Stefan Oehm

Studium der Philosophie, Germanistik, Pädagogik; Schwerpunkt Linguistik. Ehemals Co-Geschäftsführer einer Galerie, heute Creative Director.
Stefan Oehm
RE: Einen Spaten einen Spaten nennen | 30.11.2016 | 16:51

Ausgezeichneter Beitrag. Kann Ihnen nur vollumfänglich zustimmen.

RE: Die Mühsal der Eigenverantwortung | 10.10.2016 | 14:51

@Pleifel

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die konkreten Probleme will ich keinesfalls klein- oder gar wegreden. Nur, was Deutschland 2016 betrifft, relativieren. Damit wir unsere Lage, in Relation zu vielen anderen Ländern wie z.B. dem Libanon oder Jordanien, nicht dramatischer darstellen als sie derzeit ist. Z.B. sinken die Zahlen der Flüchtlinge derzeit signifikant. Und ein Großteil der Antragsteller kommt aus Südosteuropa.

Aber dieser Aspekt war weniger die Intention meines Beitrags. Viel mehr ist es die weltweite Tendenz zur ersehnten Rückkehr in einen autokratischen Schoß, den ich beobachte und der mir große Sorge bereitet:

Überall vernimmt man mehr und mehr die Rufe nach einem wie auch immer gearteteten "starken Mann", nach Rückbesinnung auf alte, eherne Werte, einer Leitkultur, einem einigenden "Wir", nach Stärke und Durchsetzungskraft. Eigene Schwäche wird kompensiert durch Identifikation mit eben jenem "starken Mann"; die Last der Eigenverantwortung möchte man liebsten loswerden, indem man sich den Vorgaben jeweiliger Silberrücken überlässt. Ist ja so schön einfach einfach mitzumarschieren und das Denken anderen zu überlassen.

Darin sind sich Islamisten, Putinisten, Orbanisten, Trumpisten, Pegidisten, Dutartisten, Creationisten (...die Liste ließe sich momentan leider beliebig erweitern) strukturell weit ähnlicher, als sie ahnen.

Gruß: Stefan Oehm

RE: Die Mühsal der Eigenverantwortung | 10.10.2016 | 11:18

@Fugetivo

Danke für den Link zum Welzer-Artikel!

Ob Marc Jongen der derzeit gefährlichste Mann Deutschlands ist, vermag ich nicht zu sagen. Die sonstige Einschätzung von Sascha Lobo teile ich aber völlig.

RE: Deutschland erwache! | 03.10.2016 | 20:54

@meine meinung

Ich maße mir nicht an, die Kompetenz zu besitzen, praktikable Lösungsvorschläge für Probleme machen zu können, an denen schon ganz andere gescheitert sind. Und wenn unsere Kanzlerin einen Schritt weiter ist als ich, dann hat das sicherlich auch mit o.g. Grund zu tun.

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass es sich bei der 'Besorgnis' der Bürger um ein Phänomen handelt, das deutlich komplexer ist als es scheinen mag. Und weniger auf einer politischen denn eher auf einer psychologischen Ebene angesiedelt ist.

Die ökonomischen Eckdaten Deutschlands zeigen, dass, im internationalen Vergleich, unsere Situation hervorragend ist. Die politische Stabilität ist nahezu unerreicht. Die Diskussion um die Obergrenze der Flüchtlinge nimmt derzeit geradezu absurde Züge an, da die aktuellen Zahlen belegen, dass wir in diesem Jahr nicht einmal annähernd in die Nähe besagter Obergrenze kommen werden. Die größte Angst um die Werte des christlichen Abendlands ist in den Regionen verbreitet, wo aufgrund einer staatlich verordneten Säkularisierung seit 1945 das Christentum aus dem öffentlichen und auch privaten Leben nahezu verschwunden ist. Und der Teufel in Gestalt des Flüchtlings wird vor allem dort an die Wand gemalt, wo kaum je ein Flüchtling gesichtet wurde.

Mein Eindruck ist: Hier wird zunehmend subjektiv etwas als dramatisch empfunden, was in dieser Form einer objektiven Entsprechung entbehrt. Und das scheint mir das eigentliche Problem und damit die größte Gefahr zu sein: Es gibt es nicht als Faktum, nur als Fiktion. Weil aber diese Fiktion als wahr wahrgenommen wird, ist sie für den besorgten Bürger auch wahr.

Wie ist aber ein Problem zu lösen, das, zumindest in dieser dramatisch überzeichneten Form, keine reale Entsprechung hat, sondern i.W. nur subjektiv empfunden wird? Die Hunderttausenden von Emigranten aus den ehemaligen Ostblockstaaten, die nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes nach Westeuropa und da insbesondere nach Deutschland strömten, haben unseren Staatshaushalt deutlich stärker belastet als der "Migrationstsunami", der heute beschworen wird. Von den Russlanddeutschen, die nach 1990 zu uns gekommen sind und sofort Anspruch auf umfangreiche Sozialleistungen und einen deutschen Pass hatten, ganz zu schweigen.

Es handelt sich m.E. um ein Phänomen handelt, das weit über MV und Sachsen-Anhalt hinausweist. Es ist eines, das strukturell das Trumpsche Amerika genauso betrifft wie das Orbansche Ungarn, das Wildersche Holland, die Erdogansche Türkei und auch den muslimischen Extremismus im Westeuropa dieser Tage.

