In Angst und Schrecken

Terrorbekämpfung Bedroht der Islam unsere Gesellschaft, oder bedrohen wir sie am Ende selbst?

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In Angst und Schrecken

Bild: Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images

Die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris haben einen Aufschrei ausgelöst, der mit der Bestürzung nach dem 11. September 2001 vergleichbar ist. Es wurde eine Wunde aufgerissen, die nur dürftig verheilt war: Wieder wurde mit rückhaltloser Gewalt das Sicherheitsgefühl in einem als unangreifbar wahrgenommenen Raum erschüttert. Fast zeitgleich ereignete sich in Baga, Nigeria ein Massaker, bei dem etwa 2.000 Zivilisten der islamistischen Miliz Boko Haram zum Opfer fielen. Die unterschiedliche Intensität der Reaktion auf beide Ereignisse zeigt, wie überfordert das aktive Mitgefühl in Anbetracht der Weltlage ist. Dass dabei der Wert von Menschenleben anhand von Hautfarbe und Religionszugehörigkeit der Opfer unterschiedlich bemessen wird, ist streitbar. Boko Haram wie IS überrollen unsere Fantasie. Paris aber ist greifbar. Wenn Journalisten im Europa des 21. Jahrhunderts für ihre Arbeit wieder um ihr Leben fürchten müssen, ist ein schwer erkämpftes Freiheitsprinzip bedroht.

Die Anschläge fallen in eine Zeit, in der die Hetze gegenüber den in Deutschland lebenden Muslimen zunimmt und Tausende ihren Hass und ihren Ekel gegenüber allem Fremden, insbesondere aber dem muslimischen Fremden, auf die Straße tragen. Die Ablehnung, die sich bis in die sogenannte Mitte der Gesellschaft zieht und vor alltäglicher Erniedrigung und vor Mord keinen Halt macht, steht dem Hass der Attentäter von Paris gleichsam gegenüber. Hier hat eine Polarisierung stattgefunden, der sich nur mit Mühe entgegentreten lässt.

Die Anschläge vom 11.September in den USA werden bis heute für einen groß angelegten gesellschaftlichen Umbau genutzt. Es werden bürgerliche Freiheiten eingeschränkt und der Ausbau der Kompetenzen von Geheim- und Sicherheitsdiensten (und ihrer privaten Vertragspartner) sowie die umfassende Sammlung, Speicherung und Auswertung aller verfügbaren Daten nimmt gigantische Ausmaße an. Dieser Prozess nahm in USA und Großbritannien einen rasanteren Verlauf als im übrigen Europa. Gleichzeitig wurde der Anschlag als Vorwand genutzt, um eine Reihe von offenen und - wie in Pakistan - verdeckten Kriegen zu rechtfertigen. Unsere Gesellschaft ist seitdem noch unerbittlicher geworden. Kompromisse in Freiheit und Lebensqualität werden in Kauf genommen und an diejenigen weitergegeben, die in der Hackordnung noch eine halbe Stufe tiefer stehen.

Als Reaktion auf die jüngsten Gewaltakte erleben wir nun zwei Versuche der Instrumentalisierung. Einerseits nehmen Gruppierungen wie Pegida die Anschläge zum Anlass, um Andersgläubige weiter zu diffamieren und Muslime mit Terroristen gleichzusetzen. Die ermordeten Redakteure und ihre Angehörigen sind den Volksverhetzern dabei herzlich egal, wie die fast schon begeisterte Reaktion nahelegt. Andererseits möchten Regierungsvertreter die Gelegenheit nutzen, um die Befugnisse der Sicherheitsorgane zu erweitern und die Bevölkerung stärker zu überwachen. Das globale Überwachungsnetz, dessen Datenmengen die Aktenschränke der Stasi längst zum bersten gebracht hätten, soll nun als Konsequenz aus den Anschlägen ausgebaut werden. Gerne hat das Bundeskanzleramt mit den Geheimdiensten NSA und GHCQ zusammengearbeitet, um die eigene Bevölkerung auszuforschen. Wenn es gegen beides keinen aktiven Widerspruch gibt, zeigen wir, dass wir nichts aus den letzten 13 Jahren "War on Terror" gelernt haben.

Der Versuch, den Terrorismus militärisch zu besiegen, ist vollkommen nach hinten los gegangen. Statt der djihadistischen Ideologie den Nährboden zu entziehen, spielt der "Westen" den Rekrutierern von IS und al-Qaida Argumente zu, um Anhänger und finanzielle Unterstützer zu gewinnen. Diese Argumente heißen Camp Bucca, Abu Ghraib und Guantanamo Bay, sie heißen Drohnenkrieg und Folter. Es sind Rekrutierungsschlager des Terrors.

Paradoxerweise müssen wir, wenn wir dem Terrorismus erfolgreich entgegen treten möchten, zuerst den „War on Terror“ in seine Schranken weisen.

