Der Anti-Genius

Lyrik Am 8. Januar vor 120 Jahren starb Paul Verlaine. Eine Einführung in seine Dichtung auf der Grundlage seiner Biographie sowie Nachdichtungen ausgewählter Gedichte
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"De la musique avant toute chose" – vor allem muss es musikalisch sein. Dies war der Leitgedanke der Lyrik Paul Verlaines, den er 1874 denn auch an den Anfang seines programmatischen Gedichts Art poétique stellte (Erstveröffent­lichung in Paris Moderne, 1882; in einer Gedichtsammlung Verlaines zuerst in Jadis et naguère, 1885).

Unausgesprochen grenzte Verlaine sich mit dem Gedicht von den so genannten "Parnassiens" ab, einer Dichtergruppe, von der er selbst in seinen literarischen Anfängen beeinflusst worden war. Wie die parnassischen Lyriker, trat zwar auch Verlaine für ein striktes "l'art pour l'art", also die Eigenweltlichkeit und den Eigen-Sinn der Kunst, ein. Im Unterschied zu den Parnassiens sah er die Eigengesetzlichkeit der Lyrik jedoch durch das von diesen gepflegte strenge, an antiken Vorbildern orientierte Versmaß unnötig beschränkt. Auf Ablehnung stieß bei ihm auch das parnassische Ideal der "impersonalité", womit eine Dich­tung bezeichnet wurde, in der Gefühle nur im Medium "objektiver", oft antiker Sujets, nicht aber durch die unmittelbare Selbstaussprache eines lyrischen Ichs zum Ausdruck gebracht werden sollten.

Die Abgrenzung zur parnassischen Dichtung wird gleich zu Beginn der Art poétique deutlich, wenn Verlaine für die Verwirklichung seines Ideals einer mu­sikalischen Lyrik fordert, der Dichter solle "l'Impair" bevorzugen. Dieses Wort bezeichnet zum einen das "Ungerade" und damit die gewollte Abweichung von der parnassischen Poetik. Es enthält zum anderen – als Substantiv – aber auch das bewusste Bekenntnis zur "Ungeschichklichkeit" – und damit zu dem (nach parnassischem Dichtungsverständnis) "unschicklichen" Sich-Einmischen und Sich-Aussprechen des Subjekts, das in seiner Einzigartigkeit strukturell jeder Norm widerspricht.

Als Ausdruck einer subjektiven Empfindung ist die Im Gedicht gestaltete Stim­mung stets etwas Flüchtiges ("une chose envolée"), etwas, das sich einer klaren Festlegung ebenso entzieht wie das lyrische Ich selbst, das sich im Gedicht prä­sentiert als "une âme en allée / vers d'autres cieux" – als eine Seele, also, die im Moment ihrer Erscheinung immer schon zu "zu anderen Himmeln" unter­wegs ist. Eben dadurch, dass das lyrische Ich und die von ihm gestaltete Stim­mung in der Schwebe bleiben, öffnet sich das Gedicht gegenüber den Lesen­den, die so dessen Empfindungswelt mit ihrer eigenen verbinden können.

Das Bekenntnis zu einer dichterischen Freiheit, die nicht durch inhaltliche oder metrische Vorgaben eingeschränkt werden dürfe, müsste konsequenterweise auch eine Ablehnung des Reimes zur Folge haben. In der Tat mokiert sich Ver­laine auch über diesen, indem er ihn in seiner Art poétique als Erfindung eines "tauben Kindes" oder eines "wilden Negers" verhöhnt. Nichtsdestotrotz hält er den Reim in einer der Musikalität verpflichteten Dichtung für unverzichtbar. Er plädiert allerdings für einen "Rime assagie", also einen "weiseren", bewuss­teren und kontrollierteren Einsatz des Reimes. Denn "wohin führt es wohl, wenn wir ihn nicht überwachen?" Ähnlich hat er in dem 1888 in der Zeitschrift Le Décadent publizierten Essay Un mot sur le rime den Reim als "notwendiges Übel" bezeichnet, ohne den "unsere wenig akzentuierte Sprache" keine Dich­tung hervorbringen könne.

