Suche nach den Wurzeln

Rezension Gesellschaft ist von Herrschaft geprägt. Wer den Weg von «unten» nach «oben» durchläuft, kann dafür besonders sensibel werden. Didier Eribon hat darüber geschrieben
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Suche nach den Wurzeln
Wie sich die Bilder gleichen: Anhänger des Front National
Bild: FRANCOIS NASCIMBENI/AFP/Getty Images

Rückkehr nach Reims? Nein, das ist kein Reisebericht – oder eher einer der besonderen Art. Der Autor lebt in Paris und anderswo, hat seine Eltern und Brüder über lange Jahre hinweg nicht besucht und kehrt erst zurück, als der Vater nicht mehr lebt. Nach dessen Tod kommt es wieder zu Begegnungen mit der Mutter und dabei «überschlugen sich» ihre Worte: «Als sei ihr daran gelegen, mit einem Mal die verlorene Zeit einzuholen und die Traurigkeit zu vertreiben, die unsere nichtgeführten Gespräche in ihr hinterlassen hatten.» Der Autor versteht, dass sie unter seiner Abwesenheit gelitten hat. «Aber wie war es für mich gewesen, der ich es doch immer so gewollt hatte? Hatte ich nicht auf andere Weise gelitten […]?»

Aus dieser Fragestellung ergibt sich die höchst bemerkenswerte Untersuchung eines Weges als Schwuler und Linker aus dem nordfranzösischen Arbeitermilieu in die intellektuellen Kreise der Hauptstadt und darüber hinaus, die ebenso von biografischem wie von politischem Interesse ist. Der Autor des Buches, Didier Eribon, wurde 1953 in Reims geboren und lehrt heute Soziologie an der Universität von Amiens.

Familiengeschichten

Der Vater war als Arbeiter in einer Fabrik beschäftigt und die Mutter verdingte sich als Putz- und Waschfrau. Später arbeitete sie ebenfalls in einer Fabrik. «Erst heute begreife ich, dass sie mir mit ihrem Einsatz Abitur und Studium ermöglicht hat.» Ja, das kenne ich gut! Auch meine Eltern aus Arbeiter- und kleinbäuerlichem Milieu schufteten sich ab, damit ich es einmal besser haben sollte. (Eribon schreibt über seine Mutter: «Ihre enttäuschten Träume konnten sich durch mich verwirklichen.») In anderen Details seines Buches erkenne ich ebenfalls mein eigenes Leben wieder: Während der Vater handwerklich sehr geschickt war, wusste der junge Didier mit seinen zehn Fingern nichts anzufangen. «In diese gewollte Unfähigkeit (…) investierte ich mein ganzes Verlangen, anders als er zu sein, das gesellschaftliche Gegenteil von ihm zu werden.»

Das Wiedererkennen hat aber auch Grenzen: Eribons Eltern waren klassenbewusste Arbeiter und wählten damals die Kommunistische Partei. Meine Eltern standen schon irgendwie links und schwärmten für Willy Brandt. Aber die instinktive Zugehörigkeit zu einer Klasse war nicht ihre Sache. Doch die Reaktion auf die politische Radikalisierung ihrer Söhne in der Folge von 1968 glich sich dann wieder: Unverständnis war der Tenor.

Die Klassenfrage

Eine zentrale Rolle im Buch nimmt die Auseinandersetzung mit der Scham ein: anders als die anderen zu sein – als Kind von Arbeitern unter den dem bürgerlichen Milieu entstammenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Gymnasium und Hochschule sowie als Schwuler unter Heteros. Während Didier Eribon bald sein sexuelles Coming-out fand, blieb die «Herkunftsscham» lange Zeit verborgen. «Sagen wir es so: Es war mir leichter gefallen, über sexuelle Scham zu schreiben als über soziale.» Dabei habe er alles ignoriert, «was an mir selbst und in meiner eigenen Geschichte auf Machtverhältnisse zwischen Klassen verwies». Das ist, neben der Suche nach den familiären Wurzeln, das zweite grosse Thema dieses Buches: die Verneinung der Klassenfrage.

