„Wir haben den Spieß umgedreht“

Zeckenrap Im Oktober erschien Kobitos Album „Blaupausen“. Im Gespräch erzählt er von seinen musikalischen Werdegang, Polit- und Battle-Rap und positiver Abgrenzung

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community.
Ihre Freitag-Redaktion

Rapper Kobito im Theaterkeller
Rapper Kobito im Theaterkeller

Foto: Raffael Siegert

Im Jahre 2005 erschien die erste Veröffentlichung von Kobito. Wie fing es eigentlich damals mit dem Rappen an?

Kobito: Eine Freundin, die auf meiner Schule war, hat mich zu einem Freestyle-Club eingeladen, da ich immer weite Hosen und schiefe Caps trug. Als ich daraufhin in den Jugendclub Schloß 19 in Berlin ging, den es übrigens noch heute gibt, wurde mir gesagt, dass ich rappen müsste oder nicht mehr zurückkommen dürfte. Ich dachte mir, dass ich wiederkommen wollte und bin an das Mikrofon gegangen. So habe ich damals angefangen.

Gab es zu diesem Zeitpunkt einschlägige Rapper die als Vorbild dienten?

Ich habe damals, 2005, Torchs „Blauer Samt“ rauf und runter gehört, „Feuerwasser“ von Curse fand ich richtig krass und Freundeskreis´ „Esperanto“ fand ich auch geil. Zu diesem Zeitpunkt habe ich allerdings auch die ganzen West-Berlin Sachen gehört: Savas, MOR und so. Bald habe ich allerdings an den Texten gezweifelt, aber ursprünglich, als ich 16 war, habe ich das viel gepumpt. Irgendwann kam der Film, ab dem sich das geändert hat.

Die erste Kobito Veröffentlichung war aber noch nicht politisch, oder?

Nee, überhaupt nicht. Meine erste Solo-Veröffentlichung handelte eher von den Sorgen, die einen 18-jährigen umtreiben, dem Druck in der Schule und solche Sachen. Das war gar nicht politisch. Das hat sich dann geändert, als ich Refpolk getroffen habe. Der kam aus der politischen Ecke, weniger aus der Hip-Hop-Ecke. Dann haben wir gemeinsam Schlagzeiln gegründet. Textlich war es so, dass ich immer mal wieder das Represent-Ding hineingebracht habe und er etwas politisches hereingebracht hat. Wir haben uns irgendwo in der Mitte getroffen.

Laut Pressemitteilung ist Kobito Wegbereiter des Zecken-Raps. Für was steht eigentlich Zecken-Rap?

Zecken-Rap ist ja eine Fremdzuschreibung, so wurden wir lange Zeit von der mainstream Szene genannt. Das war abwertend gemeint. Irgendwann haben wir uns dann entschlossen den Spieß umzudrehen, wir wurden ja ohnehin so beschrieben. Zecken-Rap bezeichnet Texte die versuchen etwas gesellschaftspolitisch aufzuzeigen und Inhalte zu vermitteln. Deshalb benutzen wir dieses Schlagwort. Dennoch heißt es nicht, dass alles immer politisch sein muss.

Stichwort ticktick Boom, wer sind eigentlich die Mitglieder?

Sookee, Radical Hype, Kurzer Prozess, Neonschwarz, die ehemaligen Leute von Schlagzeilen….bestimmt habe ich irgendwelche Leute vergessen. Insgesamt sind wir 25 Leute, glaube ich. Die Idee entstand auf einem Festival, auf dem wir gemeinsam aufgetreten sind und gemerkt haben, dass wir gut miteinander können, inhaltlich und musikalisch hat es auch gepasst.

Woher rührt der Name ticktick Boom?

Naja, tick ist das Wort für Zecke. Wir hatten nach etwas gesucht, das im Kopf hängen bleibt.

Staiger hat sich sinngemäß über die Zecken-Rap-Gala dahingehend geäußert, dass kaum Migranten zu der Veranstaltung gekommen wären. Wie wurde dieses Statement aufgenommen?

Staiger hat das später zurückgenommen, was er gesagt hatte, weil das so nicht stimmte. Wir hatten beispielsweise eine Menge Refugees vom O-Platz auf unserer Gästeliste. Da ist vielleicht seine Beobachtung etwas oberflächig gewesen. Aber ich glaube, ich weiß was er meint. Ob das jetzt an diesem Abend so war oder nicht, ist eigentlich unwichtig, weil es manchmal traurig ist, dass es linke Veranstaltungen gibt, die vor allem von Bio-Deutschen und Studenten besucht werden. Da wird sich hingestellt und gesagt, wir möchten gerne mit allen Feiern, doch in Wirklichkeit feiert man sehr unter sich.