Abschließend fordert Verlaine in der Art poétique, der Vers solle "une bonne aventure" sein. Dieser Ausdruck fasst gut zusammen, was Verlaine mit seiner Lyrik anstrebt. Denn "aventure" bezeichnet hier nicht nur das "Abenteuer" bzw. das "Wagnis", sich immer wieder auf neue Stimmungen und deren dichterische Gestaltung einzulassen. Der Begriff beinhaltet auch das Bewusstsein, sich hier­bei in Gefahr zu begeben ("s'aventurer"), im Sinne der Möglichkeit eines per­sönlichen Scheiterns an der dichterischen Aufgabe, aber auch im Sinne der Gefahr des Nichtverstandenwerdens oder der Ablehnung des gewählten dich­terischen Ausdrucks durch andere.

Vor allem aber versteckt sich in "[dire] la bonne aventure" auch das klassische Bild des Dichters als eines Wahrsagers. Wenn Verlaine hier auf diesen Topos anspielt, so verleiht er ihm freilich zugleich eine eigene, seinem Lyrikverständ­nis entsprechende Färbung. Denn "Wahrsagen" bedeutet bei ihm eben nicht mehr, dass der Dichter über eine wie auch immer geartete prophetische Gabe verfügt. Es bezieht sich vielmehr im Wortsinn auf das "Sagen des Wahren", im Sinne einer authentischen, nicht durch metrische oder inhaltliche Konven­tionen verfälschten Wiedergabe subjektiver Stimmungen.

Als besonders gelungene Umsetzung dieses dichterischen Ideals gilt allgemein ein Gedicht, in dem Verlaine die Monotonie des rauschenden Regens mit der melancholischen Gestimmtheit eines lyrischen Ichs verknüpft. Ganz im Sinne der postulierten musikalischen Dichtung tritt hier die konkrete Bedeutung der einzelnen Worte zurück hinter der besonderen Harmonie, die durch Rhythmus, Assonanzen und Reime erzeugt wird. Die Welt der Sprache wird so durch einen eigenen Klangraum transzendiert, durch den sich die Dichtung dieser gegen­über in ihrer Autonomie behauptet:

Il pleure dans mon coeur Es weinet mein Herz,

comme il pleut sur la ville, wie es weint auf die Stadt,

quelle est cette langueur was ist das für ein Schmerz,

qui pénètre mon coeur? der sich drängt in mein Herz?

O bruit doux de la pluie O der zärtliche Klang

par terre et sur les toits! auf Erde und Dach!

Pour un coeur qui s'ennuie, Für ein Herz, das zersprang,

o le chant de la pluie! o des Regens Gesang!

Il pleure sans raison Es weint ohne Grund

dans ce coeur qui s'écoeure. in dem Herzen, das schmerzt.

Quoi! nulle trahison? Was! kein Befund?

Ce deuil est son raison. Dieser Schmerz ist ohne Grund.

C'est bien la pire peine Dies ist das ärgste Leid,

de ne savoir pourquoi, zu leiden ohne Grund,

sans amour et sans haine, ohne Liebe, ohne Streit,

mon coeur a tant de peine! mein Herz fühlt so viel Leid!

(aus: Romances sans paroles, 1874)

Mit seinem Ideal einer für und aus sich selbst heraus existierenden Dichtung hat Verlaine ein zentrales Element des Symbolismus vorweggenommen. In Frankreich findet dies seinen Ausdruck darin, dass Verlaine selbst in einer Schrift über die "verfemten Dichter" (Les poètes maudits, 1884/88) auf wichtige symbolistische Dichter – insbesondere Stéphane Mallarmé und Arthur Rimbaud – hingewiesen hat. In Deutschland manifestiert sich die Affinität zum Symbolis­mus darin, dass mit Stefan George und Rainer Maria Rilke gleich zwei Dichter, deren Werk in großen Teilen symbolistisch geprägt ist, Gedichte von Verlaine ins Deutsche übertragen haben.

Im Falle Rilkes und Georges korrespondiert das dichterische Transzendieren des konkreten Alltags auch einer weltentrückten Attitüde der Dichter. So suchte Rilke die Nähe zu Adligen und logierte etwa mehrfach in den Schlössern der Fürstin Marie von Thurn und Taxis. Auf Schloss Duino begann er die Arbeit an den Duineser Elegien, die deshalb auch der Fürstin gewidmet sind.Und Stefan George zog mit der Pose des Dichterfürsten nicht nur regelmäßig eine treu er­gebene Jüngerschar in seinen Bann. Vielmehr nahmen auch die Nationalsozialis­ten ihn hierdurch als geborenen geistigen Führer wahr und ver­suchten – allerdings vergeblich – ihn durch die Verleihung des Staatspreises auf ihre Seite zu ziehen.

