Fehlt der Zins im System?

Geldpolitik Zur Frage, ob die Geldschöpfung aus dem Nichts in Verbindung mit dem Zins zwangsläufig zu einem ständigen Wachstum der Geldmenge führt.
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In einem Kreditgeldsystem wird immer nur dann neues Geld geschaffen, wenn eine Nichtbank (Verbraucher, Unternehmen, Staaten) bei einer Bank einen Kredit aufnimmt. Ohne Schuldverhältnisse kommt kein Geld in Umlauf. Würden in einem Kreditgeldsystem alle Schulden getilgt, gäbe es kein Geld mehr in der Volkswirtschaft.

Etwas vereinfacht lautet so die Definition des Kreditgeldsystems der Autoren Freydorf, Kimmich u.a. in ihrer Studie „Wachstumszwänge in der Geldwirtschaft“ aus dem Jahre 2012.

Autoren wie Norbert Häring und Otmar Pregetter würden hinzufügen:

„Nach der vollständigen Tilgung aller Kredite sind aber die Zinsen noch nicht bezahlt, da das Geld für die Zinsen in der Geldmenge nicht enthalten ist.“

Und damit sind wir bereits bei der ganz entscheidenden Frage angelangt, mit der sich der folgende Artikel auseinandersetzen wird:

Führt die Geldschöpfung aus dem Nichts in Verbindung mit dem Zins zwangsläufig zu einem ständigen Wachstum der Geldmenge oder können die Zinsen trotz stabiler Geldmenge aufgebracht werden?

Ausgangspunkt für die Betrachtungen soll folgendes Beispiel sein:

Stellen Sie sich vor, es gibt eine Insel mit genau einer Bank und genau drei Kreditnehmern. Jeder Kreditnehmer erhält am Jahresanfang einen Kredit von 100 Euro von der Bank. Wie üblich in solchen Fällen möchte die Bank nicht nur den Kreditbetrag, sondern auch Zinsen haben und am Jahresende soll jeder der drei Kreditnehmer 100 Euro plus 5% Zinsen; also 105 Euro an die Bank zahlen.

Wenn man jetzt mal ein wenig rechnet, wird schnell klar, dass die Bank 3x100=300 Euro geschaffen hat, aber 3x105=315 Euro zurück haben will. Da sieht auch jeder schnell ein, dass ein solches Unterfangen unmöglich ist.

Die Bank erzeugt immer nur die Geldmenge für den Kredit, nicht jedoch für die Zinsen. Keine Bank erzeugt auch nur einen Euro, der originär für Zinszahlungen verwendet werden soll.

Das ist insoweit auch unstreitig.

Also kann nur der Kreditbetrag, nicht jedoch die Zinsen an die Bank gezahlt werden. Zinszahlungen sind nur dann möglich, wenn neues Geld in das System gelangt. Und neues Geld gelangt wiederum ausschließlich als Kredit in das System, für den seinerseits wiederum Zinsen zu zahlen sind, deshalb spricht man auch vom Zinses-Zins-System. Die Kreditnehmer benötigen also einen weiteren Kredit, um ihre Zinsen zu bezahlen. Das entspricht jedoch einem klassischen Schneeballsystem - auch Pyramidenspiel genannt.

So die Argumentation von Pregetter und Häring.

Dennoch gibt es Autoren, die behaupten, dass Zinszahlungen auch ohne Geldmengenwachstum möglich sind und formulieren:

„Wir widerlegen die mancherorts zu findende These, dass allein die Kreditgeldschöpfung bereits zu einem Wachstumszwang führen würde, da der Zins eine ständige Ausweitung der Geldschöpfung bedinge.“

Wie soll das funktionieren?

Das Modell dieser Vertreter beruht auf der Annahme, dass Banken ihre Einnahmen aus Zinsen wieder in den Geldkreislauf einspeisen und diese somit für die Rückzahlung der Kredite zur Verfügung stehen.

Nach dieser Theorie passiert auf unserer Insel im Ausgangsbeispiel in etwa Folgendes:

Die Bank gibt am 1.1. wie gehabt an alle drei Kreditnehmer 100 Euro zu 5% Zinsen heraus.