Manchmal wirken linke Veranstaltungen wie ein Treffen eines elitären Uni Vereins. Leute die keinen Bachelor oder Master haben, trauen sich da gar nicht rein. Da gibt es noch viel zu tun und auch Türen zu öffnen für Leute, die nicht schon fertig politisiert im Club oder in der Bar aufschlagen – sonst bleibt das ganze zu abgeschlossen und wir drehen uns im Kreis.

Hat das Album Blaupause politische Inhalte?

Durch und durch. Da gibt es sehr explizite politische Songs: Wut, Tränen, Du gibst deiner Welt einen Ruck und Hoffnung. Diese Songs sprechen ganz explizit etwas an. Ansonsten merkt man es in der Artikulation, denke ich. Beispielsweise, wenn ich von der Solidarität im Freundeskreis spreche. Da würde ich schon sagen, dass es ein politisches und zugleich persönliches Album ist. Es ist kein Polit-Rap Album, aber ein Album mit politischen Einschlag.

Kann Musik mit politischen Inhalten Hörer verändern oder beeinflussen?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, diesbezüglich darf man sich nicht über- und nicht unterschätzen. Bei Schlagzeilen haben wir Jahre später Rückmeldungen bekommen. Leute haben uns erzählt, dass sie unserer Musik angefangen haben, sich über politische Themen zu informieren. Das ist natürlich ein Ritterschlag. Insofern glaube ich, dass das geht. Zugleich weiß ich, dass das ganze seine Grenzen hat. Ich glaube nicht, dass ich mit meiner Musik die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Das ist auch gar nicht meine Ansporn. Ich möchte artikulieren, was mir auf dem Herzen liegt und will, dass das auf fruchtbaren Boden fällt. Ich will das Leute drüber nachdenken. Je mehr die Leute darüber nachdenken, desto mehr hoffe ich, dass es Wirkung zeigt.

Innerhalb der Kobito Pressemitteilung wird das Wort „positive Abgrenzung“ benutzt. Was hat es damit auf sich?

Das ist ein Konzept, das sich von der Mecker-Attitüde abgrenzen soll, die auch in der Polit-Rap-Szene verbreitet ist. Immer wird gesagt: Rap ist blöd, sexisitsch und homophob. Leider ist es so, dass dieses Vorurteil häufig stimmt. Gleichzeitig möchte ich mich nicht ständig negativ darüber äußern, sondern es entspannt besser machen.

Bei „Blaupausen“ hat man das Gefühl, dass es im Vergleich zu den vorherigen Veröffentlichungen orthodoxer nach Rap klingt. Ist das beabsichtigt?

Ich glaube, ich habe viel ausprobiert. Bei Deine Elstern war der Sound von Electro beeinflusst. Danach habe ich viel herumgesungen und geschaut, ob das etwas für mich ist. Zwischendurch habe ich mich wieder in Rap verliebt und bin dahin zurückgekehrt, wo ich herkam.

Wie lässt sich der Sound auf „Blaupausen“ beschreiben, wovon handeln die Texte auf dem Album?

Es gibt viele Einflüsse. Musikalisch ist es viel sphärischer geworden. Es ist deutlicher ausdifferenziert: Einerseits gibt es sehr ruhige Stücke und andererseits sehr zackige. Wenig dazwischen. Insgesamt haben wir versucht dem ganzen einen sehr warmen Sound zu geben. Während mein vorheriges Album „zu eklektisch“ textlich, sehr auf mich gerichtet war, ist „Blaupause“ einen Kreis weiter und fragt: wo stehe ich in meiner Umwelt, wie steht meine Umwelt zu mir und hat einen etwas weiteren Blick.

Der Song „Augen Zu“ von Deine Elstern, also dem Duo Kobito und Sookee, war so etwas wie ein Überraschungserfolg. Hat sich irgendwas mit dieser Veröffentlichung verändert?

Auf jeden Fall. Davor war ich ja mit Schlagzeiln unterwegs, ausschließlich in politischen Kreisen. Besetzte Häuser als Auftrittsorte standen an der Tagesordnung, in „normalen Clubs“ waren wir aber eigentlich nie. Dementsprechend war auch das Publikum recht homogen. Mit Deine Elstern und diesem Mainstream-Einfluss, der da noch herein kam, änderte sich das Publikum. Plötzlich kamen Leute die „Augen Zu“ aus dem Radio kannten zum Konzert. Überraschungserfolg trifft den Nagel auf dem Kopf. Es gab extrem viele Rückmeldungen. Das hat mich schon beeindruckt, auch in der Ausrichtung danach.

