Ein Hauch von Mortadella

Festival Wenn bei Bora Bora die rote Sonne im Flokati versinkt: „Terza Visione“ in Nürnberg zeigt die Altmeister und Raritäten des Italokinos
Ausgabe 15/2015

Was im Vorführraum geschieht, interessiert das Kinopublikum meist herzlich wenig. Hinweise auf die Technik brechen nur die filmische Illusion. Beim Filmfestival Terza Visione, das gerade zum zweiten Mal in Nürnberg stattfand, weiß das Publikum Expertisen aus dem Maschinenraum zu schätzen: dass etwa Agfacolor den Film auch nach Jahrzehnten noch farbecht darstellt und in der DDR gezogene ORWO-Kopien ihren eigenen farbästhetischen Reiz haben. Nur Eastmancolor trübt die Sache ein. Da schlägt für gewöhnlich der berüchtigte Rotstich zu, der Filme aus den 70ern mortadellafarben wirken lässt.

Terza Visione, wie man in Italien die Nachspielkinos nannte, die zeitverzögert zu den großen Lichtspielpalästen die Filme zeigten, ist in zweierlei Hinsicht ein filmhistorisches Festival. Zum einen geht es um die Wiederbelebung einer im Zuge der Digitalisierung der Kinos historisch gewordenen Aufführpraxis. Zum anderen widmet es sich mit dem italienischen Genrefilm einem Stück Filmgeschichte, dessen Kassenschlager man von den Italowestern-Opern bis zur Adriano-Celentano-Komödie zwar auch heute noch kennt. Vom eigentlichen Reichtum des Genres machen sich heute aber nur noch Fans und einige prominente Fürsprecher – Dominik Graf, Martin Scorsese, Quentin Tarantino – einen Begriff.

In den 80ern verglüht

Terza Visione gestattet die Zeitreise in ein wundersames, aufregend glitzerndes Kino-Traumland: Ende der 50er Jahre nimmt der italienische Genrefilm an Fahrt auf, erlebt in den 60er und 70er Jahren einen schwindelerregenden Produktionsboom, um in den 80ern im Zuge von Homevideo zu verglühen. Kennzeichnend für den italienischen Kommerzfilm ist nicht nur die Wiedererkennbarkeit vorformatierter Erzählstoffe, sondern auch die ein Genrekino überhaupt erst konstituierende kontinuierliche Betriebsamkeit. Die Publikumsvorlieben stets im Blick, hängt man sich in Italien an jeden großen Erfolgsfilm dran und überschwemmt die Kinos mit Kaskaden zwar epigonaler, aber sehr reizvoller Filme. Die Zahl italienischer Western, Slasher, Komödien, sowie Sandalen- Piraten-, Horror- und Polizeifilme geht ohne Weiteres in die Hunderte.

Heute bergen spezialisierte DVD-Labels diesen einzigartigen filmhistorischen Schatz – oder eben ein mit Idealismus und ebenso großem Ausgrabungseifer zusammengestelltes Festival wie Terza Visione. Neben bekannten Filmen von Meisterregisseuren wie Lucio Fulci (Don’t Torture a Duckling), Mario Bava (Die toten Augen des Dr. Dracula) und Dario Argento (Opera) lockten Raritäten. Etwa Roberto Faenzas bislang lediglich in Form abgenudelter Fernsehaufnahmen kursierende Pop-Art-Groteske Escalation (1968), in der ein Fabrikbesitzer seinen von Indien träumenden Hippiesohn unter Ennio Morricones Flokati-Schwof-Songs auf den Pfad der Tugend zurückholen will. Oder der unter Beteiligung des späteren Autorenfilmers Elio Petri entstandene, seit Jahrzehnten nicht mehr gezeigte Sittenreißer Die Nächte sind voller Gefahren (1959), in dem eine Bande Taugenichtse auf die Idee verfällt, den ungeheuer depperten Besitzer eines Cafés wegen dessen Seitensprung-Eskapaden zu erpressen. Was vor dem Hintergrund des seinerzeit vom Boulevard weidlich ausgeschlachteten Halbstarkenphänomens einen düsteren Film erwarten lässt, gibt sich rasch als hinreißend witzige Sozialkomödie zu erkennen.

Daneben reiste man unter anderem zu Beziehungsdramen in eine technicolor-satte Südsee (Bora Bora), erlebte den Odysseus-Stoff vor Wildwestkulisse (Ringo kommt zurück) oder stach mit Piraten in See (Rächer der Meere). Mit nur zwölf Filmen gelang den Kuratoren das Kunststück eines Überblicks über das ausdifferenzierte Italokino: vom lässig flüchtigen Trivialkino wie dem James-Bond-Spoof Im Netz der goldenen Spinne über das harte Maverick-Kino des Polizeithrillers Cop Hunter bis hin zum ausgeprägten Stilwillen der Genre-Auteurs und zum herzzerreißend charmanten Plagiatskino eines Bruno Mattei.Mit Der Kampfgigant legte der eine Schmalspurversion von Rambo 2 vor.

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Geschrieben von

Thomas Groh

lebt in Berlin und schreibt über Filme.

Thomas Groh

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