Setzt sie endlich unter Ökostrom

VW-Skandal Noch schwerer als der offenkundige Betrug wiegt das Versagen der deutschen Autobauer beim Thema Klimawandel. Der Kampf um saubere Mobilität braucht einen langen Atem
Ausgabe 39/2015
Umweltschutz duldet keine halben Sachen
Umweltschutz duldet keine halben Sachen

Bild: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Es ist schon atemberaubend, dieses Ausmaß an krimineller Energie. Auf der Spur waren US-Umweltbehörden dem Betrug schon 2014, dank Hinweisen von Wissenschaftlern und einer Nichtregierungsorganisation. Im Dezember rief VW freiwillig eine halbe Million Diesel-Fahrzeuge zurück. Doch statt die Diskrepanz zwischen den in Labortests gemessenen Emissionen und denen auf der Straße zu beheben, vertraute VW auf einen Algorithmus: Dieser erkannte Laborsituationen, drosselte in solchen die Leistung und damit die Zahl der in die Luft geblasenen gesundheitsgefährdenden Stickoxide. Um bis zu 40 mal höher lag diese, als Passat, Jetta oder Audi A3 auf den US-Highways im wirklichen Leben unterwegs waren.

Nachdem der Skandal aufgeflogen war, verlor VW sagenhafte 27 Milliarden Euro seines Börsenwerts in wenigen Tagen; es drohen Milliardenstrafen und private Sammelklagen. Die US-Justiz ermittelt, elf Millionen Fahrzeuge weltweit sind betroffen und VW drohen drastische Einbußen vor allem am US-Markt – ohne-hin die offene Wunde des Unternehmens. Als Firmenpatriarch Ferdinand Piëch im April die Demontage von Vorstandschef Martin Winterkorn vorantrieb, damals noch erfolglos, war das schwächelnde US-Geschäft sein Hauptmotiv.

Ist dieser Skandal nun ein Einzelfall, so spektakulär, weil ausgerechnet die Musterknaben aus Deutschland die Bösewichte sind? Ein Konzern aus dem Land, das sich mit seiner Energiewende so entschlossen dem Klimawandel entgegenstellt? Gewiss nicht.

Es wirft vielmehr ein Schlaglicht auf die dramatische Entwicklung westli-cher Konzerne, die gerade die Unternehmensberatung McKinsey in einem Report beschrieben hat: All die Rekord-Profite, die seit den 80er Jahren dank Steuererleichterungen und reduzierter Lohnkosten in einer globalisierten Welt erzielt konnten, werden sich demnach bis 2025 in Luft aufgelöst haben. Der Grund: boomende Firmen aus Schwellenländern und die Digitalisierung.

Letztere könne der Autobranche nichts anhaben, tönten deutsche Auto-Bosse noch kürzlich bei der Automesse IAA. Man werde Google und Co. unter Kontrolle halten und beim selbstfahrenden Auto die Richtung vorgeben. „Bis Ende des Jahrzehnts machen wir jedes unserer neuen Autos zum rollenden Smartphone“, erklärte VW-Chef Martin Winterkorn. Inzwischen muss man sagen: Rollende Computer sind die Volkswagen schon heute – aber nicht sonderlich smart.

Noch schwerer als der offenkundige Betrug wiegt das Versagen der deutschen Autobauer beim Thema Klimawandel, besonders in den USA. Dort verlangt ein Gesetz, dass die Kraftstoffeffizienz bis 2025 erheblich gesteigert werden muss. VW, BMW und Daimler setzen auf die in den USA verpönte Dieseltechnologie. Dass nicht nur VW, sondern die ganze Branche ihre Diesel-Modelle viel sauberer darstellt als sie sind, kritisieren Umweltorganisationen in Europa schon lange. Toyota, mit seinen Hybridantrieben am US-Markt viel erfolgreicher, lacht sich nun ins Fäustchen.

Doch Vorsicht: Kein Bereich industrialisierter Volkswirtschaften ist so schwer vom Öl zu entwöhnen wie der Verkehrssektor. Und auch ein Hybridauto ist nicht klimaneutral. Wer auf dem Weg in ein post-fossiles Zeitalter Toyota und Google vertraut, ist naiv. So wie die Energiewende von unten und gegen den Widerstand der Stromkonzerne eingeläutet wurde, so braucht es im Kampf um saubere Mobilität den langen Atem der Graswurzelbewegungen.

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Geschrieben von

Sebastian Puschner

stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter Politik

Sebastian Puschner studierte Politik-, Verwaltungswissenschaften und Philosophie in Potsdam und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München zum Redakteur ausgebildet. Bei der taz arbeitete er als Redakteur im Berlin-Ressort. 2014 wechselte Sebastian Puschner zum Freitag, wo er den monatlichen Wirtschaftsteil mit aufbaute. Seit 2017 ist er verantwortlicher Redakteur für Politik, seit 2020 stellvertretender Chefredakteur. Er interessiert sich besonders für Politik und Ökonomie von Hartz IV bis Cum-Ex sowie für Fragen zu Geopolitik, Krieg und Frieden.

Sebastian Puschner

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