Die Sinnhaftigkeit öffentlicher Bibliotheken

Wandel Auch heute können Bibliotheken progressive Medien-Center sein, wenn man sich Orte schafft, die konkurrenzlos sind. Dann erfüllen Bibliotheken noch ihren Sinn und Zweck
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Die Sinnhaftigkeit öffentlicher Bibliotheken

Foto: ANDREAS SOLARO/ AFP/ Getty Images

Das Bild der klassischen Bibliothek befindet sich im Wandel: Neben Büchern und Zeitschriften stehen den Schülern, Studenten, Senioren und weiteren Interessierten heute auch audio-visuelle Medien und Recherche-Datenbanken zur Verfügung. Selbst die kleinste (Stadt-) Bibliothek versteht sich heute mehr und mehr als Dienstleistungseinrichtung, medial erreichbar und jederzeit verfügbar. Zu ihren Services zählen – mal mehr, mal weniger − etwa Bereitstellung eines Zugangs zu digitalen Publikationen, Beschaffung und Nutzung von gedruckten Veröffentlichungen, Vermitteln von Recherchefertigkeiten und Förderung von Lesekompetenz. Ihre grundsätzliche Aufgabe an sich ist also nach wie vor aktuell: Bibliotheken sind ein wichtiger Teil der außerschulischen Bildung und Lesekultur.http://www.bundeshorn.de/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gif

Orte ungestörter Kommunikation

Darüber hinaus sind aber Bibliotheken auch Orte für eine (meist ungestörte) Kommunikation zwischen dem Leser und einer Publikation, das Eintauchen in eine Wissens- und Projektwelt, also die Möglichkeit, sich wichtige Prozesse für das Arbeits- und Privatleben anzueignen: Sie ermöglichen Teamwork, Gruppenarbeiten und Meinungsbildung − ebenso wie gemeinsames oder individuelles Lernen.

Die Theorie lautet also: Nach Eintritt durch die Pforten einer normalen Stadtbücherei erwarten den aufgeschlossenen Bürger multimedial und printtechnisch aufbereitete Präsentationsmodule, die nach lustvollem Verzehr die Lesekompetenz gesteigert, Recherchepotentiale erweitert, die Bildung gesteigert und Lust auf Wissen und Literatur, auf Gesellschaft und Staat gemacht haben. Und die eigene Wettbewerbsfähigkeit im Meer globaler Konkurrenzkämpfe um die besten Jobs gesteigert haben.

Das Problem hierbei − vor dem Hintergrund dieser Theorie − ist auf den ersten Blick eine Überraschung: Die kommunalen Bibliotheken werden von vielen Erwachsenen in Deutschland nicht regelmäßig genutzt.

Kommunales Angebot

Daher zu den Realitäten: Was bieten städtische Bibliotheken an realem, wie sieht die Situation fern der Theorie aus? Anhand der städtischen Bibliotheksangebote Wiesbadens − die Landesbibliothek Wiesbaden und Fachbibliotheken ausgenommen – sind die Defizite zur Theorie erkennbar.

Geboten wird allerlei: Ein Online-Kataloge, Online-Schnupperangebote, es gibt „Lese-Förderung“-Angebote wie „Bücherbande“ und „Lesespaß“, „Leseschlümpfe“, „Schmökerspaß“, „Bücherwald“, „Schlaufüchse“ oder „Lesepiraten“. Es gibt mehrere Angebote für Kinder, auch eine Schreibwerkstatt.

Kinderspaß und Lesespaß

Die Öffnungszeiten sind unübersichtlich: Die Stadtbibliothek ist dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet, die Musikbibliothek ist Di und Do und Mi und Fr jeweils anders, teilweise nur bis 18 oder 16 Uhr geöffnet. Die Stadtteilbibliotheken sind jeweils von 12.30 Uhr bis 14.30 Uhr geschlossen, also gerade in Zeiten, in denen viele Arbeitnehmer eine Mittagspause auch einmal mit einem Buch verbringen oder ein Buch ausleihen oder zurückbringen könnten.

Heilloses Durcheinander

Der Onlinekatalog ist ein heilloses Durcheinander an Links und unübersichtlich gestalteten Wortaneinanderreihungen, die mit modernem Design oder einem aktuellen, auf heutige Nutzer ausgerichteten Onlineangebot nichts zu tun haben. Die Nutzung ist dabei angemessen kompliziert: Bei der persönlichen Anmeldung sind der Personalausweis beziehungsweise Pass mit amtlicher Meldebestätigung mitzubringen. Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren brauchen die Unterschrift und den Ausweis eines Erziehungsberechtigten.