Die extremen islamistischen Kämpfer bieten ihren Anhängern Orientierung in einer komplexen Welt, eine Ordnung in Gut und Böse, klare Regeln, die befolgt werden müssen, klare Feindbilder. Das ist besonders für diejenigen attraktiv, die sich im 21. Jahrhundert abgehängt fühlen. Mehr als militärische Erfolge suchen die selbsternannten Märtyrer den ideologischen Sieg über den "Westen". Dass eine Organisation wie IS, die sich mit Vergewaltigungen und Enthauptungen brüstet, überhaupt eine Strahlkraft entfalten und junge Leute in ihren Bann ziehen kann, erscheint uns bizarr.

Wenn wir "unsere" Gesellschaft verteidigen wollen, dann müssen wir kritisch mit uns selbst sein. Wir müssen versuchen zu verstehen, warum „der Westen“ in den Augen der Attentäter so hassenswert erscheint. Antworten dafür könnten die Invasion des Irak und der Umgang mit den Zivilisten dort liefern. Sie ließen sich finden in der militärischen Unterstützung von Diktatoren wie Hosni Mubarak und Ben Ali, die so lange sicher vor Sanktionen waren, wie sie sich der US-Außenpolitik unterwarfen. Sie ließen sich finden in der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten von Bashar al-Assad und Mu'ammar al-Ghaddafi zur gemeinsamen „Terrorbekämpfung“. Und ganz sicher fände man sie in den Foltergefängnissen, die sich ausserhalb des Wertekanons befinden, den wir Demokratie und Menschenrechte nennen. Der jüngst veröffentlichte Bericht über die barbarischen US-Folterpraktiken hat hier wenige Tage Stirnrunzeln ausgelöst, ist aber praktisch ohne Konsequenzen geblieben. Dass wir dagegen nicht zu Tausenden auf die Straßen gegangen sind, müssen wir uns als Bürger zum Vorwurf machen. Die Bundesregierung trifft in ihrer Komplizenschaft große Schuld.

Der Westen muss dem djihadistischen Modell mit einem erstrebenswerten Gesellschaftsentwurf entgegentreten. Das bedeutet zuallererst, sich mit dem eigenen moralischen Verfall und dem fortschreitenden Zynismus auseinander zu setzen und doppelten Standards eine entschiedene Absage zu erteilen. Solange Menschen muslimischen Glaubens erleben müssen, dass unsere Gesellschaft sie als Menschen zweiter Klasse behandelt, dass ihr Leben weniger Wert und ihr Sterben weniger bedauernswert ist als das von Mehrheitseuropäern, so lange wird die Spirale der gegenseitigen Ablehnung in Hass und Gewalt münden. Eine Gesellschaft, die sich vehement und nachhaltig gegen Unterdrückung, Ausgrenzung, Drohnenkrieg und systematische Folter einsetzt, würde Terroristen wenig Angriffsfläche bieten. Wir müssen uns auch fragen, ob es Sinn macht, ein Wirtschaftssystem zu idealisieren, das fortwährend die Schwächsten gegeneinander in Stellung bringt. Denn Djihadisten wie Rechtsradikale rekrutieren sich aus den Reihen der Abgehängten.

Erfolgreiche Terrorprävention würde das Hauptaugenmerk darauf richten, denen zu helfen, die keine Zukunft in Deutschland sehen, damit Sie Selbstachtung und eine positive Rolle in unserer Mitte finden. Den Djihadisten würde schlicht und einfach der Nachwuchs ausgehen.

Dass der Mob sich jetzt nicht mehr in den Kommentarspalten, sondern auf der Straße versammelt, hat vielen die Augen geöffnet.

Die denkbar beste Konsequenz aus den Anschlägen von Paris wäre, dass es endlich zu einer breiten, differenzierten Auseinandersetzung mit unserem Verhältnis zum Islam kommt. Tatsächlich erweckt die vielfältige und vielstimmige Diskussion der letzten Tage den Eindruck, dass dies tatsächlich passieren könnte. Es wäre eine schöne Wendung, wenn gerade durch die Gewalttaten vielen Unbeteiligten (Muslimen, Deutschen und deutschen Muslimen) klar geworden ist, dass Sie sich nicht mehr länger vor echtem Meinungsaustausch drücken können, um nicht den Hasspredigern auf allen Seiten die Deutung der Ereignisse zu überlassen.

Dass die Bundeskanzlerin sich in den letzten Tagen überraschend vehement dazu bekannt hat, dass der Islam zu Deutschland gehört, ist ein Zeichen dafür, dass selbst Konservative über den allerorts geschürten Hass erschrecken und merken, dass echter Einsatz gefordert ist, um ein weiteres Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern. Um der Rhetorik Taten folgen zu lassen, muss eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung unternommen werden, das heißt auch, dass Mittel bereitgestellt werden müssen, um auf allen Ebenen in einen echten Dialog einzutreten: Am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Moschee, in Jugendzentren und Projekten. Wichtig ist es dabei Muslimen medial und öffentlich, den Raum zu geben, um für sich selbst zu sprechen. Wenn wir es schaffen miteinander - statt übereinander - zu reden, dann wird es hier für Rechtsextreme wie Terroristen sehr schnell ungemütlich.

Felix Gebauer | ÜberMorgenLand

Felix Gebauer | ÜberMorgenLand

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