Ins Mark getroffen

Iran Das Land der Mullahs wurde mit den Anschlägen in Teheran erstmals zum Ziel von Operationen des IS
Ins Mark getroffen
Die Angriffe galten dem Mausoleum, in dem Ayatollah Khomeini am 6. Juni 1989 zur letzten Ruhe gebettet wurde
Foto: Hasan Shirvani/AFP/Getty Images

Ist es dem Islamischen Staat (IS) gelungen, den für ihn typischen Terror in die Heimat seines schiitisch-muslimischen Hauptfeindes Iran zu tragen? Diese Frage stellte sich sofort nach den Attentaten vor Tagen in Teheran, als der IS umgehend die Verantwortung für die Gewalttaten übernahm. Und die wurden nicht irgendwo verübt, sondern galten etwa dem Mausoleum, in dem Ayatollah Khomeini am 6. Juni 1989 zur letzten Ruhe gebettet wurde. Die gigantischen Hallen beherrschen die Skyline im Süden Teherans und werden jedes Jahr von Zehntausenden Iranern besucht. Wird das Khomeini-Grab angegriffen, ist das in etwa so, als wollte jemand versuchen, in Washington das Lincoln-Memorial in die Luft zu jagen. Handelten die Attentäter im Auftrag des IS, hätte der erstmals im Herzen des Iran zugeschlagen.

Man wolle den „Iran erobern und wieder zu einer sunnitisch-muslimischen Nation machen“, hieß es in einem Ende März veröffentlichten IS-Video, die geistlichen Führer des Iran und deren königlich-persische Vorgänger würden die Sunniten seit Jahrhunderten verfolgen. Natürliche Verbündete hätten die Dschihadisten unter militanten Gruppierungen in der Unruheprovinz Sistan und Belutschistan im Südosten mit einer teils sunnitischen Bevölkerung. Im Jahr 2010 töteten dort sunnitische Extremisten des Dschundollah-Netzwerkes 39 Schiiten in einer Moschee. Weitere IS-Sympathisanten ließen sich aus der kurdischen Minderheit und arabischen Clans gewinnen, die immer wieder kleinere Anschläge im Südwesten der Provinz verüben.

Ungeachtet dessen müssen die Gräuel von Teheran vor dem Hintergrund eines erwarteten Zusammenbruchs des IS-Kalifats in Syrien und im Irak gesehen werden. Als Reaktion darauf hat der IS seine Anhänger aufgerufen, den Kampf gegen seine Feinde dorthin zu tragen, wo diese leben. Die jüngsten Terroranschläge in Manchester, Kabul, Bagdad, dem südphilippinischen Marawi und London bedienen das sich abzeichnende Muster von einer Ausweitung der Kampfzone.

Konservative Führer des Iran schließen sich inzwischen dem Urteil der Revolutionsgarden an und vermuten die Hand Saudi-Arabiens und damit auch die von Donald Trump hinter den Anschlägen. Gut dokumentierte verdeckte Bemühungen des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, den Iran durch die Finanzierung interner Oppositionszellen zu erschüttern, sind in Teheran nicht vergessen. Ebenso wenig der inoffizielle Immer-mal-wieder-Beistand der USA für iranische Volksmudschaheddin, einst vom irakischen Diktator Saddam Hussein unterstützte Freischärler, die für zahlreiche bewaffnete Anschläge im Iran verantwortlich waren. Zu fragen wäre, ob die offene Feindseligkeit Trumps gegenüber Teheran auf erneute Versuche der Destabilisierung hinausläuft. Bei seinem Auftritt in Riad am 22. Mai warf der US-Präsident die Politik des begrenzten Engagements seines Vorgängers Obama über den Haufen und ließ vehemente Attacken gegen den Iran vom Stapel. Er verlangte, das Land zu isolieren, um den weltweit größten Exporteur des „Feuers der Konfessionskonflikte und des Terrors“ zu treffen. Mit Blick auf Israel hat Trump damit gedroht, das bahnbrechende Atomabkommen von 2015 platzen zu lassen. Und er schloss einen Rüstungsdeal mit den Saudis (Umfang 110 Milliarden Dollar) und unterstützt derzeit die von Saudi-Arabien ausgehende diplomatische und ökonomische Blockade Katars, das als beinahe einziger Golfstaat mit dem Iran auskommt. Politiker der Region warnen vor einem möglichen Krieg.

Die Führer des Iran weisen die Anschuldigungen Trumps zurück. Sie sagen, Riad sei die größte Quelle der Inspiration und des Beistands für den IS und verweisen darauf, dass der Iran und die USA auf der gleichen Seite gegen die Dschihadisten im Irak kämpfen. Nicht zuletzt das widerlegt das Image des „Terrorsponsors“, was Trump, die Saudis und den IS gleichermaßen in Rage zu versetzen scheint.

Simon Tisdall ist Guardian-Kolumnist

Übersetzung: Zilla Hofman

06:00 26.07.2017
Geschrieben von

Simon Tisdall | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 4827
The Guardian