Kollidierende Körper

Film „Wintermärchen“ von Jan Bonny hat den Preis der deutschen Filmkritik gewonnen. Höchste Zeit, sich das Schaffen dieses Regisseurs einmal genauer anzuschauen
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Der Verband der deutschen Filmkritik (VdFk) hat „Wintermärchen“ von Jan Bonny als besten Spielfilm des vergangenen Jahres ausgezeichnet. Das ist mehr als verdient. Dieser Film ist nämlich ein ungebändigter Glücksfall für das ansonsten so brave deutsche Kino.

Diese düstere Geschichte einer rechtsextremen Untergrundzelle, die sich immer mehr radikalisiert, bis sie schließlich kollabiert, ist notwendiges, ja extremes Kino: körperlich, roh und direkt. Die Kamera ist nah dran. Die Bilder dunkel und schmutzig. Das Spiel der Hauptdarsteller – Ricarda Seyfried, Thomas Schubert und Jean-Luc Bubert – ekstatisch. Es ist schlichtweg unmöglich, keine Position gegenüber dem Geschehen auf der Leinwand einzunehmen. Das Morden, die stumpfe Gewalt und die triste Einsamkeit hämmern gegen den Sehnerv. Durch seine Unmittelbarkeit und seine kompromisslose Entsagung didaktischer Umgänglichkeit zwingt einen der Film in die Reflexion: den „Monstern“ so nah und doch so fern.

Nun strahlte die ARD Jan Bonnys neuen Tatort „Ich habe im Traum geweinet“ genau einen Tag vor der Preisverleihung in Berlin aus. Gab es für die neue Schwarzwald-Episode im Vorfeld gute Pressekritiken, so war die Reaktion der Publikums vernichtend. Nicht wenige dürften sich daran gestört haben, dass der Kriminalfall bloße Nebensache war. Das erste und einzige Opfer erst nach 15 Minuten zu zeigen, das ist in der Welt der konservativen Tatort-Fans durchaus als ein Affront zu werten. Jan Bonny dürfte so etwas egal sein. Es zählen einzig die ästhetischen Visionen. Und eben diese sind mitunter herausfordernd.

Gerade die Fernsehfilme des in Düsseldorf geborenen Regisseurs – u. a. das Psychologen-Drama „Über Barbarossaplatz“, das ZDF-Rachedrama „Wir wären andere Menschen“ und eben „Ich habe im Traum geweinet“ – sind im Kontext des üblichen Fernsehgeplänkels harter Tobak: gebeutelte und beschädigte Figuren schleppen, saufen und vögeln sich durch ihre schmerzenden Existenzen. Der Blick ist schonungslos und doch niemals ohne Empathie. Keine Figur wird verraten, egal wie böse, verdorben oder jämmerlich sie auch sein mag. Es ist das Weitermachen im Scheitern, das Jan Bonny mit der Kamera ebenso erspüren und menschlich machen will, wie die Banalität des Bösen. So ist der Mensch eben: ein trauriges, aber auch bösartiges Tier.

Körper und Fleisch

„Wintermärchen“ beispielsweise erzählt wenig von Naziparolen und rechter Ideologie. Beides kommt vor, wird aber eher beiläufig behandelt. Vielmehr stellt der Film die Frage, was wir uns darunter vorstellen müssen, wenn Menschen in den Untergrund gehen. Was ist das für ein Leben im Untergrund? Normale soziale Kontakte sind nahezu unmöglich. Es gilt, den Kopf unten zu halten. In kargen Wohnungen wartet die Täter auf den nächsten Kick, damit sie sich lebendig fühlen können. Sex und Alkohol sind die einzigen Mittel, mit denen die Zeit bis zum nächsten Mord überbrückt werden kann. Die Art und Weise, wie in „Wintermärchen“ die Körper kopulieren erzählt mehr über das Innenleben und die Dynamiken der Figuren, als jeder Dialog.

Nie geht es Bonny darum, die Innerlichkeit der Figuren nach Außen zu stülpen. Das Außen ist Innerstes. Er lässt die Körper aufeinanderprallen. Erst wenn diese hart genug kollidieren, scheinen Funken von Wahrheit auf, bricht die opake Hülle der Haut für Momente auf und legt das Fleisch offen. Um dorthin zu gelangen, benutzt der Filmemacher den tristen Alltag aus Wiederholungen und Gewohnheit wie ein Werkzeug – der Exzess wird zum ästhetischen Mittel, die Banalität der Exzesse zu existentiellen Sprengstoff.

