Was, wenn nicht weird

Neuinterpretation Veronika Franz und Severin Fiala inszenieren mit „Ich seh, ich seh“ Mutterschaftshorror ganz in Weiß
Thomas Groh | Ausgabe 27/2015

Schauderhafter Beginn: ein verschlissenes Stück Zelluloid, aus einem 50er-Jahre-Schinken, in dem die melancholisch ausgeleuchtete Mutter der Trapp-Familie mit viel Schmelz die Liebe zu den Kindern besingt, die für ein Nostalgiebild prompt heranrücken. Eine „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“-Folklore, in der Liebe und Verlustschmerz schon deshalb sentimental verschmelzen, weil sie aus einer Zeit stammt, da es Kindstode in den Familien noch regelmäßig zu betrauern gab. Und für den Schmerz galt: Heile, heile Segen, es wird schon wieder gut.

Oder vielleicht wird es das auch nicht. Zwischen der nostalgischen Cine-Patina eines infantil fetischisierten, liebend-nährenden Mutterbilds und der kalt-klaren Präsenz der Bilder aus der Kammerspielwelt von Ich seh, ich seh liegt jedenfalls ein harter Kontrast. Noch toben die beiden Zwillingsbrüder Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) unzertrennlich durch Wald und Wiesen, schwimmen auf dem See. Später rülpsen sie sich gemeinsam eins, und gerade, als man sich fragt, ob die beiden wohl ganz auf sich gestellt sind, erschaudern sie beim Anblick der heimgekehrten „Mama“ (Susanne Wuest) im idyllisch gelegenen, zwar fürstlich weitläufigen, doch kalt modernistischen Anwesen.

Grund für den Schauder: Der Gesichtsverband der Mama, der einen filmhistorischen Resonanzraum öffnet vom Bogart-Noir (Das unbekannte Gesicht, 1947) über den Franju-Krimi (Augen ohne Gesicht, 1960) bis hin zum Almodóvar-Melodram (Die Haut, in der ich wohne, 2011). Weil neben der Verschiebung ins Monströse beim Aussehen auch im Verhalten der Mama einiges im Argen zu liegen scheint – mit spitzen Zurechtweisungen und barscher Gestik bietet Wuests Spiel einiges an chargierfreier Schau –, ist die Sache für die Buben unter der Bettdecke bald klar: „Das ist nicht unsere Mama.“

Und gäbe es nicht bei den Jungs ein, zwei Ungereimtheiten, man würde ihnen wohl fast glauben. So aber bleibt aus gutem Grund ein Rest Unbehagen nach allen Seiten: Wer quält in dieser sorgfältig eskalierenden Anlage eigentlich wen – die Kinder die Mutter oder umgekehrt?

Schön mulmig, wie das langfilmdebütierende Regieteam Veronika Franz und Severin Fiala die Traumata einer Kleinfamilie aufbricht und das Surreale der Provinzerfahrung zu seinem Recht kommen lässt. Die Konzentration aufs Fiese, insbesondere in den Grausamkeiten, die Menschen einander im Kleinen antun, mit wenigen Sätzen, erinnert an die Filme von Ulrich Seidl (von den schmerzhaften, körperlich konkreten Sadismen im weiteren Verlauf muss man freilich absehen).

Seidl, der Ehemann von Veronika Franz, der seit den 90er Jahren mit ihr zusammenarbeitet, fungiert bei Ich seh, ich seh als Produzent. Formal allerdings ist dieser Film mit seiner wendigen Kamera und den dräuenden Sounds doch spürbar anders als Seidls statisches Tableaukino. Das Ergebnis: Gothic-Horror in ikea- und applebarockem Weiß, gottlob ganz ohne allzu generische ästhetische Signaturen aus dem Gothic-Fundus. Nicht dass einem von Kakerlaken über tote Katzen bis zu SM-Fesselungen und finsteren Zündeleien in diesem Inferno irgendwas erspart bliebe. Aber Ich seh, ich seh schließt famos an die erwachsene Hochphase des Horrorgenres in den 70er Jahren an, als Arthouse-Konzentration und Genredrastik frucht- und furchtbare Allianzen eingingen – und ein effizientes Tool zur Auslotung der psychischen Irrlichterei des zeitgenössischen Menschen jenseits der Spinnwebwelt des klassischen Horrorfilms entwickelten.

Unheimlich im Sinne Freuds ist das wohl auch. Noch passender ist allerdings der zuletzt in den USA wieder popularisierte, offen verstandene Begriff der weird fiction, der neben dem Unheimlichen auch das Sonderbare, eine kaum greifbare Qualität der Realitätsentrückung umfasst, und damit neben Genre-Pulp auch Kafka, Borges, David Lynch oder die Serie True Detective in ein Verhältnis miteinander bringt. Oder die Einsamkeitsstudien des österreichischen Autors Thomas Glavinic, dessen Roman Die Arbeit der Nacht man gern von Franz und Fiala verfilmt sähe.

Um diese Qualität zu erzielen, braucht es neben einer intimen Kenntnis der dunklen Seite des Menschen auch eine souveräne Hand im Gebrauch der zur Verfügung stehenden Erzählmittel. Gute Nachricht also im bösen Treiben: Den Wertschätzern des „Weirden“ haben Franz und Fiala mit diesem Meisterstück ein großes Geschenk gemacht.

Info

Ich seh, ich seh Veronika Franz, Severin Fiala Österreich 2014, 95 Minuten

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Ihre Freitag-Redaktion

10:08 01.07.2015
Geschrieben von

Thomas Groh

lebt in Berlin und schreibt über Filme.
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Thomas Groh

Ausgabe 39/2020

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