Tiefer tauchen

Museum Heute ist man in den Ausstellungen fast allein. Und es ist großartig
Kunst bei Idealbedingungen? Zwei Gemälde von Caspar David Friedrich in der Alten Nationalgalerie in Berlin
Kunst bei Idealbedingungen? Zwei Gemälde von Caspar David Friedrich in der Alten Nationalgalerie in Berlin

Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images

Endlich sind viele Museen und Galerien in Deutschland wieder geöffnet. Was aktuell und wohl auch noch einige Zeit fehlen wird, sind nur die Besucher. Mit dem Kunstgucken verhält es sich dieser Tage ein bisschen wie mit dem Kaufen und Konsumieren, die Menschen müssen diese Kulturtechniken erst langsam wieder lernen. Lockdown und Quarantäne haben Spuren und einen bestimmten Modus hinterlassen, man traut sich noch nicht so recht.

Ein Beispiel: In der ersten Woche nach ihrer Öffnung haben die Staatlichen Museen zu Berlin in ihren vier Häusern und in einer Sonderausstellung rund 10.000 Besucher gezählt. Das klingt erst einmal nicht schlecht. Doch entspricht es nur 43 Prozent des Vorjahreszeitraums. Was für die Museumskassen schlimm scheint, birgt für die Bewohner der jeweiligen Stadt jedoch Großartiges. Man muss gerade jetzt ins Museen gehen. Und zwar in genau diejenigen, in die man sich als Einheimischer sonst zu selten traut. Natürlich bilden sich die aktuell fehlenden 57 Prozent vor allem aus Touristen, die noch nicht kommen dürfen. Und genau diese großen Touristenmagneten, die Alte-Meister-Blockbuster, die Louvres seiner Stadt gilt es nun anzusteuern. Sie werden in diesem Moment zu wahren Heimatmuseen, die wir in der Regel nur dort besuchen, wo wir nicht zu Hause sind. Wer stellt sich schon gern in seiner eigenen Stadt in eine Touristenschlange. Jetzt gilt es seine Bürgerpflicht zu tun, und dazu tut sich eine Schleuse auf, in der man, wie davor und danach vielleicht nie wieder, Kunst bei Idealbedingungen schauen kann.

Der Mönch gehört mir

Geflasht von dieser Erkenntnis, buche ich mir direkt ein Zeitfensterticket für die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel. Hier denke ich mir den Ort, der Corona-Feelings am besten abbildet: der Caspar-David-Friedrich-Raum. Wo, wenn nicht hier, beim einsamen Mönch am Meer (1808 – 1810), will man dieser Tage rumhängen. Um wieder klarzukommen, um zu wissen, was Einsamkeit wirklich bedeutet. Draußen ist Geisterstadt im Frühlingstaumel, drinnen ganz wenige Omis und Opis. Die Treppen hinauf in den dritten Stock, verbringe ich eine Ewigkeit allein im Raum. Nur Caspar und ich, wo sich sonst permanent Besucher drängen. Da ist der Mönch, mutterseelenallein vor der großen, weiten blauweißgrauschwarzen Suppe aus Wolken, Himmel und Wellen. Ohne andere, wie wir alle in dieser Zeit es so lange waren und immer noch sind. Stundenlang kann man sich nun in das Bild zoomen. Endlich realisiert man, dass es bei dem Bild letztlich auf den Übergang von Wellen zu Himmel ankommt, diese Schattierungen von Schwarz, wo unter der Farbe plötzlich seltsame geometrische Figuren lauern. Apokalyptisch ist das sowieso, nun wird es psychedelisch. Weil man das endlich mal genau so angucken kann, wie es immer sein sollte. Der Mönch gehört mir, mir allein. Und nicht nur er, bei Friedrich gibt es ja links und rechts vom Mönch noch viele andere Corona-Schwestern und -Brüder der romantischen Alleinsamkeit. Aufs große Meer schauen sie, in die Berge, den runden, weißen, traurigen Mond betrachtend, einmal zu dritt, manchmal zu zweit, oft allein. Nur die surrende Klimaanlage und die leisen Schritte eines Museumswärters mit Maske als Soundkulisse. Nach einer halben Stunde kommt doch noch ein anderer Mensch, wir erschrecken und sind nicht mehr ganz allein.

Unten achten sie wie im Traum darauf, dass nie zu viele Besucher im Museum sind, man nie gestört wird beim Abtauchen in die Bilder. Bei Friedrich lässt sich lernen, wie wir die aktuelle Zeit zubringen sollten: staunend, etwas melancholisch, aufs Meer, auf die Sterne, auf Gebirge und den Mond blickend. Ein bisschen blöde sinnieren, ein bisschen sich fühlen, wie wir eben da sind auf Erden: ganz alleine. Es ist so schlimm gar nicht. Hier im Museum war es nie besser.

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