Norbert Elias beschrieb den Prozess der Zivilisation, grob verkürzt gesagt, so: In dem Maße, wo wir unsere individuelle Freiheit gewinnen, müssen wir den äußeren Zwang durch innere Kontrolle ersetzen. D.h., wir sind zunehmend zur Selbstverantwortung verpflichtet. Doch die ist mühsam, muss sie doch täglich neu erarbeitet werden. Da mehr und mehr allgemeinverbindliche, vorgegebene Werte fehlen, muss ich eigeninitiativ meinen eigenen Werterahmen schaffen, ihn abgleichen, vor anderen rechtfertigen, ihn modifizieren, sozial kompatibel machen. Und morgen womöglich komplett über den Haufen werfen.

Da ist es doch leichter und angenehmer, sich in den warmen, wohligen Schoss eines "Wir" zu begeben. Hier bin ich unter meinesgleichen, muss mich nicht mehr sonderlich anstrengen, rechtfertigen. Sondern bekomme mundgerecht meine Ansichten geliefert, die ich zu haben habe, um wieder Teil eines großen Ganzen zu sein, in dem es vorgefertigte, verbindliche Werte gibt.

Ein sicherer Hafen, in dem ankern kann. Nur leider einer, der nicht mehr der offenen, zivilisierten Gesellschaft entspricht.

Deshalb gebe ich nicht, wie Sie sagen, "dem besorgten Bürger das Ergebnis seines Nachdenkens in einer ruhigen Minute schon vor". Nein, ich würde ihn nur zu gerne, naiv wie ich bin, dazu bringen, einmal darüber nachzudenken, ob nicht vielleicht der Grund seiner Besorgnis ja gar nicht der ist, den er meint zu sehen. Und in welchem Rahmen er sich bewegt, wenn er so redet, wie er redet - Sprache prägt das Bewusstsein, das wissen wir spätestens seit Victor Klemperers wegweisendem Buch "LTI".

Es ist mir natürlich bewusst, dass ich all das nur sagen kann, weil ich kein Politiker bin.

Ihnen einen guten Start in die Woche.

Gruß: Stefan Oehm

RE: Deutschland erwache! | 02.10.2016 | 20:21

@meine meinung

Ich hab' leider erst jetzt Ihren Kommentar gelesen. Respekt für Ihre Einsicht, so etwas ist, leider, nicht selbstverständlich.

Meine Antwort möchte ich, auch deshalb, nicht zu schnell in die Tasten hauen, dafür ist das Thema nicht nur zu komplex sondern auch einfach zu wichtig, als dass man es hopplahopp mal so eben abhandelt. Ich hoffe, ich finde Gelegenheit, dazu noch etwas zu sagen.

Ihnen auch noch ein schönes Wochenende!

Stefan Oehm

RE: Geschichten aus Tausendundeinem Reich | 26.09.2016 | 11:53

Ich befürchte, dass sie damit völlig Recht haben. Nur denke ich mir immer: Wer schweigt, hat aufgegeben. Und das will ich mir von meinen Kindern später mal nicht sagen lassen...

RE: Deutschland erwache! | 22.09.2016 | 11:09

@Meine Meinung

Hier stellen Sie mich in eine Reihe mit Demagogen, in einem anderen Kommentar behaupten Sie, mir gingen etwas rassistisch die Pferde durch - deshalb an dieser Stelle eine persönliche Bitte: Man kann sich ja in der Sache ordentlich streiten, aber man sollte sachlich bleiben. Und etwas sensibler in seiner Wortwahl sein. Insbesondere dann, wenn man meint, dem Anderen "kleine Hilfen" geben und beurteilen zu können, ob er "auf dem richtigen Wege" ist oder nicht.

Herzlichen Dank!

RE: Deutschland erwache! | 22.09.2016 | 10:44

@Meine Meinung
Entschuldigung, ich hab' ihren Kommentar erst jetzt bemerkt. Drum die verspätete Antwort.

Der Duden definiert Demagogie als "Volksverführung, Volksaufwiegelung, politische Hetze". Ich mag mich ja vielleicht täuschen, aber wenn sie das, was sie aus meinem Beitrag zitieren, bereits als Demagogie, also "Volksverführung, Volksaufwiegelung, politische Hetze" bezeichnen, tun sie genau das, was sie mir vorwerfen: sie stellen mich in eine Ecke - in die der Demagogen.

DAS wiederum ist nach meinem Verständnis deutlich eher Demagogie - nämlich politische, ideologische Hetze.

Ich nenne das, was sie Demagogie nennen, einen Appell an den denkenden, kritischen und reflektierenden Menschen. Einen Appell übrigens, den ich, und das nehme ich als Verpflichtung, auch an mich richte. Denn wenn der Einzelne nicht bereit ist, täglich Verantwortung für sich, sein Handeln und die Geschichte zu übernehmen, kehrt, so Popper, auch die Gewalt zurück. Und mit ihr die Barbarei. Unweigerlich.

Ich hoffe, dass in diesem Sinne bei ihnen auch noch Hoffnung besteht.

RE: Identitäre auf dem Vormarsch | 18.09.2016 | 11:54

Lieber Christoph Leusch - ihre Kommentare sind immer wieder von einer wohltuenden Ausgewogenheit. Kompliment.

Gruß: Stefan Oehm