Sebastian Triesch
17.11.2012 | 09:00

Mit Marx, Mauss und den Maori

Prequel Nach dem grandiosen Erfolg von „Schulden“ kann man jetzt auch David Graebers Frühwerk auf Deutsch lesen

Mit Marx, Mauss und den Maori

Is it all about Money?

Foto: Patrick Hoesly/flickr

Es gehört zu den gängigen Methoden des Kulturbetriebs, nach dem Überraschungserfolg eines Autors, Künstlers oder Musikers dessen Frühwerk hervorzukramen und in hübscher Aufmachung auf den Markt zu bringen. Nachdem David Graeber im letzten Jahr mit seinem opulenten Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre die Weltgeschichte als eine Geschichte der Konflikte um Schulden erklärte und damit einen Diskurshit landete, legt der Zürcher Diaphanes-Verlag nun mit Graebers erster großer Monografie Die falsche Münze unserer Träume nach. Die englische Ausgabe erschien bereits 2001. Etwas irreführend ist da die Verlagsankündigung, Graeber würde hier das Gegenstück zu Schulden liefern, wo es gerade umgekehrt ist.

Graebers Anspruch ist es, „Alternativen zu einer Philosophie des Neoliberalismus und seinen grundlegenden Annahmen über die Natur des Menschen“ zu finden. Die falsche Münze unserer Träume ist ein ethnologisch inspirierter Angriff auf die Dominanz der Wirtschaftswissenschaften. Die Ökonomen, so Graeber, sind nicht nur mit hochkomplexen mathematischen Formeln ausgestattet, sondern auch mit einem trostlos simplen Menschenbild, in dem der homo oeconomicus nur dem eigenen Profitstreben folgt und die soziale Komponente seiner Handlungen außen vor bleibt. Um dieser neoliberalen Ideologie beizukommen, die um die Jahrtausendwende sicherlich noch unhinterfragter dominierte, sucht Graeber andere Methoden, um den Wert der Dinge zu bestimmen. Von der marxschen Werttheorie nimmt er mit, dass Geld Gradmesser für die Bedeutsamkeit bestimmter Formen menschlichen Handelns sein kann. Diese Verbindung von Wert, Bedeutung und Handlung versucht Graeber auch bei marktlosen Gesellschaften zu finden. Der zweite große Denker, der den Leser begleitet, ist Marcel Mauss. Der französische Sozialist, Soziologe und Ethnologe versuchte in Die Gabe (1925) das Funktionieren von Tausch- oder Schenkökonomien zu ergründen. Er suchte einen dritten Weg: menschliche Gesellschaften, die weder von kapitalistischen Zwängen noch von einem bolschewistischen Utilitarismus geleitet werden.

Welt ohne Hedgefonds

Ähnlich geht Graeber vor, der sich mit Mauss und anderen Kulturforschern auf eine ethnologische Welt- und Zeitreise begibt, auf der er bisweilen ermüdend kleinteilig die Organisationsformen von marktlosen Gesellschaften in den vergangenen 300 Jahren beschreibt. Die Eingeborenen Madagaskars, die Maori auf Neuseeland oder ein Indianerstamm namens Kwakwaka’wakw sind nur einige der vorgestellten Modelle. Von den aktuellen Verhältnissen und Problemen aber ist all dies so weit entfernt, dass nicht klar wird, wie aus diesen Berichten aus einer Welt ohne Hedgefonds und Terminbörsen tragbare Alternativen zum Neoliberalismus gewonnen werden sollten.

Einige Leitlinien werden dennoch erkennbar: Werte sind in all diesen Gesellschaftsformen eng an menschliche Beziehungen und menschliches Handeln gekoppelt, also nicht anonyme Zahlungsmittel, sondern gewissermaßen auratisch aufgeladene Objekte, die Zusammenhalt und Bindung vermitteln – also letztlich eine Kategorie für ein friedliches Zusammenleben. Graebers Buch ist ein Plädoyer für eine egalitäre Gesellschaft, zu der jeder nach seinen Kräften beisteuern sollte – womit er dann doch nicht so weit weg von Marx ist, wie es zwischenzeitlich scheint. Ein utopisch anmutendes Schlusswort führt das weiter aus. Statt davon auszugehen, dass Profitstreben und Eigennutz menschliches Verhalten bestimmen, will Graeber der Fantasie und der Kreativität größeren Raum im menschlichen Verhalten einräumen und dadurch auch den entfremdeten Beziehungen neue Bindungskräfte verleihen. Ein konkretes politisches Programm ist daraus kaum abzuleiten, und doch steht am Ende so etwas wie eine Lehre: Wer ein anderes und gerechtes Verhältnis zu materiellen Werten erreichen will, muss zuallererst die moralischen Werte revolutionieren.

Sebastian Triesch rezensierte für den Freitag zuletzt das Buch Pfade durch Utopia

Die falsche Münze unserer Träume. Wert, Tausch und menschliches Handeln David Graeber, Michaela Grabinger u.a. (Übers.) Diaphanes 2012, 448 S., 24,95 €