Am 30.6. zahlen alle drei Kreditnehmer eine erste Rate in Höhe von 5 Euro an die Bank. Die Bank erzielt also Einnahmen in Höhe von 3x5=15 Euro und verbucht diese als Zinsertrag.

Die Bank gönnt sich im August von Kreditnehmer A eine Organisationsberatung und zahlt dafür 15 Euro an A.

Damit sind die Zinsen aller 3 Kreditnehmer (3x5=15 Euro) von der Bank wieder in das Geldsystem eingespeist worden und stehen für die Rückzahlung zur Verfügung. Am 31.12. befinden sich 300 Euro im Insel-Geldsystem, die für die vollständige Rückzahlung der Kredite verwendet werden können.

Es funktioniert also – zumindest in diesem Beispiel sind Zinszahlungen ohne Geldmengenwachstum möglich.

Aber ist dieses Beispiel auch repräsentativ und kann damit verallgemeinert werden?

Zunächst lässt sich feststellen, dass alle Zinseinkünfte einer Bank letztlich in die Gewinn- und Verlustrechnung einfließen, so dass evtl. aus dieser abgeleitet werden kann, wie die eingenommenen Zinsen verwendet werden.

Sehen wir uns beispielhaft die Gewinn- und Verlustrechnung der Deutschen Bank aus dem Jahresabschluss des Geschäftsjahres 2013 an:

Aus Zinsen und ähnlichen Erträgen hat die Deutsche Bank im Jahre 2013 insgesamt 25,6 Mrd. Euro eingenommen. Abzüglich des Zinsaufwandes von 10,8 Mrd. Euro ergibt sich ein Zinsüberschuss von 14,8 Mrd. Euro.

Zusammen mit Einnahmen aus Provisionen (12,3 Mrd. Euro) ist der Zinsüberschuss damit die dominierende Einnahmeposition der Deutschen Bank.

Die beiden größten Positionen auf der Ausgabenseite sind der Personalaufwand mit 12,3 Mrd. Euro und der Sachaufwand mit 15,1 Mrd. Euro.

Jetzt könnte man meinen, dass über Löhne und Gehälter (=Personalaufwand) sowie Mieten, Büromaterial und sonstige Sachkosten der Zinsüberschuss wieder in den Geldkreislauf zurückgespeist wird und damit für die Rückzahlung von Krediten zur Verfügung steht.

Es soll an dieser Stelle gar nicht weiter problematisiert werden, ob dem tatsächlich so ist, da das eigentliche Problem ein anderes ist. Gehen wir der Einfachheit halber einfach einmal davon aus, dass tatsächlich der gesamte Personal- und Sachaufwand wieder im System ankommt.

Das wirkliche Problem ist jedoch der Zinsaufwand von 10,8 Mrd. Euro.

Warum?

Weil diese 10,8 Mrd. Euro an die Inhaber von Guthaben bei der Deutschen Bank ausgezahlt werden und sich somit die Frage stellt, inwieweit diese 10,8 Mrd. Euro wieder in den Geldkreislauf eingespeist oder diesem vorenthalten werden und damit für die Rückzahlung von Krediten nicht zur Verfügung stehen.

In der eingangs erwähnten Studie „Wachstumszwänge in der Geldwirtschaft“ wird genau dieses Problem analysiert:

Welche Verwendungsmöglichkeiten haben Bezieher von Zinseinkünften für ihre Einkünfte aus Zinsen und was folgt aus den verschiedenen Szenarien der Mittelverwendung?

Die Verfasser arbeiteten fünf verschiedene Verwendungsmöglichkeiten für Zinseinkünfte heraus:

Szenario 1: Die Zinseinkünfte werden für Konsum genutzt.

Szenario 2: Die Zinseinkünfte werden zum Kauf von Sachvermögen genutzt.

Szenario 3: Die Zinseinkünfte werden in bar gehalten.

Szenario 4: Die Zinseinkünfte werden bei einer Bank eingezahlt und als Einlagen gehalten.

