Rekultivierung: Zuchtfarmen in Ruanda retten bedrohte Fischbestände

Gishanda-Farm Kleine Unternehmen im Akagera-Nationalpark sorgen für den Erhalt der natürlichen Umwelt und fördern so die Entwicklung der lokalen Gemeinden
Ausgabe 04/2023
Der Buntbarsch war durch den illegalen Fang vom Aussterben bedroht
Der Buntbarsch war durch den illegalen Fang vom Aussterben bedroht

Foto: agefotostock/Imago

Jahrelang nahm sich der Vater von Eric Ndagijimana so viel Fisch aus dem Gishanda-See und anderen Gewässern im Osten Ruandas, wie er brauchte, um die Familie zu ernähren. Er fand mit seiner Subsistenzwirtschaft nur dann ein Auskommen, wenn er den Fang illegal aus den Seen des nahe gelegenen Akagera-Nationalparks holte. Das ging gut, bis ihn und andere Farmer 2010 harte Maßnahmen der Regierung gegen das Wildern trafen und nach Gishanda drängten. Auch dort bedrohte das unkontrollierte Abfischen die erschöpften Bestände an afrikanischem Buntbarsch, dem Tilapia. Man musste befürchten, bald überhaupt keinen Fisch mehr verkaufen und essen zu können.

Heute hat sich Eric Ndagijimana der Mission verschrieben, den angerichteten Schaden zu beheben. Er leitet die Gishanda-Fischfarm am Ufer des gleichnamigen Sees, um den Tilapia zu rekultivieren. Im April 2022 wurden die ersten in der Farm aufgezogenen Fingerlinge als Jungfische ausgesetzt. Mehr als 100.000 waren nur ein Anfang, künftig sollen es pro Jahr anderthalb Millionen sein. „Mein Vater war Fischer und wilderte für Geld, um meine Schulgebühren bezahlen zu können“, sagt Eric Ndagijimana. „Ich wollte seinem Vermächtnis durchaus gerecht werden, aber auf eine legale, verantwortungsvolle und professionelle Weise, damit eine ländliche Gemeinschaft als Ganzes davon profitiert.“ Ndagijimana streut Fischfutter-Granulat in einen der 16 Tanks im Hauptgebäude seiner Farm, die auf finanzielle Unterstützung der Naturschutzorganisation African Parks rechnen kann. Food-Tech-Africa nennt sich eine öffentlich-private Partnerschaft von 21 Unternehmen und Universitäten sowie der niederländischen Regierung, die das ermöglicht. Ndagijimana möchte, dass die Farm jährlich etwa 30 Tonnen Tilapia produziert, von denen mindestens zehn Prozent an die gut 600 Familien verkauft werden, die rund um den See leben. Sie sollen statt für 3.000 Ruanda-Franc (2,60 Euro) zum halben Marktpreis von 1.500 Ruanda-Franc für ein Kilo bedacht werden.

Fischotter in Sicht

„Es ist zu hoffen, dass unsere Farm nicht nur das illegale Fischen verhindert, sondern auch die Ernährung der Menschen in dieser Gegend verbessert“, hofft Ndagijimana. „Für mich ist es aufregend, dort, wo ich geboren bin, als Manager eines solchen Betriebes zu arbeiten. Wenn mein Vater mir gratuliert und sieht, wie sich unsere Gemeinschaft durch meinen Einsatz positiv verändert, motiviert mich das zusätzlich.“ Ndagijimana hat das Fach Aquakultur an der Universität in Kigali studiert und ein Jahr in Israel verbracht, um sich mit den dort praktizierten Formen einer nachhaltigen und umweltschonenden Landwirtschaft vertraut zu machen. Er hatte stets Ambitionen, nach Hause zurückzukehren, um sich in den Dienst von Ökologie und Naturschutz zu stellen. Nach seiner Zeit in Israel 2016 verwaltete er zunächst fünf Fischteiche in der Nähe der Hauptstadt Kigali und erhielt eine zusätzliche Ausbildung am Rwanda Agriculture Board, „um mich vollständig auf die Herausforderungen der Verwaltung einer Fischfarm vorzubereiten, bevor ich wieder nach Hause kam“.

Ndagijimanas Farm, die von Sonnenkollektoren mit Strom versorgt wird und durch die Verwendung eines Recycling- und Filtersystems ein Zehntel des Wassers der traditionellen Fischzucht benötigt, schafft überdies Arbeitsplätze und sorgt für zusätzliche Annehmlichkeiten. Zwei Dörfer können nunmehr mit Strom beliefert werden. Es gibt Pläne, weitere Orte an das Netz anzuschließen, wobei Schulen mit Vorrang behandelt werden. Bewohnern des Gebietes wird an drei Demonstrationsteichen eine Ausbildung zur Aufzucht von Welsen und im Umland der Farm zum Anbau von Bio-Gemüse zuteil. „Dadurch, dass Leute aus der Gishanda-Gemeinde kostenlos für die Fischzucht geschult werden, fühlen sich viele hier als Hüter des Sees“, sagt Eline Nyirandajimana, ebenfalls eine Managerin der Farm. Die Rekultivierung des Gishanda-Sees habe zum Auftauchen von Fischottern geführt, die in der Gegend noch nie zuvor gesichtet wurden.

Leah Dufitumukiza, alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Sohnes, hat einen Job beim Reinigen der Aufzuchtbassins gefunden und assistiert den Farmmanagern. Er sei ihr nur recht, finanziell nicht mehr von ihren Eltern abhängig zu sein. „Bevor ich zur Fischzucht kam, hätte ich mir nie vorstellen können, so zu leben, wie ich das heute tue“, schwärmt sie. Manager Eric Ndagijimana möchte, dass die Dorfbewohner ihre Farm nicht nur bewirtschaften, sondern zugleich Ausschau halten nach anderen geeigneten Seen in der Region, die sich gleichfalls durch ihre Arbeit erholen können. „Wozu sind wir hier? Doch um Dinge auf der Farm zu bewegen. Schließlich sind die Fortschritte unverkennbar. Es ist der Erfolg, der als Lohn unserer Bemühungen den dörflichen Gemeinschaften zugute kommt.“

Khursheed Dinshaw ist Schriftstellerin und freie Autorin für den Guardian

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Khursheed Dinshaw | The Guardian

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