Davor kommt noch

Fernsehserien Wie Spin-offs erfolgreiche Serien weitererzählen und Filme variieren. Zu „Better Call Saul“ und „Fargo“
Simon Rothöhler | Ausgabe 13/2015 1

Wer Saul Goodman anruft, hat in der Regel ein Problem. Das galt schon für den autodidaktischen Drogengott Walter White in Breaking Bad, der gleich beim ersten Aufeinandertreffen mit dem entschieden schrill gekleideten Anwalt erfahren musste, dass sich hinter dem jüdischen Namen eigentlich ein gewisser James Morgan McGill mit irischen Wurzeln verbirgt („The Jew thing I just do for the homeboys“). Uneigentliches Sprechen war White zum Zeitpunkt der Kontaktaufnahme aber schon zur zweiten Natur geworden. Entsprechend schnell war eine offizielle Arbeitsbeziehung zwischen zwei Tarnnamen etabliert: „Saul Goodman“ übernahm die juristische Vertretung von „Heisenberg“, es sollte lustig werden.

Spoiler-Warnung

Dieser Artikel kann die Spannung gefährden

Letztes Jahr war die stilprägende AMC-Serie dann aber finalisiert. Die Erzählhorizonte schlossen sich: White lag, wie es sich für einen vom pädagogischen Ethos verlassenen Chemielehrer gehört, zwischen verstreuten Laborutensilien und bewegte sich eher nicht mehr. Goodman, der seinem Klienten zuvor empfohlen hatte, sich jetzt doch besser den Behörden zu stellen, wurde vom lungenkrebskranken White ein letztes Mal lautstark angehustet und nahm die abschließende Konversation zum Anlass, nach Nebraska, in eine neue Camouflage zu verduften. Man wünschte ihm Sinn für dezentere Anzüge, damit er den üblichen Verdächtigen in Omaha nicht gleich wieder als schräger Vogel auffiele.

Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass es sich dabei auch um eine strategische Flucht aus der Serie Breaking Bad gehandelt hat. Vom vergleichsweise offenen Ende der Figur Saul Goodman profitiert nämlich nicht zuletzt der kürzlich angelaufene Spin-off Better Call Saul (wiederum geschrieben von Vince Gilligan und Peter Gould). Gerade weil hier eine von den späteren Exzessen scheinbar ahnungslose Vorgeschichte erzählt wird, die unter anderem aufzulösen verspricht, wie aus dem semiaufrichtigen McGill der zwielichtige Goodman (etymologische Herleitung: „S’all good man!“) werden konnte, bleibt zugleich die serienübergreifende Spekulation im Spiel, ob sich das neue Leben in Nebraska aus den nun ausgebreiteten Koordinaten der frühen McGill-Zeiten irgendwie hochrechnen lässt.

Spiel mit latentem Wissen

Gut möglich, dass das Prequel Better Call Saul in einer späteren Staffel in die Post-Breaking-Bad-Zeit springt – und damit ins Sequel umschlägt. Mit jeder weiteren Folge (bis dato sind acht ausgestrahlt worden) scheint es jedenfalls plausibler, dass vom Standpunkt künftiger Seriengeschichtsschreibung aus Saul Goodman – also auch der grandiose Schauspieler Bob Odenkirk – die Klammer gewesen sein wird, die die oftmals recht kalkulierten Manöver, die White und die Welt von Breaking Bad ikonisch werden ließen, effektiv transzendiert. Das reflexive Spiel mit dem latenten (Zukunfts-)Wissen aus einer anderen seriellen Ordnung, das aus der Konstellation erwächst, gestaltet sich bislang höchst vergnüglich.

Als Modell der Weiterschreibung einer Erfolgsserie, die eigentlich auserzählt war, betritt Better Call Saul durchaus Neuland – und glänzt damit neben dem anderen Highlight der Saison, der L.-A.-Polizeisaga Bosch, die auf Michael Connellys Kriminalromanen basiert und mit viel The-wire-Personal vor und hinter der Kamera von Amazon Studio produziert wurde.

In der Vergangenheit erfreute sich meist das Promotionverfahren des Medienwechsels (Serie avanciert zum Kinofilm, wie etwa bei Sex and the City) einer gewissen Beliebtheit. Jüngst gewann aber auch die umgekehrte Verlängerung der Zeichenkette an Attraktivität, wenn, wie in der FX-Serie Fargo, das Weltmodell eines kanonischen Kinofilms episodisch rückübersetzt, quer gelesen und somit variabel explorierbar wird. Anscheinend bringt das Ende der stabilen Mediendifferenz zwischen Fernsehen, Kino und Internet (als technische Dispositive wie als Industriezusammenhänge) neue Anwendungen des generativen Prinzips „Serie“ mit sich. Egal ob „Content“ projiziert, gesendet oder gestreamt wird – er muss für maximal viele Rezeptionsformen anschlussfähig bleiben, um seriell flexibel auswertbar zu sein.

Info

Better Call Saul läuft bei Netflix (dienstags neue Folgen), von Bosch (Amazon) und Fargo (Netflix) liegt jeweils die erste Staffel vor

06:00 08.04.2015
Geschrieben von

Simon Rothöhler

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Ausgabe 14/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1