Die Stimme der Frauen aus Algerien

Nachruf Assia Djebar wurde für den Literaturnobelpreis gehandelt und wäre die erste indigene Preisträgerin aus Afrika gewesen. Vergangene Woche ist sie in Paris gestorben
Ulrike Baureithel | Ausgabe 07/2015
Die Stimme der Frauen aus Algerien
Assia Djebar 2004 auf der Frankfurter Buchmesse

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Wer den Existenzialismus in seiner Jugend als intellektuelle Muttermilch aufgesogen hat, dem schien Algerien nah und fremd zugleich. Mit Albert Camus’ poetischem Rigorismus schien alles gesagt von jenem Küstenstreifen auf der anderen Seite des Mare Nostrum. Dass es dort auch ein Hinterland gibt und eine Erfahrung, die mit männlichem Essenzialismus nicht einzufangen ist, erfuhren feministische Geister erst in den 90er Jahren, als sich der Zürcher Unionsverlag einer Autorin mit dem exotisch klingenden Namen Assia Djebar annahm. Mit den Romanen Fern von Medina oder Die Frauen von Algier erschloss sie uns einen Kosmos, in dem erotische Körper eine Rolle spielten und weibliche Geheimbünde, fernab von der sozialistisch gestimmten Unabhängigkeitsbewegung Algeriens.

Dass die 1936 geborene Autorin schon in einer Zeit geschrieben hatte, als Simone de Beauvoir das literarische und politische Parkett eroberte, wurde erst deutlich, als ihre Romane nach und nach in den deutschen Leseraum einsickerten. Ihr Erstling La Soif (Der Durst) war 1957 erschienen, von der noch nicht einmal volljährigen Autorin vor den Eltern verborgen. Dabei hatte sie es gerade ihrem Vater, einem aufgeklärten Volksschullehrer, zu verdanken, dass sie neben der islamischen auch eine französische Schule besuchen durfte und kein Kopftuch tragen musste. Als erste algerische Studentin besuchte sie ab 1955 die École normale supérieure, später studierte sie Geschichte.

Mehr als dem politischen Freiheitskampf galt ihre Leidenschaft aber den Frauen in ihrer Heimat. Seit den 80er Jahren, als sich die frauenfeindliche Politik in Algerien zuspitzte, befasste sie sich zunehmend mit den Schriften des Islam. In Romanen, später auch in preisgekrönten Dokumentarfilmen, fing sie die Lebenswirklichkeit der Frauen auf dem Land ein, zunächst noch darauf achtend, nicht in der ersten Person zu sprechen, denn zu den ehernen Regeln in den Gesellschaften des Maghreb gehört: Sprich nie über dich selbst.

Genährt wurde ihr Schreiben von der Perspektivenvielfalt einer fragmentierten Gesellschaft. Dass sich die Autorin dabei der Sprache der einstigen Kolonialherren bediente, hat immer wieder zu Fragen Anlass gegeben und den Interpretationsfuror der neueren Postcolonial Studies forciert. Die französische Sprache, „ihr Haus“, erlaube ihr die notwendige Distanz zu ihrer Herkunftskultur, während das Arabische für sie „die Sprache der Liebe, des Leidens oder des Gebets“ darstelle, wie Djebar anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahr 2000 ausführte. Nach ihrer Verbannung aus Algerien in Frankreich und später zeitweise in den USA lebend, stand sie „dazwischen“ und legte wie eine Historikerin ihre Herkunftskultur frei. Dabei ließ sie sich auch von den Versatzstücken westlicher Kultur anregen: Die Frauen von Algier etwa wurde von einem Gemälde von Eugène Delacroix inspiriert, jenem orientalischen Exotismus des 19. Jahrhunderts, der bis heute nachweht.

Assia Djebar hat sich selbst nie als explizit politische Autorin gesehen, sie sei „kein Sprachrohr“ weiblicher Emanzipation. Doch als politische Figur hat Djebar schon deshalb gewirkt, weil es sich bei ihr um einen der ganz seltenen Fälle handelt, in dem das Werk im vor- und nachkolonialen Algerien verortet ist. Mehrmals wurde sie für den Literaturnobelpreis gehandelt und wäre damit die erste indigene Preisträgerin aus Afrika gewesen. Nun ist sie vergangene Woche in Paris gestorben.

14:30 11.02.2015
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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