Kunst mit Businessplan

Kulturförderung Für die Kultur ist in einer durchökonomisierten Gesellschaft kaum Geld da, obwohl es eigentlich genug Fördermöglichkeiten gäbe
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Mit Sicherheit sieht ein Großteil der Kulturschaffenden in ihrer Arbeit mehr Berufung und Lebensinhalt als Job oder reine Erwerbstätigkeit. Was jedoch nichts daran ändert, dass auch ein Künstler Geld zum Leben braucht. Nur leider ist Kultur für viele ein brotloses Geschäft, obwohl es eigentlich genug Fördermittel gäbe. Länder und Kommunen in Deutschland müssen sparen. Und einer der Bereiche, die dem Rotstift als erstes zum Opfer fallen, ist die Kultur. Das ist gemeinhin bekannt.

Künstler müssen als Organe handeln

Es gibt jedoch Förderungsmöglichkeiten. Zum Beispiel das Anfang letzten Jahres aufgelegte EU-Programm „KREATIVES EUROPA“. Das Programm vereint die drei Teilprogramme KULTUR, MEDIA und MEDIA MUNDUS und soll den europäischen Kultur- und Kreativsektor unterstützen. Von dem auf eine Laufzeit von sieben Jahren ausgelegten Gesamtbudget von 1,46 Mrd. Euro entfallen etwa 455 Millionen Euro auf das Teilprogramm Kultur. Hauptsächlich gefördert werden aus diesem Topf europäische Kooperationsprojekte, Netzwerke, Plattformen und Literaturübersetzungsprojekte. Keine Rede ist hier von Theatergruppen, Bands oder gar einzelnen Künstlern, denn antragsberechtigt sind nur juristische Personen des privaten oder öffentlichen Rechts. Sprich Organisationen. Was also tun? Künstler stehen so vor der Notwendigkeit, sich zusammenzuschließen, sich zu vernetzen. Um an die Fördertöpfe aus Brüssel zu kommen, müssen Organe gebildet werden.

Das haben etwa die Straßentheater in Deutschland bereits 2005 getan, als sie den Bundesverband Theater im öffentlichen Raum e.V. gründeten. Laut eigener Darstellung setzt sich der Verband als Interessenvertretung für professionelle Künstler, Produzenten, Agenten, Kreative, Techniker und Theaterliebhaber für die Anerkennung von Theater im Öffentlichen Raum und für die Verbesserung von Produktion- und Präsentationssituation ein.

„Einmal und nicht unbedingt wieder“

Birgit Hauska von der SK Stiftung Kultur in Köln hält den bürokratischen Aufwand bei der Beantragung von EU-Förderungen für viel zu hoch. 1999 hat sie für die SK Stiftung für ein europäisches Tanz-Film-Festival eine EU-Förderung beantragt und genehmigt bekommen. Damals hat sich ihre Kollegin Susan Barnett aus der Projektleitung als englische Muttersprachlerin um diesen gigantischen Antrag gekümmert, was nicht weniger als eine volle Woche und das von morgens bis abends in Anspruch genommen hat. Dabei kommt man zu nichts anderem. „Die Antragstellung ist wahnsinnig bürokratisch und formal kleinlich und eher nicht vereinbar mit dem kreativen Potenzial der Künstler und Kulturschaffenden. Es gibt unzählige Formalien, an denen der Antrag scheitern kann. Wenn man etwa nicht mit blauer Tinte unterschreibt, geht der Antrag schon nicht durch.“ Die Kultur ist einerseits chronisch unterfinanziert, die Strukturen der Künstler eher prekär, aber für solche Anträge braucht die antragstellende Institution zu viel Zeit, Fachwissen und Erfahrung. Gleichzeitig ist es meist nicht möglich, gut bezahlte Spezialisten zu holen, wie in der freien Wirtschaft, weil der Kultur schlichtweg das Geld fehlt. Zudem ist der Ausgang des Projektantrages völlig ungewiss und die Geldakquise muss vorfinanziert werden. „Ich denke, der Aufwand lohnt sich nur bei der Beantragung von großen sechsstelligen Fördersummen. Ich halte auch die Projektkulturförderung des Landes NRW in seinen jetzigen Strukturen für nicht mehr zeitgemäß, unflexibel, nicht an der Praxis orientiert. Durch die Haushaltssperre in diesem Jahr mussten zudem viele Projekte schlichtweg abgesagt werden. Das heißt, die Projekte werden gar nicht realisiert.“

Ökonomisierung der Kultur

Experten wie Cornelia Bruell sehen diese neue Form der Kulturförderung kritisch. In ihrer für das Institut für Auslandbeziehungen im Rahmen des Forschungsprogramms „Kultur und Außenpolitik“ erstellten Studie zu Creative Europe heißt es, im Vordergrund der Förderung stünden Maßnahmen zur Erhöhung der Fähigkeiten der Einrichtungen international zusammenzuarbeiten. Es scheint, als würde mit dem Programm nicht Kultur und Kunst gefördert, sondern Kulturinstitutionen im Sinne von Wirtschaftsunternehmen.

Häufig ist die Rede von Wettbewerbsfähigkeit, Dienstleistungen, neuen Geschäftsmodellen und strategischer Publikumsentwicklung. Der Wert der Kultur bemisst sich an Marktmechanismen. Kunst wird zur Ware. Der US-amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin hat diese Entwicklung bereits in seinem Buch „Access“ beschrieben, in dem er von einer neuen Ära des kulturellen Kapitalismus spricht. „Stand die Kultur unserer bisherigen Erfahrung nach ‘über’ dem Markt, […] wird sie nun auch in die Sphäre der Ökonomie gezogen.“

Kulturpolitik als Mittler zwischen Dienstleistern und Kunden

Viele werden von der Entwicklung der Kulturförderung enttäuscht sein. Denn diese Art der Förderung hat nicht mehr viel gemein mit der Förderung, die man vorher kannte. Wo noch Projekte in den Bereichen Theater, Literatur, bildende Kunst oder Musik gefördert wurden. Wenn es nach heutigen Kriterien geht, werden eher Maßnahmen in den Bereichen Marketing, Personalentwicklung und Management gefördert. Kulturinstitutionen werden Wirtschaftsunternehmen gleichgestellt. Der Künstler soll als Entrepreneur handeln. Für einzelne Künstler bedeutet das, stärkere Vernetzung ist das Gebot der Stunde, um überhaupt noch an Fördergelder der EU heranzukommen. Was wir uns als Gesellschaft jedoch fragen sollten, ist etwas anderes. Können und sollten wir auf die Kräfte des freien Marktes vertrauen, wo Kulturpolitik lediglich als Mittler zwischen Dienstleistern, Produkten und Kunden agiert? Sollte Kulturförderung nicht vielmehr ein Partner der Künstler sein, die auch das Schaffen kultureller Werke und Werte ermöglicht, die keinen finanzstarken Markt haben?

08:02 17.05.2015
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Geschrieben von

Sandro Abbate

Alltagshermeneut | Freier Autor | Kulturwissenschaftler | Blogger | novelero
Sandro Abbate

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