So erinnert der Umgang mit Körpern und Sexualität in diesen Filmen an die Bilder des Malers Francis Bacon oder daran, wie der Philosoph Gilles Deleuze in „Logik der Sensation“ über die Ästhetik des Malers geschrieben hat: „Im nackten Fleisch, so könnte man sagen, rutscht der Leib von den Knochen herab, während die Knochen aus dem Leib herausragen.“ Man muss dies metaphorisch verstehen, sicherlich. Doch gerade beim Sex, bei der „Akrobatik des Fleisches“, wie man mit Deleuze sagen könnte, sind die Figuren bei Jan Bonny nacktes Fleisch. In diesen Momenten drohen sie den Halt zu verlieren, werden verletzlich oder greifen über: Die Ekstase ist ambivalent.

Der Exzess als Stil

In jedem seiner Filme wird hemmungslos gesoffen und hart gevögelt. Der Alkohol ist für Jan Bonny ebenso sehr soziales Schmiermittel, wie katatonischer Taumel in den Abgrund. Sex ist keine leidenschaftliche Lust. Er ist eine andere Art der Kommunikation. Es gibt Stimmen, die sich an diesen Wiederholungen stören: die rohen, nackten Körper und das Hineinschütten von Bier und Schnaps in gierige Münder. Doch so ist es eben, das Leben in diesem Deutschland. Das Sportheim in „Wir wären andere Menschen“ ist deutsche Realität. Dort kommen die Menschen zusammen und fallen danach gemeinsam in die Betten oder übereinander her – ganz ohne Grazie. Die Würde, der stille Moment passiert dazwischen. Dieses Dazwischen zu inszenieren, darin ist Jan Bonny ein Meister. Erst durch die grellen Momenten wird das Unscheinbare erkennbar.

So wie Alkoholexzess und Sex zu erzählerischen Mitteln werden, wird auch der Dialog in den Filmen von Jan Bonny zu einer Ausdrucksgeste. Das Nuscheln und Flüstern, das unverständliche Brüllen in seinen Filmen, verlagert den Schwerpunkt von der verständlichen Kommunikation hin zu einer Performanz: Die Art und Weise, wie das Wort ausgespuckt wird (spitz, rau, heiser), wie der Körper sich bei den Worten aufbäumt und im Schreien sich windet – all das ist wichtiger, als die dramaturgische Taktung der Dialoge nach Bedeutungseinheiten. Damit befreit Bonny den Dialog von pragmatischen Zwängen, macht aus ihm ein Stilmittel, ein Soundmittel, einen Ausdruck. Denn wer sagt überhaupt, dass das gesprochene Wort sich dem Diktum der Verständlichkeit unterordnen muss?

In „Ich habe im Traum geweinet“ spielt Bibiana Beglau eine Frau, die sich das ganze Gesicht hat operieren lassen. Das Gesicht vollkommen einbandagiert liegt sie im Krankenbett. Man denkt unweigerlich an „The Face of Another“ von Hiroshi Teshigahara oder „Ich seh Ich seh“ von Veronika Franz und Severin Fiala. Ein Unbehagen stellt sich ein. Als ihr dann die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbracht wird, stößt diese Frau einen tierischen Laut des Schmerzes aus. Ohne Gesicht, reduziert auf die reine Körperlichkeit, erhält diese Äußerung ihren nackten Sinn des Ausdrucks. Es bedarf keiner verständlichen Worte. Der vernehmbare Laut ist in seiner Unverständlichkeit ausreichend.

Diese Radikalität macht die Filme von Jan Bonny so besonders. Er hat seinen ganz eigenen, unverkennbaren Stil. Ähnlich wie Dominik Graf, wagt er Dinge, geht er aufs Ganze und riskiert das Scheitern. Auch wenn sich einige Zuschauer_Innen von diesen Filmen provoziert fühlen, das Ziel liegt Jenseits der Provokation. Die zentrale ästhetische Kategorie dieses filmischen Schaffens ist Intensität. Man spürt, dass hier ein Filmkünstler am Werk ist, der bis zum unangenehmen Grund seiner Geschichten vordringen will. Genau diese Form von Film und Kino brauchen wir. Genau das macht aus einem Film Kunst. Daher ist es auch so großartig, dass der Preis der deutschen Filmkritik an Jan Bonnys „Wintermärchen“ geht.

21:53 25.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Seidler

Schreibt über Kino, Kultur und Politik. Liebt düstere Musik, Filme, die einem etwas abfordern und liest zu wenig Romane - was aber auch egal ist.
Sebastian Seidler

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