Tartuffe oder Der Betrüger

Premierenkritik Berufung, Heuchelei oder Wunsch nach Erlösung - An der Berliner Schaubühne inszeniert Michael Thalheimer den Tartuffe des Molière als bibelfesten Prediger des Unheils
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Tartuffe oder Der Betrüger
Franz Hartwig, Luise Wolfram, Kay Bartholomäus Schulze, Lars Eidinger, Tilman Strauß, Regine Zimmermann
Foto: Katrin Ribbe

Der Tartuffe oder Der Betrüger heißt in deutscher Übersetzung die Vers-Komödie des französischen Dichters Molière, die 1664 in Paris uraufgeführt wurde. Was eigentlich doppelt gemoppelt ist, da ein Betrüger nichts anderes als ein Heuchler (le tartuffe) also ein Vortäuscher falscher Tatsachen ist. Erst in der dritten, heute bekannten Fassung passierte das Stück endgültig die französische Zensur. Die Kritik Molières richtete sich gegen religiöse Heuchelei zur Erreichung materieller Vorteile. Was damals als Broterwerb kirchlicher Würdenträger wie auch von Laien nicht gerade als unüblich galt und die Katholische Kirche dermaßen in Verruf brachte, wie heute etwa nur der sexuelle Missbrauch an Schutzbefohlenen oder die jüngst bekanntgewordene Protzsucht regionaler Kirchenfürsten.

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Albrecht Dürers Betende Hände (um 1508)

Was aber in Molières Komödie von Anfang an nicht in Frage steht, wird bei Thalheimers Inszenierung an der Schaubühne einer selbigen hochnotpeinlichen unterzogen. Man glaubt hier, wie Mme Pernelle, Mutter des Hausherrn Orgon, seinen Augen nicht zu trauen. Könnte dieser Tartuffe etwa tatsächlich, wie sie zum Anfang in einer großen Hass-Suade behauptet, nur ein besonders frommer Mann und das Opfer von Neidern sein? Felix Römer wettert als Karikatur einer religiösen Eiferin in schwarz wallender Soutane mit weißem Mühlsteinkragen direkt ins Publikum. Jener Tartuffe wird es diesen Neidern im Folgenden schon zeigen. Oder besser noch einbläuen. Lars Eidingers Tartuffe tritt hier als eine Art Messias der Apokalypse auf. Ein Jesusdouble mit strähnigem Langhaar und Hassprediger von Gottes Gnaden. So trägt er dann auch Gottes Wort im Mund und auf dem ganzen Körper geschrieben. Bevorzugt presst er dabei gequält Alttestamentarisches ins Publikum, wie den Segen für Gehorsam und den Fluch bei Nichtbeachtung der Stimme des Herrn (5. Mose 28). Dazu wummert Sakrales aus den Boxen (Musik: Bert Wrede).

Und genau das ist es wohl auch, was Hausherrn Orgon so an seinem religiösen Gast zu faszinieren scheint. Als Abklatsch dessen sitzt Ingo Hülsmann in einem Sessel, dem einzigen Ausstattungsstück, das Olaf Altmann in dem ins wieder mit Spanplatten verschlossene Bühnenportal eingelassen, kleinen kathedralartigen Raum aufgestellt hat. Ein kleiner Haustyrann, der seine Herrschsucht mit frommen Sprüchen legitimieren will, um seine Familienbagage besser an der Kandare halten zu können. Diese tritt dann auch als verschüchterte, grenzdebile Schar von blassen Zombies und verhinderten Blutsaugern auf. Eine schrecklich nette Familie Monster, der man die Worte zum Aufstand gegen den Erbschleicher und Mitgiftjäger Tartuffe aber erst soufflieren muss. Judith Engel als Zofe Dorine übernimmt den Job mehr aus stoischem Widerwillen als aus besonderer Sorge um das Wohlergehen der sichtlich Gehirnamputierten.