Anders als bei Rilke und George, klaffen im Fall Verlaines dichterischer An­spruch und konkretes Leben weit auseinander. Geboren 1844 als Sohn eines Offiziers, gilt er als schwer erziehbar und besucht seit dem neunten Lebensjahr ein Internat, wo er nur mit Mühe das Abitur besteht. Als kurz nacheinander sein Vater und seine geliebte Cousine, die nach dem Tod ihrer Eltern von den Verlaines adoptiert worden war, sterben, gibt er sich dem Alkohol hin und tötet im Delirium beinahe seine Mutter. Mit 25 Jahren verliebt er sich in ein neun Jahre jüngeres Mädchen, heiratet es und wird Vater eines Sohnes. Diesen misshandelt er unter dem Einfluss des Absinths ebenso wie seine Frau, die sich daraufhin von ihm trennt.

Gleichzeitig geht Verlaine eine Liaison mit dem über zehn Jahre jüngeren Arthur Rimbaud ein. Als dieser sich von ihm lösen will, schießt er im ange­trunkenen Zustand auf ihn, woraufhin er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Während seiner anderthalbjährigen Haftzeit wendet er sich dem Chris­tentum zu, was sich auch in seinen Gedichten widerspiegelt. Im Anschluss an seinen Gefängnisaufenthalt versucht er sich als Lehrer durchzuschlagen, wird jedoch der homoerotischen Beziehung zu einem Schüler bezichtigt und entlas­sen. Nachdem er mit dem Versuch gescheitert ist, mit eben diesem Schüler und dessen Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb zu führen, muss er, mittel- und perspektivlos, zu seiner Mutter zurückziehen. Seine gewaltsamen Aus­brüche dieser gegenüber gipfeln in dem Versuch, seine Mutter zu erwürgen, was ihm eine erneute Haftstrafe einträgt. Nach dem Tod der Mutter lebt er auf der Straße und in billigen Absteigen. Das wenige Geld, das ihm Freunde zu­stecken, verprasst er mit Prostituierten. Er erkrankt an der Syphilis, an deren Spätfolgen er mit knapp 52 Jahren stirbt.

Vor dem Hintergrund dieser Biographie erhält das Streben nach einer "poésie pure", einer reinen Dichtung, eine völlig neue Bedeutung. Es erscheint hier als verzweifeltes Harmoniestreben eines zutiefst dissonanten Daseins, das sich heillos im Netz der irdischen Leidenschaften verfangen hat. Verlaines Bemühen um dichterische Harmonie ließe sich damit auf einen ähnlichen Impuls zurück­führen wie seine Hinwendung zum Glauben, die er mit einer an Dostojewski erinnernden Inbrunst zelebriert. Weder im Glauben noch in der Dichtung findet er dabei allerdings die erhoffte Erlösung. Die Dichtung verhilft ihm eben nicht zu einer dauerhaften Überwindung seiner inneren Zerrissenheit, sondern ist für ihn nur ein Betäubungsmittel wie der Alkohol – zu dem er immer dann seine Zuflucht nimmt, wenn die geistige Kraft oder Inspiration nicht für die dichteri­sche Arbeit ausreicht.

Dabei verhindert gerade das ostentative Beharren auf der Eigenweltlichkeit der Kunst, dass diese eine qualitativ andere Erlösung vermitteln kann als der Alko­hol. Denn da die Lyrik sich bei Verlaine nicht mit dem sozialen Alltag berühren darf, kann sie dem Dichtenden auch nicht zu einer Bewältigung seiner psychi­schen Konflikte und zu einer Auseinandersetzung mit den Verletzungen, die er anderen durch diese zufügt, beitragen. Verlaines Lyrik ist so zwar durch eine feinsinnige Empfindsamkeit gekennzeichnet. Weil diese sich jedoch nur solip­sistisch auf die eigene Gefühlswelt bezieht, enthält sie oft auch einen weh- und selbstmitleidigen Zug.