Szenario 5: Die Zinseinkünfte werden in profitorientierte Unternehmensformen investiert.

Ergebnis der Studie ist, dass nur im Szenario 1 die Zinseinkünfte wieder vollständig in den Geldkreislauf gelangen und damit in Gänze für die Rückzahlung von Krediten zur Verfügung stehen.

Die Szenarien 3 und 4 hingegen begründen einen exponentiellen monetären Wachstumszwang.

Entscheidender Punkt dabei ist, dass durch das Horten von Geld (egal ob in bar oder als Bankeinlage) dem Markt Geld entzogen wird, dass aber zur Rückzahlung der Kredite PLUS Zinsen dringend erforderlich ist. Dieses fehlende Geld kann ausschließlich durch neue Kredite in das System gelangen, da eben nur auf diese Weise in unserem (Schuld-)Geldsystem neues Geld entsteht. Da für diese neuen Kredite wiederum Zinsen zu zahlen sind, entsteht ein dauernder monetärer Wachstumszwang.

Nun mag der Leser einwenden, dass es nun ja wohl entscheidend darauf ankäme, in welchem Verhältnis die einzelnen Szenarien in der Realität existieren und sich daraus ergebe, wieviel Geld denn tatsächlich dem Geldkreislauf entzogen werde.

Dass ein solches Verhältnis eben gerade nicht spielentscheidend ist, führen die Verfasser ebenfalls aus:

„Aus der Mathematik ist bekannt, dass exponentiell wachsende Einflüsse mittelfristig alle konstanten, konvergenten, linearen oder polynomial divergenten Einflüsse dominieren, es sei denn ihr Anteil am Gesamteinfluss geht gegen Null. Da Kapitaleinkünfte mit zunehmendem Sparvermögen steigen und mit steigendem Einkommen zugleich die Sparquote tendenziell steigt (sinkende marginale Konsumneigung), fließen Zinserträge zu einem immer kleineren Anteil in den Konsum. Insofern dürfte Szenario 1 (alle Einkünfte werden vollständig konsumiert) mit der Zeit immer mehr an Einfluss verlieren bzw. unwahrscheinlicher werden, wohingegen die übrigen Szenarien tendenziell mit der Zeit an Bedeutung gewinnen, mindestens eines sogar an Bedeutung gewinnen muss. … Mittelfristig ergibt sich jedoch aufgrund der sinkenden marginalen Konsumneigung eine Dominanz der exponentiell verlaufenden, monetären Wachstumszwänge (Szenario 3 und 4), weswegen allein aufgrund der selbstverstärkenden Fortschreibung der beschriebenen Entwicklungen der wachsende „materielle Wohlstand“ in erster Linie der Gläubigerseite zugute kommt.“ (S.39)

Insofern ist im Ergebnis Folgendes festzuhalten.

Beide Insel-Beispiele bestehen den Praxistest nicht. Es ist weder so, dass die Zinsen komplett fehlen noch dass sie komplett in den Geldkreislauf zurückgespeist werden. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, da Zinseinkünfte zum Teil verkonsumiert werden und zum Teil in bar oder als Einlagen gehalten werden.

DENNOCH, und das ist als entscheidendes Ergebnis anzusehen, gibt es in unserem Geldsystem einen exponentiellen monetären Wachstumszwang. Dieser resultiert daraus, dass (auch das teilweise) Horten von Zinseinkünften in bar oder als Bankeinlage dem System Geld entzieht und dies ein exponentielles monetäres Wachstum bedingt. Da die exponentiellen Prozesse alle anderen überlagern, führt die Hortung von Zinseinkünften, insofern sie nicht gegen Null tendiert, zu einem zwangsläufigen, exponentiellen Wachstum der Geldmenge.

Insofern ist es als bewiesen anzusehen, dass ein zinsbasiertes Schuldgeldsystem wie das unsrige zwangsweise ein ständiges Wachstum der Geldmenge bedingt, da es anderenfalls in kürzester Frist scheitern würde.

06:00 19.02.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Kunze

Jurist, Buchautor: "Schwarzbuch Geldsystem"
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Sebastian Kunze

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