Zwischen Gedenkritual, Aufklärung und Ehrung

80 Jahre 1933 In der Augstein-Debatte tobte ein alter Stellungskrieg. Setzen die ersten Beiträge zum Jahrestag der „Machtergreifung“ neue Akzente?
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Dankenswerter Weise findet sich mittlerweile im FREITAG nun auch online das Interview mit dem Auschwitz-Überlebenden Max Mannheimer, das in der Printausgabe vom 24.01.2013 auf Seite 23 zu finden gewesen war, hatte doch der offenbar bereits wieder gelöschte Neu-Blogger J**********n hier „Erinnerungsarbeit“ mit deutschen Schülern in einer Art und Weise dargestellt, die der Darstellung von Max Mannheimer diametral entgegen steht:

Es ist etwas passiert, das[s] ich so nicht erwartet hatte....: Die heutige Urenkelgeneration will wirklich wissen, wieso ihre Urgroßväter einem Massenmörder so lang die Treue hielten. Das kann ein junger Mensch, der in einer Demokratie aufgewachsen ist, nicht verstehen.“

Und zu einem Umfrageergebnis, nach dem jeder fünfte Deutsche unter 30 mit Auschwitz nichts anfangen könne:

Meine Erfahrung ist eine andere. In den Schulklassen gibt es ein großes Bedürfnis, die Dinge auch im Gespräch zu diskutieren, sie nicht nur in Büchern nachzulesen.“

Das entspricht exakt meiner Erfahrung als früherer Sozialkundelehrer – in diesem Fall allerdings ohne Zeitzeugen. In meinem Fall war es sogar so, dass ich einmal als Begleitlehrer zu einem Besuch in Dachau eingeladen wurde, den sich eine fremde Klasse anstelle des üblichen Schulausflugs von ihrem Klassenlehrer gewünscht hatte. Und ich hatte nichts besseres zu tun, als mich – angesichts meiner generellen Abneigung gegen Kirchen, „Museen“ usw. - auf den damit verbundenen Besuch in München zu freuen, anstatt für die Klasse etwas für Dachau vorzubereiten. Ich ging davon aus, das würde der Klassenlehrer machen...Ein unverzeihliches pädagogisches Totalversagen....

Nun kann man solche, vom üblichen Vorwurfs- und Verdächtigungsdiskurs abweichenden, Einzeleindrücke sicherlich nicht verallgemeinern, aber sie könnten doch gerade jetzt wichtige Anstöße zu neuen Nachdenken und Überprüfen der eigenen (Vor)Urteile sein.

Das Mannheimer-Interview fordert allerdings auch Kritik in Richtung Print-Redaktion heraus, versäumt diese es doch, auf die neue Doku-Reihe des BR hinzuweisen, an der auch Mannheimer als Zeitzeuge und „Vorleser“ beteiligt ist:

https://www.freitag.de/autoren/seriousguy47/radio-tipp-neue-holcaust-doku-des-br

Mein erster Eindruck nach einem flüchtigen Einhören in die erste Dokumenten-Staffel: exzellent. Lobend äußern sich dazu auch Süddeutsche Zeitung und Stuttgarter Zeitung.

Die Sendereihe scheint mir geeignet, mit vielen unterschiedlichen Dokumenten, die teilweise von Zeitzeugen vorgetragen werden, Nachgeborenen einen lebendigen Eindruck von der Situation damals zu vermitteln. Etwas analytischer und auf die politischen Entscheidungsprozesse fokussiert hat Volker Ullrich die Vorgänge im Vorfeld der „Machtergreifung“ der Nazis in der ZEIT No. 4 vom 17. Januar 2013 dargestellt. Seine These: entscheidend sei letztlich eine Intrige von Papens gegen Schleicher gewesen, die zur Kanzlerschaft Hitlers und damit zu einem neuen Aufschwung der Nazis geführt habe, die eigentlich bereits den Zenit ihrer Popularität überschritten hatten.

Daran scheint der liberale Alt-Redakteur der Stuttgarter Zeitung, Werner Birkenmaier, anzuknüpfen, der in der Samstagsausgabe der StZ vom 26. Januar 2013 zunächst einmal die französische Journalistin Stéphane Roussel zitiert, die Anfang der dreißiger Jahre in Berlin arbeitete:

Das Land war offen für Ideen und Menschen. Umso unfasslicher, wie all dies im Januar 1933 umkippen konnte über Nacht.“

Nun mag dies ein spezifisch liberal-berlinerischer Blick gewesen sein, das vermutlich nicht nur Roussel als „europäisches New York“ empfand. Mir selbst fiel dies auf, als ich für ein Referat nach den historischen Wurzeln des "psychodynamischen" Ansatzes in der Psychotherapie suchte, wie sie von Gerd Rudolf vertreten wird. Dabei stieß ich auf das Berliner Psychoanalytische Institut , wo in den zwanziger Jahren das spätere Who's Who der alternativen/ „humanistischen“ Psychotherapie der 70er und 80er Jahre versammelt war.

