzt durch Abwesenheit

Als Minijobber bei Foodora sollte man 12 Stunden pro Woche arbeiten. Allerdings gab es in meinem Arbeitsvertrag keine festgehaltene Mindeststundenanzahl, sodass ich bei der Schichtzuteilung, die jede Woche neu erfolgte und von den Mitarbeitern absolute Flexibilität verlangte, nie sicher sein konnte genug Schichten zu bekommen. Falls man also nicht voll flexibel ist, da man nebenher einem Studium nachgeht oder einen zweiten Job hat, kann es gut sein, dass man nicht mal auf den vollen Minijobber-Monatslohn von 450€ kommt.

Neben diesen grundlegenden Problemen bei den Arbeitsbedingungen hat das Unternehmen auch ein gravierendes Kommunikationsproblem. Es gibt nicht nur keine direkten Ansprechpartner innerhalb des Unternehmens, mittlerweile gibt es nicht einmal mehr eine E-Mail Adresse, an die sich Mitarbeiter mit Problemen wenden können. Auch während der Schichten sind Möglichkeiten einen Ansprechpartner zu erreichen äußerst eingeschränkt.

Als der Orkan Friederike im Januar weite Teile des öffentlichen Lebens lahmlegte und einige Fahrer*innen nicht wussten, ob sie ihre Schichten trotz zahlreicher Warnungen durch öffentliche Stellen antreten mussten, glänzte der Arbeitgeber durch Abwesenheit. Erst als Dachziegel umherflogen und Bäume umstürzten, erklärte Foodora, dass der Betrieb temporär eingestellt werde. Bei einem heftigen Schneesturm im Winter des vergangenen Jahres erhielten Fahrer*innen den Hinweis, dass sie ihr Rad schieben sollten, falls die Bedingungen zu extrem werden. In Fällen wie diesen nimmt das Unternehmen in Kauf, dass sich ihre Beschäftigten aufgrund der Witterungslage in Gefahr begeben.

Leichte Einstellung, harte Befristung

Um den Pool an billigen Arbeitskräften trotz dieser Bedingungen groß zu halten, macht es Foodora potentiellen Beschäftigten extrem einfach, sich erfolgreich zu bewerben. Das Unternehmen profitiert davon, dass es keinerlei Grundkenntnisse von seinen Beschäftigten verlangt - und erwartet dafür extreme Flexibilität, ohne dabei selbst flexibel zu sein. Außerdem geht das Unternehmen keinerlei Risiko für seine Beschäftigten ein, denn es bezahlt sie nur, wenn tatsächlich gearbeitet wurde.Und sie stellt nur einen Bruchteil der Ausrüstung, deren Pfand es vom Lohn abzieht.

Um das Pfand wiederzubekommen, muss man das Equipment postalisch an Foodora zurückschicken. Wer also dachte, dass die Unannehmlichkeiten mit der Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses vorüber seien, wird eines Besseren belehrt. Als ich Anfang Mai nachfragte, wie ich mein Equipment zurückschicken solle, wurde mir empfohlen, alles in den Lieferrucksack zu stecken und diesen mit Frischhaltefolie zu umwickeln.

Darauf sollte ich dann das per E-Mail zugesendete Rücksendeetikett kleben. Also tat ich, wie befohlen. Nach zwei Wochen fragte ich per Mail das erste Mal nach, ob mein Equipment angekommen sei und wann ich mit der Erstattung des Pfands rechnen könne. Als Antwort erhielt ich kommentarlos ein neues Rücksendeetikett. Dieses Hin und Her mit verschiedenen Erklärungen, warum es noch nicht möglich sei, mir das Geld zurückzuerstatten, und immer neuen anonymen Ansprechpartnern zog sich insgesamt über vier Monate hin. Eine Bestätigung, dass meine Ausrüstung eingegangen war, bekam ich nie.

Das System Ausbeutung funktioniert, weil es einerseits gesellschaftlich akzeptiert ist, dass Unternehmen die jahrzehntelang hart erkämpften Arbeitsstandards konsequent aushöhlen, ohne nennenswerten Widerstand befürchten zu müssen. Andererseits liegt es aber auch daran, dass die Konsument*innen jede Neuerung des Dienstleistungssektors dankend annehmen, ohne über die damit verbundenen Konsequenzen für die Beschäftigten oder die Gesellschaft nachzudenken. Frei nach den bequemen ordoliberalen Motti: „Wenn es so schlimm wäre, würde der Staat schon eingreifen“ und „Es wird ja niemand gezwungen, diese Tätigkeit auszuführen“. Diese Logik verkennt allerdings, dass es im herrschenden Hartz-IV Sanktionen- und Anreizsystem de facto einen Zwang zur Lohnarbeit gibt, und dass der Staat als Ordnungsmacht nur ein geringes Interesse daran zu haben scheint, die Arbeitsbedingungen im Niedriglohnsektor genauer unter die Lupe zu nehmen.

Das System Foodora ist damit ein Kind unserer Zeit und Inbegriff eines Wirtschaftssystems, das den Wettbewerbsdruck auf alle Bereiche des Arbeitens und des Miteinanders ausweitet - und dabei Anstand und Moral lediglich als lästige Hindernisse auf dem vermeintlichen Erfolgsweg der Profitmaximierung sieht.

Der Autor arbeitete ein Jahr lang als Minijobber auf 450€ Basis für den Lieferdienst "Foodora".

An diesem Artikel waren weitere ehemalige und aktive Beschäftigte des Unternehmens beteiligt, die anonym bleiben möchten.
14:16 07.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

pjb

Studium der Volkswirtschaftslehre, Politik- und Rechtswissenschaften in Tübingen, Münster, Paris und Lund.
pjb

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