In terroristischem Dauerstress

Ägypten Nach dem Anschlag auf die Moschee al-Rawda bombardierte die Armee angebliche Verstecke von Islamisten. Die eigentlichen Ursachen bekommt man damit nicht in den Griff
Ausgabe 48/2017
Mehr als 300 Menschen, darunter 27 Kinder, wurden am 24. November im Dorf Bir al-Abd getötet
Mehr als 300 Menschen, darunter 27 Kinder, wurden am 24. November im Dorf Bir al-Abd getötet

Foto: AFP/Getty Images

Von Sicherheitskräften unbemerkt war es den Terroristen gelungen, rund um die Moschee al-Rawda im Dorf Bir al-Abd im Nordsinai Sprengsätze zu verstecken. Sie explodierten, als der Imam am 24. November mit der Freitagspredigt beginnen wollte. Als die Gläubigen ins Freie flüchteten, wurden sie von Gewehrsalven empfangen. Bilanz: mehr als 300 Tote, darunter 27 Kinder, zudem mehr als 100 Verletzte.

Obwohl sich niemand zu dem Anschlag bekannte, geht die ägyptische Regierung davon aus, dass es sich bei den Urhebern um eine Gruppe handelt, die sich zum Islamischen Staat zählt. Trotz der weitgehenden Zerstörung seines Kerngebiets im Irak und in Syrien ist nicht damit zu rechnen, dass er seine terroristischen Aktivitäten in anderen Regionen einstellt. Schon seit 2013 wird der Sinai von schweren Anschlägen erschüttert. Sie richteten sich bislang vor allem gegen Militär- und Polizeikräfte sowie gegen Christen, die die Region mehr und mehr verlassen. Die Al-Rawda-Moschee war ein Zentrum des Sufi-Islam und entsprach damit nicht den Normen des sunnitisch-wahhabistischen Islam. Es ist davon auszugehen, dass die Sufi-Gemeinden auf dem Sinai die staatlichen Sicherheitskräfte unterstützen und deshalb ins Visier der Terroristen gerieten. Dass die Armee sofort mit massivem Bombardement angeblicher Verstecke islamistischer Gruppen reagierte und behauptet, die Terroristen vernichtet zu haben, das ist keine Garantie für das Ausbleiben weiterer Anschläge.

Obwohl sich die historisch entstandene Vielfalt der ägyptischen Kultur, die zudem mehrere Modernisierungswellen gekannt hat, kaum in eine eng gestrickte islamistische Norm zwängen lassen wird, droht dem Land terroristischer Dauerstress. Damit er nachlässt, müssten seine eigentlichen Wurzeln beseitigt werden. Sie sind sozialer Natur, werden aber durch vielfältige Abhängigkeiten von ausländischen Geldgebern immer wieder gestärkt. Ägyptens Situation ist besonders tragisch, weil nicht nur die Terrorgruppen, sondern auch der Staat von Finanzströmen abhängig sind, die zum großen Teil von der Arabischen Halbinsel kommen. Die islamistische Regierung von Mohammed Mursi stützte sich auf das Emirat Katar, die aktuelle Regierung von Abd al-Fattah as-Sisi steht mit Saudi-Arabien im Bündnis – beides Staaten, die auch als wichtigste Lieferanten von Geld und Ideologie für die Terroristen weltweit angesehen werden. Sie üben praktisch auf allen Ebenen Einfluss in Ägypten aus.

Präsident as-Sisi war denn auch in Riad präsent, als der dortige starke Mann, Kronprinz Mohammed bin Salman – zwei Tage nach dem Attentat in Bir al-Abd – eine Konferenz gegen den internationalen Terrorismus eröffnete, an der 40 islamische Länder teilnahmen. Der Prinz begann mit der vielversprechenden Formulierung, dass „der Kampf gegen den Terrorismus heute beginnt und fortgesetzt wird bis zur vollkommenen Auslöschung seiner Keime und Quellen in der Welt“. Er gedachte der Opfer in Bir al-Abd und betonte, der Anschlag sei besonders schwerwiegend, weil die Opfer Muslime waren. Um den Wert dieser Worte zu ermessen, ist allerdings daran zu erinnern, dass für ihn nur der Iran und Katar samt ihren Schützlingen die Urheber des weltweit zu bekämpfenden Terrorismus sind. Sicherheitshalber macht as-Sisi auf dem Rückweg einen Abstecher nach Katar, wo ihm Prinz Tamim bin Hamad Al Thani ebenfalls Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zusagte.

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