Das Bücherbusangebot ist allerdings bemerkenswert: Ein Kinderbus und Stadtteilbus mit jeweils „rund 5.000 Bücher[n] und Medien“ besucht Schulen und hält auf den Schulhöfen. Leider nicht in Schulferien in den Stadtteilen – also in Zeiten, in denen die Schüler Zeit für neue, außerschulische Bildungsgebiete haben würden und sich diesen fern des täglichen Schulstress´ öffnen könnten.

Studie zu Bibliotheksbesuchen

Klingt alles in allem trotzdem sehr passabel, das Problem ist folgendes: Kinderspaß und Lesespaß und Piratenspaß ist eine Anschmeichelung an die Vorstellung von Kinderwelten, die aber mit Lesekompetenz oder moderner digitaler Lesewelt zuerst rein gar nichts zu tun haben. Und da Erwachsene dies wissen oder erahnen, bleiben sie diesen Orten fern, sobald ihnen dies möglich ist.

Was können Städte und Gemeinden anders machen, wie ist eine Annäherung der Realitäten an die Theorie möglich? Man sollte sich hierzu die Nichtnutzer anschauen und deren Beweggründe. Die Studie des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv) und des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen unter der Förderung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien "Ursachen und Gründe für die Nichtnutzung von Bibliotheken in Deutschland" liefert im Jahr 2012 erstmalig detaillierte, empirisch fundierte und flächendeckende Erkenntnisse über die Gruppe der Nichtnutzer und deren Gründe für die Nichtnutzung von Öffentlichen Stadtbibliotheken und Gemeindebüchereien. Während Universitäts- und Hochschulbibliotheken in der Regel einen fest umrissenen Nutzerkreis haben − Studierende und HochschulmitarbeiterInnen in Lehre und Forschung−, richten sich Öffentliche Bibliotheken mit ihren Angeboten grundsätzlich an die gesamte Bevölkerung, so viel scheint klar.

Selbstverständliche Treffpunkte

Wer in der Kindheit eine Bibliothek besucht hat, bleibt auch in seinem späteren Leben mit höherer Wahrscheinlichkeit Bibliothekskunde, so die zitierte Studie. Das ist nach Aufzählung eines Angebotes wie das in Wiesbaden klar. Kinder müssen Bibliotheken laut Studie also schon früh als selbstverständlichen Treffpunkt erfahren.

Es wird daher empfohlen, verbindliche Kooperationsvereinbarungen zwischen Bibliotheken und Schulen sowie Kindergärten zügig weiter auszubauen, damit auch Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern erreicht werden, für die ein Bibliotheksbesuch nicht zum Alltag gehört. Hier ist das Engagement der Länder und Kommunen gefordert. Auch Eltern sollen vermehrt mit niedrigschwelligen Angeboten sensibilisiert und aktiviert werden, die sie in die Bibliothek führen und mit den Bibliotheksangeboten in Kontakt bringen.

Investitionen notwendig

Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass in den digitalen Angeboten ein großes Potenzial liegt, weitere Besucher zu gewinnen. Gezielte Investitionen, die eine stärkere Aktualität der Medien sowie eine größere Auswahl an DVDs, CDs und digitalen Medien gestatten sowie eine höhere Anzahl an Internetarbeitsplätzen, sind nur einige von vielen konkreten Maßnahmen, mit denen Bibliotheken ihre Attraktivität gerade für junge Menschen steigern könnten. Hierin liegt nach Ansicht der Studie auch einer der Potentiale, die 14- bis 19-Jährigen auch über die Schulzeit hinaus an Bibliotheken zu binden. Die Frage, ob Bibliotheken dann Standorte von Sony für Playstations werden sollen, darf dabei aber gestellt werden.

Positive Mundpropaganda

Bemerkenswert ist die Forderung nach längeren Öffnungszeiten am Abend und in einer Sonntagsöffnung, was eine aktuelle Bundesratsinitiative zur bundesweiten Sonntagsöffnung von Bibliotheken unterstützt. Die Studie fordert auch Räumlichkeiten mit mehr Licht und hellen Farben sowie ein interessanteres Veranstaltungs- und Medienangebot mit ungewöhnlichen Anreizen und Events, das neugierig auf die Bibliothek macht. Gut besuchte Veranstaltungen sorgen für mehr Interesse und positive Mundpropaganda.

Zusammengefasst kann man also konstatieren: Eingehen auf die Bedürfnisse des jüngeren Publikums, ein wenig den Pinsel schwingen und dadurch angenehmere Räumlichkeiten schaffen. Und am besten ein solch niedriges Niveau an Literatur anbieten, dass selbst die dümmsten Eltern ihre Kinder in die Bibliothek begleiten.