Die Dissonanz, die sich im Falle Paul Verlaines zwischen Dichtung und Alltagsle­ben ergibt, macht ihn zu einem interessanten Forschungsobjekt. Als Psychologe könnte man sich etwa fragen, inwieweit der frühe Tod des Vaters Schuldge­fühle in ihm ausgelöst hat und ob die gestörte Beziehung zu diesem ein Grund für seine sexuellen Orientierungsprobleme sowie sein Schwanken zwischen ra­dikaler Auflehnung und leidenschaftlicher Unterordnung – wie sie sich in seiner Unterwerfung unter die christlichen Gebote manifestiert – sein könnte. Ganz neutral ausgedrückt, erscheint Verlaine als ein Mensch, der seine psychischen Probleme mal im Alkohol zu ertränken, mal durch geistige Aktivität oder ver­stärkte Religiosität zu sublimieren versucht. Eines aber ist er in jedem Fall nicht: ein klassischer Genius.

Verlaines Leben lässt sich damit auch als Warnung an uns verstehen, einen Dichter nicht vorschnell zu den Göttern zu erheben. Denn indem wir ihn als Genie verklären, ihn also sozusagen als "Außerirdischen" betrachten, verde­cken wir ja gerade jenes ganz und gar irdische Element des dichterischen Im­pulses, das unsere Wesensverwandtschaft mit aller Dichtung begründet und deren Geist damit auch in unserem Leben wirksam werden lassen kann.

Umgekehrt könnte man freilich, ausgehend von Verlaines Biographie, auch in jedem Säufer zunächst einmal einen verhinderten Dichter sehen – einen Men­schen also, der sich schon zu sehr im Netz seiner Leidenschaften verstrickt hat, um noch den magenfreundlicheren Betäubungsweg der Kunst beschreiten zu können.

Zum Schluss noch ein Wort zu den folgenden Übertragungen von Gedichten Paul Verlaines. Dass Gedichte im Grunde unübersetzbar sind, ist schon oft an­gemerkt worden. Denn es geht hier ja nicht darum, den konkreten Sinn der Worte in eine andere Sprache zu übertragen – was sich ebenfalls oft genug als problematisch erweist. Vielmehr entfaltet ein lyrisches Werk durch das Jonglie­ren mit den Wortbedeutungen und das Zusammenspiel von Worten, Rhythmus und Reim oft ein ganzes Geflecht von Assoziationen, das sich in einer fremden Sprache kaum adäquat wiedergeben lässt. Dies gilt in erhöhtem Maße für eine Dichtung, die explizit von der konkreten Bedeutungsebene der Worte abstra­hiert, um über deren Zusammenklingen einen neuen Bedeutungsraum zu er­öffnen.

Entscheidend scheint mir in diesem Fall daher nicht die wort- oder auch nur bildgetreue Übertragung der Verse zu sein, sondern vielmehr eine Annäherung an die Stimmung, die das jeweilige Gedicht evoziert. Das Ergebnis ist dann nicht eigentlich eine Übersetzung, sondern eine Ein-stimmung in die Gestimmtheit eines fremden Ichs, ausgedrückt in einer anderen Sprache.


Literatur

Brunel, Pierre et al. (Hg.): Paul Verlaine. Paris 2004: Presse de Sorbonne.

Gobry, Ivan: Verlaine et le destin. Paris 1997: Éditions Téqui.

Goffette, Guy: Verlaine d'ardoise et de pluie. Paris 1998: Gallimard.

Petitfils, Pierre: Verlaine. Biographie. Paris 1994: Julliard.

Richter, Jean: Paul Verlaine. Porträt und Poesie. Darmstadt 1968: Luchterhand.

Stenzel, Wilhelm: Paul Verlaine, der Mensch und der Dichter. Leipzig 1913: Xenien (online verfügbar in der Historical Monographs Colection).

Troyat, Henri: Verlaine. Paris 1993: Flammarion.

Übertragungen von Gedichten Paul Verlaines:

Sonnenuntergänge

Ein schwacher Morgenschimmer gießt

über das dunstverhangene Feld

die Schwermut, die purpurn umfließt

am Abend die Welt.