Orgon-Tochter Mariane (Luise Wolfram), ihr Verlobter Valère (Tilman Strauß) und Sohn Damis (Franz Hartwig) zappeln und grimassieren hier wie einer Regiearbeit von Komödienstar Herbert Fritsch entsprungen. Michael Thalheimer greift aber nur ein weiteres Mal zu einem seiner extremsten Theatermittel, dem radikalen Körper-Seelen-Striptees. Und den vollführen alle zum besonderen Vergnügen der sichtlich amüsierten Zuschauer nahezu perfekt. Einzig subtiler gezeichnet erscheint hier Orgons Gattin Elmire, die bei Regine Zimmermann aber auch kaum eine Chance gegen die eindeutigen Avancen des Verführers Tartuffe hat. Gegenüber den erhobenen Anschuldigungen erweist sich dieser als besonders resistent und in seiner Pose des Büßers fast unangreifbar. Selbst Elmires Bruder Cléante (Kay Bartholomäus Schulze), bei Molière eigentlich die Vernunft in Persona, schlägt er wie ein Exorzist des Bösen in die Flucht. Alles gerät in den Sog dieses Apostels der Wahrheit, der sich im plötzlich zu rotieren beginnenden Schicksalsraum über die Verdammungswürdigen erhebt. Die jämmerlichen Wimmerbündel haben hier nur noch eins, die Fresse zu halten.

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Die Schaubühne am Lehniner Platz - Foto: St. Bock

Danach hat dann noch Urs Jucker einen Slapstickauftritt als Gerichtsvollzieher, der dem verdutzen Häuflein von Ungläubigen den Austrieb aus dem vergoldeten Paradies verkündet. Das ist diabolisch und komisch, furchteinflößend und lächerlich zugleich. Erlösung wird hier keiner erlangen. Von was auch? Man fügt sich doch allzu gern in sein Schicksal. Und so bleibt dann auch folgerichtig die Bestrafung des Betrügers aus. Am Ende steht selbst Dorine ganz tartuffisiert an der Rampe und rattert noch mal einen Lobgesang auf Gottes Wort (Psalm 119) herunter, das mit einem „Herr, es ist Zeit zu handeln; man hat dein Gesetz gebrochen.“ schließt. Wenn da der Jubel im Publikum erschallt, möchte man nicht wirklich wissen, wem er gilt. Michael Thalheimer verstört hier einmal mehr mit der Ambivalenz seiner Botschaft zwischen Ernst, überbordendem Schalk und bitterer Ironie.

Herbert Fritsch, der momentane Molière unter den Theaterregisseuren, hat den Tartuffe in bekannter Weise bereits 2008 in Oberhausen inszeniert. Erst 2010 wurde er dann, mit seiner besonderen Art Komödien zu zelebrieren, gleich zweimal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. 2008 fand mit Was ihr wollt am DT Michael Thalheimers letzter Ausflug ins Komödienfach statt. Dass auch er zu blödeln versteht, hatte Thalheimer aber bereits 2001 mit seiner Leipziger Inszenierung von Büchners Leonce und Lena bewiesen. Das war noch bevor ihn die Kritik zum erfolgreichen Stückesezierer kürte und seine Kariere als düsterer Tragöde begann. Auch Michael Thalheimer debütierte einst mit einem Doppelschlag beim Theatertreffen. Seitdem ist er mit kleineren Pausen Dauergast beim Berliner Jahrestreffen der bemerkenswertesten Inszenierungen. Mit seinem Tartuffe scheint er zumindest wieder ganz nah dran zu sein. Und dran glauben soll ja bekanntlich selig machen. In diesem Sinne ein Halleluja und gesegnetes Weihnachtsfest.

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Tartuffe
von Molière, deutsch von Wolfgang Wiens

Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkhausen, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider.
Mit: Ingo Hülsmann, Regine Zimmermann, Lars Eidinger, Judith Engel, Luise Wolfram, Franz Hartwig, Tilman Strauß, Kay Bartholomäus Schulze, Felix Römer, Urs Jucker.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Weiter Termine:

25.12.2013, 27.12.2013; 20.00 Uhr

09.01.2014, 10.01.2014, 11.01.2014, 12.01.2014, 08.02.2014, 09.02.2014, 10.02.2014; 20.00 Uhr

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/tartuffe.html/ID_Vorstellung=287

21:54 23.12.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

Ausgabe 25/2018

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