Gibt es auch Battle-Raps von Kobito?

Ich habe auf früheren Alben auch sowas gemacht. Wir haben so ein Ding gemacht, dass hieß „Rumblefish“, aber das war im Eigenvertrieb, es gab ganz wenige Exemplare. Auch auf der EP „Schon Unterwegs“, die online veröffentlicht wurde, gibt es Battle-Raps. Das hat mir auch Spaß gemacht. Manchmal mache ich das auch jetzt noch, allerdings muss das auf kein Album, das habe ich mit 18 gemacht, dafür bin ich mit 28 Jahren zu alt.

Was hält Kobito von Battle-Rap?

Ich habe nichts dagegen. Ich höre ab und zu gerne so etwas. Natürlich hat das auch seine Grenzen. Mit Sachen von Bushido und Kollegah kann ich nichts anfangen, aber ich höre viel amerikanischen Gangster Rap, beispielsweise Pusha T, T.I., ab und zu auch The Game. Das hat aber auch was damit zu tun, dass diese Sachen näher an der Realität der Leute dran sind als die Sachen aus Deutschland, denke ich, obwohl sie natürlich auch eine Menge Quatsch erzählen.

Welche Bedeutung hat Hip-Hop im Allgemeinen für Kobito?

Eine sehr große. Das ist die Musik, auf die ich mit 12 gekommen bin. Ich hatte nicht, wie viele meiner Freunde, eine Punkphase, oder eine schnieke Zeit. Ich habe wirklich immer die Klamotten wie heute getragen und bin seit 15 Jahren oder so Hip-Hop Fan. Alles was mit der Kultur zu tun hat, weiß ich sehr zu schätzen, auch wenn ich nicht alles selbst gemacht habe. Ich liebe Hip-Hop sehr. Ich versuche mit meiner Musik einen guten Beitrag zu einer lebenswerten offenen Kultur zu leisten, in der sich wirklich alle wohl fühlen können und weniger Einstiegsbarrieren stehen - sonst würde ich schon längst etwas anderes machen.

Was läuft derzeit in Kobitos heimischen MP3-Spieler?

Ich habe das Frank Ocean Album hoch und runter kaputt gehört. Ich habe auch viel Antilopen Gang gehört und viel Klaviermusik. Ich werde aber auch nicht müde, die alten Klassiker von Wu-Tang oder Mobb Deep zu hören. Ich kenne jede Passage, bis auf den letzten Atmer.

Wenn Kobito auf dem nächsten Album einen Feature-Gast aussuchen könnte, wen würde er wählen?

Ich nehme Judith Holofernes von Wir sind Helden! Wir sind Helden gehört auch in den MP3-Player. Ich finde, es ist die einzige Rockband, die auf Deutsch gut textet. Ich finde auch cool, wofür sie steht. Marteria finde ich stellenweise auch ziemlich geil, der hat eine gute Art mit Texten umzugehen. Er hat wahnsinnig glänzende Momente, bei denen jedes Wort stimmt.

Kann man als Künstler, der seine Alben auf ein independent Label veröffentlicht bereits von der Musik leben?

Wenn ich immer so touren würde, wie ich es gerade tue, dann ja. Es nähert sich dem an. Wir sind jetzt seit 8 Jahren oder bereits länger aktiv. Das schafft mehr Freiraum und ich muss keine Scheißjobs annehmen!

„Blaupausen“ ist das erste Album, das auf Audiolith erschienen ist. Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Label?

Audiolith ist eine sehr lockere Bande. Einen Labelvertrag habe ich bis heute nicht unterschrieben. Das läuft da alles per Handschlag. Die Promo-Abteilung ist total super, Chrissie macht einen großartigen Job. Lars Lewerenz hatte am Anfang in einem Gespräch gesagt, dass wir uns irgendwann einmal zoffen und uns anschreien würden. Dieser Punkt ist bislang noch nicht eingetreten.

Vielen Dank für das Gespräch

Gerne

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Raffael Siegert

Geboren 1982, verheiratet. Studium der Kulturanthropologie und Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Göttingen. Seit 2011 journalistisch tätig.

Raffael Siegert