Das Schiff der Schwermut entführt

mit sanften Wiegegesängen

mein Herz, das so sich verliert

im Traum von Sonnenuntergängen.

Und fremde Gesichte, weit

wie die zerfließende Glut

über des Meeres Unendlichkeit,

Gespenster aus purpurnem Blut

ziehen vorbei, ein endlos' Geleit,

ziehen vorbei, ganz wie die Glut,

wie die zerfließende Glut

über des Meeres Unendlichkeit.

(aus: Poèmes saturniens, 1866)

Nebliger Weg

(Promenade sentimentale)

Der Abend sandte sein letztes, schleichendes Licht,

und im Winde wiegten sich Seerosen bleich;

die leuchteten hell zwischen Schilfgräsern dicht,

leuchteten traurig über dem schweigenden Teich.

Durchs Labyrinth der Weiden schweift' ich, verwaist

in heillosem Schmerz, den der Nebel gebar,

der aus den Wassern aufstieg, ein Geist,

wehklagend schrill wie der Enten Schar,

die sich versammelten wilden Geschreis

und flatterten durch das Gestrüpp so bang

aus Weiden und heillosem Schmerz. Finsteres Eis

der Dämm'rung, das mich umschlang,

Leichentuch, das so schwerfällig fiel

hin auf das Schilf und Seerosen bleich,

die wie der Abend traurig und kühl,

traurig verglommen über dem schweigenden Teich.

(aus: Poèmes saturniens, 1866)

Kaspar Hauser singt – III

Der Himmel über dem Haus –

wie ist er so still, so fern aller Hast!

Der Baum, wie schwingt in das Blau hinaus

er selbstgenügsam den Ast!

In unerschütterlicher Sanftmut bebt

herüber des Kirchturms Klang;

und im Gebüsch erinn'rungsschwer webt

ein Vogel klagenden Sang.

Ach, das Leben, das Leben – wie leicht!

Träumend sonnen sich Ähren satt,

indessen die Luft besänftigend streicht

durch das Geraune der Stadt.

Du aber siehst in dem lachenden Tag

traurig sich spiegeln ein andres Gesicht,

ein anderes Land, das im Dunkeln längst lag,

siehst deiner Jugend ungeschriebnes Gedicht.

(aus: Sagesse, 1881)

[L’échelonnement des haies …]

Endlos kräuselt das Meer der Hecken

dem Horizonte entgegen sich, umlacht

von eines glänzenden Nebels Pracht,

darin sich die Beeren blinzelnd verstecken.

Leichthin über das zärtliche Grün

verstreut sind Bäume und Mühlen,

und Fohlen springen und spielen

trunken zwischen dem sorglosen Blühn.

Schmeichelnd webt des Sonntags Welle

Träume in das Gespinst der Schafe,

Wolkentupfer im wärmenden Hafen

aus Wiesen an des Himmels Schwelle.

Und über Feld und summender Au,

brandend wie knisternde Locken,

löst sich aus segnenden Glocken

die Woge ins milchige Blau.

(aus: Sagesse, 1881)

Pierrot

Nur das Gespenst des Träumers, der einstmals von hohen Seilen

lachte in schreckensbleiche Gesichter,

sucht heute uns heim. Freudlos sieht man die Lichter

sein mondfahles Antlitz umeilen.

Und sieh, wie in den gnadenlos ihn umzüngelnden Blitzen

schon wie ein Leichentuch bläht ein Windstoß sein Kleid!

Sein Mund, ein Abgrund, heult lautlos im Leid,

als würden die Würmer schon die Haut ihm zerritzen.

Dem Vogelschwarm gleich, der die Nacht durchschwirrt,

sind seine Ärmel hilflos verwirrt

zu Zeichen, die unverstanden verhallen.

Und durch die Löcher der Augen wühlt sich das Licht

wie Schlangen, indessen unter der Schminke Schicht

die blutleeren Lippen im Todeskampf lallen.

(aus: Jadis et Naguère, 1884)

Verlaine: Gedichte in französischer Sprache

21:00 07.01.2016
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Geschrieben von

Rotherbaron

Autor, Blogger. Themen: Politik, Gesellschaft, Natur und Umwelt, Literatur, Kultur. Seiten: rotherbaron.com; literaturplanetonline.com
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