Ganz allein auf Berlin war dieses kulturelle Aufbruchsklima allerdings auch nicht beschränkt, wie das bereits andernorts beschriebene Beispiel Mössingen zeigt – das, wie vermutlich auch dieser Lese- und Informationstipp, auf die weitgehende Missachtung der FC stoßen dürfte.

Birkenmaier, um auf die StZ zurück zu kommen, versucht da zu vertiefen, wo Ullrich zugunsten der Beschreibung der politischen Entscheidungsprozesse bei Andeutungen/ Erwähnungen bleibt. Er beschreibt die positive wirtschaftliche Entwicklung zur Zeit der Machtergreifung und – im Gegensatz zu den Nazi-Mythen – die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Nazi-Politik, die „nur auf einen Zusammenbruch oder aber auf Krieg hinauslaufen konnte“. Anders als die linke Lesart es darstellt, sieht Birkenmaier die Mehrheit des „Kapitals“ zwar in Angst vor einer kommunistischen Machtübernahme und auf der Rechten positioniert, aber skeptisch bis ablehnend gegenüber Hitler, der, nach seiner Meinung, nur von einer Minderheit, von der aber massiv unterstützt worden sei.

Ich bin kein Historiker und habe mich mit diesen Dingen auch nicht eingehend beschäftigt, aber mir scheint, dass in der Sicht der Vergangenheit in diesen beiden Artikeln eine Entdämonisierung der „Machtergreifung“ sichtbar wird, die die „Kollektiv“-Schuld ebenso relativiert wie die vermeintliche Unabwendbarkeit der politischen Entwicklung hin zum Völkermord.

Man mag all das hier Angeführte zu einer Diskussion der damaligen Ereignisse nutzen, aber auch zu einer Phantasie-Reise, die unter dem Motto „Was wäre, wenn“ nachzuzeichnen versucht, was hätte anders laufen können. Ich selbst würde dabei wohl zu der Auffassung kommen, dass das, was der Naziterror brutal zertrampelt und zerbombt hat von der 68er Generation zumindest versuchsweise wieder aufgenommen wurde. Und wenn es auch nur Scherben waren, man sollte dran bleiben und sich nicht in einem Blick zurück einbetonieren. Und die deutsche Geschichte von dem bestimmt sein lassen, was die Nazis daraus machen wollten.

Zurück und nach vorn, dem würde wohl auch Max Mannheimer zustimmen? Es wäre nämlich keine Erinnerungsarbeit, die bloß erschreckt auf Zahlen, bestenfalls „Opfer“ blickt und an die Stelle der Trauerarbeit masochistische Selbstbezichtigung setzt. Der Blick auf all das Positive, Moderne, Progressive usw., das vor den Nazis war, würde vor allem denen Ehre erweisen, die ehrlos ausgerottet werden sollten.

Und damit wäre ich wieder bei der Doku-Reihe des BR angekommen, die auch dazu einen Beitrag leisten dürfte?

Siehe auch:

Ian Kershaw: „Schon Hitlers Weg in die Reichskanzlei war keineswegs zwangsläufig und beileibe keine logische Konsequenz der deutschen Geschichte. Er lebte immer wieder von der Schwäche seiner Gegner, innen- wie außenpolitisch. In den dreißiger Jahren war das Versailler System schon so wackelig wie ein Kartenhaus, deshalb konnte Hitler die Remilitarisierung des Rheinlands 1936 widerstandslos vornehmen oder den Anschluss Österreichs 1938 vorantreiben. Es war dann zwar ein Vabanquespiel, als Hitler 1938 mit Krieg drohte, um die Tschechoslowakei zur Abtretung des Sudetengebiets zu zwingen. Aber er hatte auch Glück. Der britische Premierminister Neville Chamberlain lenkte ein, Hitler hatte einen "blutlosen" Sieg, und die ersten Anzeichen eines Widerstandes verschwanden.“

Und:

Trotz aller abstoßenden Züge ist es aber undenkbar, dass die deutsche Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg einen Hitler hervorgebracht hätte. Ohne den Krieg und seine Konsequenzen für Deutschland wäre der Aufstieg eines Wirtshaus-Demagogen, der nationale Erlösung versprach, unvorstellbar gewesen.

Erst in der umfassenden Krise von Staat, Gesellschaft und kulturellen Werten, die Deutschland in den katastrophalen Jahren der Wirtschaftskrise von 1930 bis 1932 ergriff, schienen Hitlers Versprechen - nationale Erlösung durch Erneuerung von Kraft und Einheit sowie durch rücksichtslose Vernichtung all jener, die sich in den Weg stellten - für immer mehr Deutsche einen Sinn zu ergeben.