«Für meine Familie teilte sich die Welt in zwei Lager. Entweder man war ‹für die Arbeiter› oder man war gegen sie, entweder man ‹verteidigte› die Arbeiter oder man tat nichts für sie.» Mit der seit den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts erfolgenden Anpassung der Linken an den neoliberalen Zeitgeist verlor diese die so genannten kleinen Leute aus den Augen. Stattdessen wollte sie die vermeintliche Mitte der Gesellschaft erreichen – einer Gesellschaft, die trotz aller technologischen Fortschritte immer noch in Klassen und Schichten organisiert ist. Die Frage bleibt: «Von wem dürfen sich die Ausgebeuteten und Schutzlosen heute vertreten und verstanden fühlen?»

Von links nach rechts

Die nicht mehr ganz überraschende Antwort lautet: von den Rechtspopulisten – in Frankreich vom Front National. Weil die linken Parteien und ihre Intellektuellen nicht mehr die Sprache der Regierten sprachen und deren Standpunkt verächtlich von sich wiesen, wandten sich grosse Teile der Unterprivilegierten jener Partei zu, «die sich nunmehr als einzige um sie zu kümmern schien und die zumindest einen Diskurs anbot, der versuchte, ihrer Lebensrealität wieder einen Sinn zu verleihen». Eribon versteht die Zustimmung zum Front National «zumindest teilweise als eine Art politische Notwehr der unteren Schichten», die versuchen, ihre Würde zu verteidigen, «die seit je mit Füssen getreten worden ist und nun sogar von denen missachtet wurde, die sie zuvor repräsentiert und verteidigt hatten».

Das Geheimnis nicht nur der französischen Rechtspopulisten besteht darin, die soziale Frage (unten gegen oben) durch die nationale (wir gegen die Anderen) zu ersetzen. Dabei können sie durchaus an einen «tiefsitzenden Rassismus» in den weissen Arbeitermilieus und Unterschichten andocken. Der herrschte bereits, als weite Teile der Arbeiterklasse noch für kommunistische oder sozialistische Kandidaten und Kandidatinnen stimmten. Eribon erklärt: «Mit der Entscheidung für linke Parteien wählte man gewissermassen gegen seinen unmittelbaren rassistischen Reflex an, ja gegen einen Teil des eigenen Selbst, so stark waren diese rassistischen Empfindungen.»

Sichtweisen verändern

Aus diesen Beobachtungen zieht Didier Eribon Schlussfolgerungen für eine künftige Strategie der Linken. Er vertritt die orthodox klingende Position, die Beherrschten besässen zwar ein «spontanes Wissen» über ihre gesellschaftliche Situation, doch dieses versetze sie nicht automatisch in der Lage, angemessen zu handeln. Dazu bedürfe es politischer Parteien und sozialer Bewegungen, die «eine bestimmte Sichtweise auf die Welt anbieten». Eine ihrer zentralen Aufgabe bestehe darin, «jene negativen Leidenschaften, die in der Gesellschaft insgesamt und insbesondere in den populären Klassen zirkulieren, […] weitgehend zu neutralisieren».

So, wie es ist, bleibt es nicht: Dieser bei Bert Brecht zu findende Satz lässt sich auch auf Eribons Analyse anwenden. Es sei «alles andere als unmöglich (und schon gar nicht unmöglich ist es, theoretisch darüber nachzudenken)», dass trotz der «verstörenden Allianzen» von Teilen der Arbeiterklasse mit dem Front National eine radikale Wendung dieser Wähler und Wählerinnen nach links stattfinden könne. Voraussetzung dafür sei eine grundlegende Änderung des politischen Koordinatensystems. Die werde allerdings nicht ohne «einschneidende Ereignisse» geschehen. Auch wenn dieser Schluss etwas nebulös bleibt, so regt das Buch doch dazu an, die Wirklichkeit der sozialen Klassen und ihre Wirkung auf die Individuen vertiefter zu durchdenken und Handlungsmöglichkeiten zur Veränderung der Verhältnisse zu entwerfen.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Berlin: Suhrkamp Verlag 2016, 238 S.

15:35 11.10.2016
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Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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