Das Ende der Standortbibliotheken?

Könnte gemäß solcher Empfehlungen, an die sich Städte wie Wiesbaden zu orientieren scheinen, das Ende der Bibliotheken, zumindest der Standortbibliotheken, eingeläutet werden?

Wäre es nicht besser, nicht das Gleiche anzubieten, was andere Orte sowieso besser anbieten können, sondern wirkliche Kompetenzzentren für geistige Leistungsfähigkeit einzurichten? Handelt es sich bei der Anbiederung an die vorherrschenden Wünsche und Verhältnisse nicht eher um eine reine Imagekampagne, die mangels Qualität aufgrund fehlender finanzieller Ausstattung aber zwangsläufig scheitern muss? Dazu gehört auch, immer nur auf die Außendarstellung herumzureiten und die Präsentationen zu ändern, also nur das formelle, anstatt das inhaltliche Angebot. Wäre es nicht sinnvoller, hochwertige Literatur, die zudem immer teurer wird, anzukaufen, als immer mehr Massenware? Niederschwellig bedeutet leider oftmals auch schwachsinnig. Wer niederschwellige Angebote präsentiert, steht in direkter Konkurrenz zu vielen TV-, Online-, Spielekonsolen-Angeboten und wird an deren gebündelter Marketingmacht und auch Qualität scheitern. Wer will schon drittklassige Spiele spielen oder Groschenromane lesen. Aber hochwertige Literatur anzubieten und vorrätig zu halten – für Erwachsene ebenso wie für Kinder −, die sich gerade sozial schwächere Familien nicht leisten können, und diese Literatur in einen erklärenden Rahmen zu setzen – wäre dies nicht die bessere Lösung, da als Alternative in dieser Form so nicht vorhanden?

Die Einrichtung einer Cafeteria oder eines Themenkiosk gäbe der Bibliothek darüber hinaus einen weiteren Anziehungspunkt und würde sie zu einem Treffpunkt für Bürgerinnen und Bürger machen. In die Selbstverwaltung von einem zu gründenden Jugendclub gelegt, könnte dies die wirtschaftlichen und organisatorischen Kompetenzen der beteiligten Jugendlichen erheblich steigern. Bei derzeitigen Nichtnutzern, die durch dieses Angebot angelockt werden, kann so ein neues oder wiedergefundenes Interesse geweckt werden. So würden soziale wie mediale Treffpunkte geschaffen werden und Orte der Begegnungen, an denen Lesen Spaß machen kann.

Ältere Generationen einbinden

Und die ältere Klientel? Die Studie fordert neue Distributionswege für die Medien, so beispielsweise Lieferungen nach Hause für Senioren oder an Packstationen für junge Berufstätige. Aber würde man dann nicht gerade die Separierung verschiedener Altersgruppen fördern und die Fähigkeit auch von jüngeren Menschen, sich mit älteren Generationen zu arrangieren, konterkariert?

Also: Qualität statt Anbiederung. Hochwertige Literatur statt viertklassiger Groschenliteratur. Erklärendes Beiwerk statt hübscherer Wandfarben. Gemütlichkeit und Lebensgefühl im Café-Rahmen anstelle kaputtem Bücherwagen mit Holzstühlen. Beteiligung und Einbindung der Generationen anstatt Ausgrenzung und Pseudoservice.

Medien-Center möglich

Man erwartet heutzutage nicht mehr, dass Bibliotheken wie in der Vergangenheit Medien-Center und Zentren kultureller Höchstleistung und Wissensvermittlung darstellen. Aber auch heute sind Bibliotheken als progressive Medien-Center möglich, wenn man sich Orte schafft, die konkurrenzlos sind. Dann erfüllen Bibliotheken noch ihren Sinn und Zweck.

Natürlich kann eine kleine Gemeinde kein allumfassendes multimediales Avantgardezentrum für neue und alte Medien sein, die zugleich immer tägliche Treffpunkte für junge und ältere Generationen sind und in denen die neuesten literarischen Werke vorhanden sind. Aber mit der richtigen Schwerpunktsetzung und einer in sich logischen Vernetzung – vielleicht im Zusammenspiel mit anderen Nachbargemeinden, mit Buchhandlungen, mit Unternehmen vor Ort – kann eine örtliche Bibliothek ein Anlauf- und sinnvoller Anziehungspunkt auch in Zeiten des Internet sein.

17:48 31.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Richard Hörner

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