Der virologische Tunnelblick

Corona Ein harter Lockdown mag nötig sein. Doch seine sozialen Folgen spielen erneut keine Rolle
Der virologische Tunnelblick
Die sozialen Folgekosten des Lockdowns: Was ist mit den Kindern, die von Mitte Dezember bis Mitte Januar von der Schulpflicht entbunden werden und nicht in die Kita gehen sollen, wenn sie sich selbst überlassen werden?

Foto: Hans Lucas/Imago Images

Jetzt geht es also wieder los, das Lockdown-Fieber erfasst die Republik. Sachsen bildet die Vorhut, sein CDU-Ministerpräsident, jüngst noch Apologet der Eigenverantwortung, macht Kitas, Schulen und Geschäfte als Erster dicht. Den Takt gibt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vor, es sei „unbedingt notwendig, die weiterhin deutlich zu hohe Anzahl von Neuinfektionen durch einen harten Lockdown schnell und drastisch zu verringern“. Sollte die Politik dem nicht folgen, warnt der Virologe Christian Drosten, „dann hat sich die Politik auch nicht mehr für die Wissenschaft entschieden“.

Mag die dringende Notwendigkeit massiver Kontaktbeschränkungen noch so sehr vor Augen stehen, im Angesicht überlasteter Pfleger und Ärztinnen: für die Regierenden ist die Verengung allen multikausalen Infektionsgeschehens auf die Reduktion privater Kontakte bequem. Den Zeigefinger auf vermeintliche Massen voll besetzter Glühweinstände zu richten, ist einfach; denen ohne Auto und Homeoffice eine Busfahrt zur Arbeit mit Abstand zu ermöglichen, wohl zu schwer. Wieso ist die staatliche Versorgung von Altenheimen mit FFP2-Masken nicht längst flächendeckende Realität, wieso Tübingens Modell nicht überall Standard? Boris Palmer hat allen über 65-Jährigen Masken schicken lassen, dort gibt es reservierte Einkaufszeiten und subventionierte Taxis für Senioren, zudem Gratis-Tests für Beschäftigte und Bewohner von Altenheimen, ebenso für deren Besucher; entsprechend niedrig sind die Zahlen. Weshalb stimmt nur Argentiniens, nicht das deutsche Parlament für eine Reichen-Abgabe, um den Kampf gegen die Pandemie zu bezuschussen? Warum muss Verdi vor dem „Hotspot Versandzentren“ warnen, während Amazon auf dem Rücken seiner Arbeiterinnen von der Krise profitiert?

Jeff Bezos darf weiter schuften lassen, er würde mit den Schultern zucken, erzählte ihm jemand von den „kurzfristigen Wertschöpfungsverlusten“, die die Leopoldina als Vorteil preist, weil sie den Weg zur großen Lockerung verkürzten.

Dieses Argument hat es in das Papier der Akademie geschafft, eine Abwägung der vorgeschlagenen Maßnahmen mit sozialen Folgekosten nicht. Was ist mit den Kindern, die von Mitte Dezember bis Mitte Januar von der Schulpflicht entbunden werden und nicht in die Kita gehen sollen, wenn sie sich selbst überlassen werden? Wie ist Frauen, die Feiertagen in beengten Wohnungen voller häuslicher Gewalt entgegensehen, akut zu helfen? Ja, diese Fragen waren alle schon einmal da. Der Sturm steigender Infektionszahlen bläst sie wieder weg, es regiert der virologische Tunnelblick.

Das mag daran liegen, dass das Lockdown-Geschehen weiter aus Akademien, Staatskanzleien, Bund-Länder-Runden dekretiert und nicht im Parlament abgestimmt wird. Viele Medien – vor allem auch öffentlich-rechtliche – nehmen das schulterzuckend hin, machen lieber aus jeder noch so inhaltsleeren Äußerung Markus Söders eine Meldung. Hier läge wirklich ein Ansatzpunkt für kritisches Nachdenken über einen höheren Rundfunkbeitrag. Doch eingelullt vom exekutiven Narrativ der Lockdown-oder-nicht-Frage fällt gar nicht auf, dass der CSU-Ministerpräsident gerade schon wieder predigt, während er einen seiner vielen bayerischen Hotspots besucht.

Lockdown – schön und gut und wohl nötig; wer der entsprechenden Klasse angehört, mag sich sogar auf Festtage freuen, die tatsächlich einmal so richtig besinnlich ausfallen. Wie die Schattenseiten dieses Kurses für alle anderen aber wieder aus dem Blick zu geraten drohen, macht Angst und Bange.

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