„Was war das nur für ein Scheißland“

Hegelplatz 1 Im Kino gewesen, „Das schweigende Klassenzimmer“ gesehen und die DDR kein bisschen vermisst. Und dennoch: Den Osten kriegt man nicht so leicht aus sich heraus
„Was war das nur für ein Scheißland“
Rüber gemacht

Foto: Werek/Imago

Neulich habe ich im Kino Das schweigende Klassenzimmer gesehen. In der wahren Geschichte von 1956 geht es um eine DDR-Abiturklasse in der damaligen Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt, die eines Morgens mit einer Schweigeminute der Toten und Verletzten beim ungarischen Volksaufstand gedenkt. Das ruft den Zorn der politischen Elite hervor, der „Anführer“ soll bestraft werden. Aber niemand aus der Klasse will sagen, wer sich die Schweigeminute ausgedacht hat, und so wird die gesamte Klasse vom Abitur ausgeschlossen.

Harter Tobak. Obwohl die Schülerinnen und Schüler weitgehend zusammenhalten, geht es nicht gänzlich ohne Sich-gegenseitig-Belauern, Misstrauen, Verrat ab. Vor allem durch den Druck von außen, von Parteikadern, dem Bildungsministerium, manchen Eltern. Der Film zeigt eine Gesellschaft der Partei- und Politräson statt einer Menschlichkeit, die der junge Staat vorgab, leben zu wollen.

Nach dem Abspann saß ich wie festgeklebt im Kinosessel. „Was war das nur für ein Scheißland“, sagte ich zu meinem Begleiter. Obwohl ich dieses „Scheißland“ genau kenne – ich bin dort geboren und aufgewachsen, ich habe dort mein Abitur gemacht und studiert – berühren mich Zeitdokumente wie dieses und fiktionale Filme aus jener Zeit immer wieder zutiefst. Sie führen mir eine Vergangenheit vor Augen, die meine Zukunft hätte sein können, wäre nicht 1989 die Mauer gefallen.

„Ja, ein Scheißland“, sagte mein Begleiter. „Deswegen bin ich ja abgehauen.“ Als Schlagzeuger in einer mehr als aufsässigen und längst verschwundenen Punkband und als offener Systemkritiker hätte der Mann in der DDR kein schönes Leben gehabt. 1986 „machte er rüber“.

Ich hatte nie vor, in den Westen zu gehen, damals zumindest nicht – trotz all meiner Dissidentenfreunde, die im Sommer 1989 fast alle in den Westen gingen, während ich brav mein Studium beendete. Im Herbst 1989 fühlte ich mich so einsam und verlassen wie schon lange nicht mehr.

Mein Begleiter kennt fast alle diese von meinen Geschichten, ich kenne nahezu alle von ihm. Und doch hockten wir da in den weichen Kinosesseln, mitten im Westen, und redeten so lange über den Osten, bis die Putzkräfte uns rausfegten. Die DDR liegt lange hinter uns, wir können nicht mehr viel mit ihr anfangen. Und doch entzünden wir uns immer wieder an ihr, trotz unterschiedlicher Erlebnisse und Ansichten. Der Osten steckt offenbar stärker in uns, als uns das bewusst ist. Man kriegt den Osten nicht so leicht aus sich heraus. Er ist so etwas wie unsere Blutgruppe, die kann man auch nicht mal so eben austauschen, auch wenn man das wollte. Man muss damit leben – ob mal will oder nicht. Und man kann es.

Hegelplatz 1. Unter dieser Adresse können Sie den Freitag in Berlin erreichen – und ab sofort wir Sie. An dieser Stelle schreiben wöchentlich Simone Schmollack, Michael Angele und Jakob Augstein im Wechsel. Worüber? Lesen Sie selbst

06:00 19.04.2018
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