Getröte, Gezirpe, Gejaule

Rückblick Friedrich Christian Delius erinnert sich an ein New Yorker Jazzkonzert im Jahr 1966, einen Abend, der sein Leben verändert
Getröte, Gezirpe, Gejaule
Ein Konzert des großen Free Jazz-Saxophonisten Albert Ayler ist Ausgangspunkt der Erzählung

Foto: Philippe Gras/Imago

Das Schreiben über Musik soll so unmöglich sein, wie über Architektur zu tanzen, was den Schriftsteller naturgemäß nicht abhält. Ausgangspunkt von Friedrich Christian Delius’ Erzählung Die Zukunft der Schönheit ist ein Konzerterlebnis. Es fand am 1. Mai 1966 in New York statt, in einem Kellerlokal namens Slug’s Saloon, in dem an jenem Abend der große Free Jazz-Saxophonist Albert Ayler auftrat. Begleitet wurde er von seinem Bruder Donald an der Trompete, plus Michel Samson an der Violine, Lewis Worrell am Bass und Ron Jackson an der Trommel. Gewöhnt an ganz andere Töne und solch gefällige Musikstile wie den Dixieland, wurde der damals 23 Jahre alte Jungautor überwältigt von der wilden, widerständigen, misstönenden Klangwelt: Ein veritables Pandämonium aus „kreischenden, klagenden, schrillen Tönen“ entfesselte die Band mit ihrem „Getröte, Gezirpe, Gehämmer, Gejaule, als sollten wir mit dieser Folge von Dissonanzen gleich wieder abgeschreckt werden“.

Doch Delius, mitgeschleppt zum Konzert von zwei Freunden, setzte sich der überwältigen, verstörenden Erfahrung aus. Im Rückblick, ein halbes Jahrhundert später, erkennt er, dass das Konzert eine lebensverändernde Erfahrung bedeutete. Es veränderte seine Vorstellungen darüber, was Kunst sein kann und sein soll. Denn wie der Zuhörer aus Deutschland erst im Verlauf des Konzerts begreift, drückte sich in der rebellischen Musik ein politischer Protest aus: Sie war zugleich Wehklage gegen den Vietnamkrieg, wie auch die rassistische Diskriminierung der Schwarzen in den USA. Die extreme Klangwelt des Free Jazz entpuppte sich als eine Ästhetik des Widerstands.

Für den Jungautor Delius, der das große Glück hatte, als Gast der Gruppe 47 zu der damals in New York abgehaltenen Tagung eingeladen zu werden, blieb diese Erkenntnis nicht ohne Rückwirkungen auf sein Selbstverständnis als Schriftsteller: Es kam zu einer Kehrtwende. Wollte er zunächst vor allem seine Lehrer und jene Mädchen verschrecken, die Hermann Hesse anhimmelten, so kam Delius zur Einsicht, dass eine zeitgemäße Literatur eine gesellschaftlich und politisch engagierte Form besitzen muss. Dementsprechend arbeitete er an den Büchern, die ihn schließlich bekannt machten: Wir Unternehmer (1966), Unsere Siemens-Welt (1972) oder Ein Bankier auf der Flucht (1975).

Der Auslöser, sich mit dem so lange zurückliegenden Konzert zu beschäftigen, kam durch einen Zufall: Nachdem sein Kollege Marcel Beyer erfahren hatte, dass Delius beim damaligen Auftritt von Ayler und seiner Band dabei war, schenkte er ihm ein Bootleg des Konzerts, das er so nach mehr als fünf Jahrzehnten erneut hören konnte.

Cola und Salzstangen

Offenkundig wirkte dieses Wiederhören nicht nur beflügelnd auf die Erinnerungskraft, es stellte auch eine Assoziation her zu einem anderen Jazzkonzert, das eine gewichtige Folge besaß: Nach seiner braven Feier zum 17. Geburtstag, bei der es nur Cola und Salzstangen gab, ließ sich der jugendliche Friedrich Christian noch überreden, zu einem mitternächtlichen Jazzkonzert zu gehen und dazu ein paar Bier zu trinken, obwohl der strenge Vater ihm pünktliches Heimkommen verordnet hat. Als er zurückkehrt, erwartet ihn ein zornerfüllter Mann, der seinen Sohn für immer moralisch verloren wähnt, da er den Versuchungen des musikalischen Sündenpfuhls nicht widerstehen konnte. Die Zukunft der Schönheit ist auch ein Vaterbuch, denn immer wieder wird der Pfarrer Eberhard Delius und seine protestantische Glaubenswelt zum Gegenstand der Erinnerungen des Erzählers. Die schriftstellerische Neigung von protestantischen Pfarrersöhnen – von Hölderlin bis Gottfried Benn – ist ja ein vielfach belegtes Charakteristikum der deutschen Literaturgeschichte.

Ein literarisches Denkmal setzt Delius in Die Zukunft der Schönheit so nicht nur Albert Ayler, der sich vier Jahre nach dem Konzert von einer Fähre in Selbstmordabsicht stürzte und im East River ertrank, sondern ebenso dem zu früh verstorbenen Prediger, „der mich mit kräftigem Lutherdeutsch, poetischen Psalmen und der Schlagkraft der Choräle geschult und, ohne es zu wollen, gleichzeitig zum Widerspruch gegen die fertige Sprache provoziert und das Gehör für Phrasen und Hohlheit geschärft hatte.“

Info

Die Zukunft der Schönheit. Erzählung Friedrich Christian Delius, Rowohlt Berlin, Berlin 2018, 99 S., 16,00 €

06:00 21.04.2018
Geschrieben von

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 1