Arm, aber gücklich?

Statistik Es steigt die Zahl der Menschen, die sich wirtschaftlich ausgegrenzt fühlen. Das macht Angst. Doch kann daraus auch eine Gemeinschaftserfahrung wachsen
Armut ist subjektiv. Sie hat auch eine gefühlte Seite
Armut ist subjektiv. Sie hat auch eine gefühlte Seite

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Im Spätmittelalter kannte man schon die so genannten Armenbretter, auch poor tables, maison de l’aumône oder plat dels pobres genannt, was uns heute noch vor Augen hält, dass Armut bereits vor mehr als 800 Jahren ein gesamteuropäisches Phänomen war. Heutzutage nennt man die Armenbretter in Deutschland „Tafeln“. Kommendes Jahr wird diese alte neue Form der Philanthropie ihr 20. Jubiläum begehen. Wahrlich kein Grund zum Feiern in einem reichen Land.

16 Millionen Deutsche, rechnet das Statistische Bundesamt in Wiesbaden im Rahmen der eben veröffentlichten Erhebung Leben in Europa 2011 vor, fühlen sich arm und sozial ausgegrenzt. Das sind 3,2 Millionen mehr, als der alarmierende Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, dessen Daten sich auf das Jahr 2010 beziehen, noch vor kurzem aufgeführt hat.

Wenn dieser dramatische Anstieg anhielte, würden in 20 Jahren auch die derzeit noch saturierten 66 Millionen Bundesbürger unter die Armutsgrenze rutschen. Und keine europäische Tafel könnte sie je ernähren.

Die Reichen fressen das Loch in den Bauch

Das ist natürlich ein arithmetischer Kurzschluss. Die in der EU ausgewiesene Armutsgrenze ist relativ und liegt definitorisch bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Wer unter diese Schwelle absackt – und das sind, wenig überraschend, vor allem Alleinerziehende, Arbeitslose und prekär Beschäftigte sowie zunehmend auch wieder Rentner –, gilt als armutsgefährdet und leidet unter erheblichen materiellen Einschränkungen. In Deutschland lag diese Grenze 2010 bei 952 Euro netto, rechnerisch müsste sie 2011 darüber liegen.

Verräterisch ist die Statistik in anderer Hinsicht: Wenn unten die Armut so exorbitant zunimmt, muss sich insgesamt, aber insbesondere an der Spitze überproportional viel Reichtum angehäuft haben. Nur so ist der Median, der Durchschnitt, erklärbar. Das heißt, es sind die Reichen, die immer mehr Armen das Loch in den Bauch fressen und gleichzeitig dafür sorgen, dass nicht alle als arm gelten können. Das ist schon genial.

Armes Europa

Die Armut in Deutschland ist also nicht absolut. Und sie hat auch eine mentale, eine gefühlte Seite. Schaut man sich nämlich internationale Erhebungen an, die das „Glück“ der Menschen statistisch belegen sollen, zeigt sich, dass in extrem armen und von Alltagsgewalt bedrohten Gesellschaften die meisten „sehr glücklichen“ Menschen leben: Am glücklichsten sind sie angeblich in Mexiko.

Die unglücklichsten Menschen, heißt es, findet man im reichen Europa; am allerunglücklichsten – aber das hat ganz eigene Gründe, auf deren Spuren man sich literarisch begeben muss – ist man in Ungarn. Glaubt man dem Glücksatlas der Deutschen Post, den Bernd Raffelhüschen verantwortet – das ist der, der die Bundesbürger mit einer privaten Pflegeversicherung beglücken will –, ist die Zufriedenheit der Deutschen deutlich gestiegen. Trotzdem sind mittlerweile zwei Drittel dafür, dass der Staat endlich Hand an die großen Vermögen legt.

Arm, aber glücklich, sagt der Volksmund. Aber stimmt das tatsächlich? Armut kann beides sein: Gemeinschaftserfahrung, die zusammenschweißt, und Diskriminierungserfahrung, die ausgrenzt. Das erstere erlebt gerade die abstürzende und deshalb zusammenrückende griechische Mittelschicht; letzteres kennt jedes Schulkind, das nicht mitziehen kann beim symbolischen Warenkapital. Doch wer von Armut bedroht ist, hat Angst. Und das wird die Gesellschaft vielleicht sogar noch teurer zu stehen kommen als die Aufstockung von Löhnen und Renten.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

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