1932 waren es über 13 Millionen. Wie häufig hervorgehoben, war das nicht viel mehr als ein Drittel der Wählerschaft. Selbst im März 1933, als Hitler bereits Reichskanzler war, entschied sich nicht einmal jeder zweite Wähler, seine Stimme der NSDAP zu geben. Trotz bösartiger Angriffe auf die Linke während des Wahlkampfs konnten Kommunisten und Sozialdemokraten zusammen immer noch fast ein Drittel der Stimmen erringen......

Zwischen 1933 und dem Vorabend des Krieges 1939 schien es genau dies zu sein, was Hitler nach Ansicht der meisten Deutschen geschafft hatte. Sebastian Haffner hat es so formuliert: Hitler habe damals "die große Mehrheit der Mehrheit" für sich gewonnen, "die 1933 noch gegen ihn gestimmt hatte".

Noch lange danach riefen sich viele dieser Menschen wieder ins Gedächtnis, was sie als die "guten Jahre" des Dritten Reiches empfanden: Es gab wieder Arbeit, die Wirtschaft blühte wie nie seit 1914, man war wieder stolz, ein Deutscher zu sein, und verspürte ein ganz neues Gefühl der Einigkeit.....

Die Gründe für die Zustimmung zu Hitler waren vielfältig: die Wiederbelebung der Wirtschaft und das Ende der Massenarbeitslosigkeit; das Ende der Entehrung durch nationale Erniedrigung; die Rückgewinnung von Gebieten, von denen man weithin meinte, sie seien Deutschland zu Unrecht durch den Versailler Vertrag weggenommen worden. Hinzu kam die Empfindung, dass Einigkeit und Zielstrebigkeit der Nation wiederhergestellt waren.

Die Unterstützung für Hitler umfasste aber auch die Unterdrückung von Minderheiten und die Ziele (wenn auch nicht immer die Methoden) der Rassenpolitik.“

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-8002649.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17166429.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-19120349.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-31900131.html

http://www.spiegel.de/panorama/zeitgeschichte/interview-mit-ian-kershaw-1933-war-die-demokratie-in-deutschland-sowieso-am-ende-a-347187.html

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-81703430.html

Peter Voß fragt Ian Kershaw:

https://www.youtube.com/watch?v=TizVdPqX_Rg

http://www.sueddeutsche.de/bayern/holocaust-ueberlebender-max-mannheimer-erinnerungen-des-letzten-zeugen-1.1549086

http://derstandard.at/1358304760609/Szenen-einer-Machtergreifung

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2010/04/Interview/komplettansicht

http://www.br.de/themen/bayern/inhalt/geschichte/machtergreifung-maerz100.html

http://www.br.de/themen/bayern/inhalt/geschichte/machtergreifung-vorgeschichte100.html

http://www.zeitreise-bb.de/sindelf/sindelf/gesch/ns_zeit/ma_33.html

http://www.chronik.lunestedt.de/macht33.html

http://www.muehlenfeld.net/resources/muehlenfeld_machtergreifung.pdf

http://www.buergerverein-gaustadt.de/Gaustadt/maerg1933.html

Nicht vergessen sein soll auch ein anderer Erinnerungsanlass, 70 Jahre "Stalingrad":

https://www.freitag.de/autoren/mcmac/no-227-keinen-schritt-zurueck

http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/02/Kriegsverlauf

http://www.zeit.de/2011/46/L-P-Kershaw/komplettansicht

Und dann ist da auch noch der 80. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz ......

http://www.freitag.de/autoren/seriousguy47/kaddisch

http://www.nachdenkseiten.de/?p=15970

http://www.welt.de/113200916

Holocaust Zwei Pfennig pro Kopf und Bahnkilometer ins KZ

http://www.jpost.com/International/Article.aspx?id=301361

Nazi Goebbels’ descendants are hidden billionaires

Siehe auch Goldhagen-Debatte:

ARD

https://www.youtube.com/watch?v=dAox0NiDDok

https://www.youtube.com/watch?v=e0wLXgrojcU

https://www.youtube.com/watch?v=maZHP_xZAp8

https://www.youtube.com/watch?v=CazRROdr_hM

https://www.youtube.com/watch?v=W7IaB6kwldI

https://www.youtube.com/watch?v=3_scJw4dqV0

ZDF

https://www.youtube.com/watch?v=79vsRoAO6QE

https://www.youtube.com/watch?v=7QAb2lXX3-8

https://www.youtube.com/watch?v=_68xzH-gYq0

https://www.youtube.com/watch?v=_m6QFU3aMIU

https://www.youtube.com/watch?v=JuDoEOBb1RA

https://www.youtube.com/watch?v=ZJfRoeoKqsU

Und

http://library.fes.de/fulltext/historiker/00144.htm

Update-Hinweis:

Die Links wurden ergänzt am 26.01.2013, 23:20 Uhr, am 27.01.2013, 19:40 Uhr, am 29.01.2013, 17:00 Uhr und am 01.02.2013, 14:35 Uhr.

16:34 26.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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