Schutzbefohlene - Teil 2

Geflüchtete Zwischen Erfolgen und Ernüchterung: Wie sich die Dinge bei der von mir betreuten syrischen Familie weiterentwickelt haben
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Schutzbefohlene - Teil 2
Der Weg in den deutschen Arbeitsmarkt ist einer mit viele Hürden

JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

Was läuft gut?

Die Sprachkenntnisse der Töchter schreiten voran. Eine Tochter, M., hat C1 bestanden und wird zum nächsten Herbstsemester in Passau ein Masterstudium „Deutsches Recht für Ausländer“ aufnehmen. Sie bereitet sich jetzt auf die TestDaF-Prüfung, die eigentliche Voraussetzung für die Hochschulzulassung für Ausländer, vor. Ich habe zwar meine Zweifel, was ihre Deutschkenntnisse im schriftlichen Bereich betrifft, aber allein schon die Tatsache, dass sie für ein Studium zugelassen wurde, stimmt mich positiv. Eine weitere Tochter, W., hat B2 bestanden und lernt jetzt auf die C1-Prüfung. Sie will unbedingt Architektur studieren. Ihre Schwester A. – sie ist schwanger – bereitet sich auch auf die B2-Prüfung vor. Die jüngste Tochter, L., geht in die Vorbereitungsklasse eines Gymnasiums und hat gute Chancen, in die reguläre 10. Klasse übernommen zu werden. Das Ganze entscheidet sich bis Ende Juli. Ein Sohn, N., hat einen Ausbildungsplatz als Mechatroniker bei einem namhaften Automobilzulieferer bekommen, den er im Herbst antreten wird. Ein weitere Tochter, S., bereitet sich auf die B1-Prüfung vor.

In allen Fragen, die das Jobcenter (ALG II) betreffen, wird die Familie – mit Kindern, Enkelkindern und Schwiegersöhnen insgesamt 12 Personen – von einer Rentnerin kompetent betreut. Sie hilft – wie ich auch – ehrenamtlich. Ohne das Engagement dieser Dame wären meine Schutzbefohlenen total überfordert. Die deutsche Bürokratie ist ja schon für viele Einheimische ein Buch mit sieben Siegeln. Für Ausländer stellt sie sie ein unüberwindliches Hindernis dar. Aber dazu später mehr.

Praktikum von E.

Ich bin begeistert. Ich konnte für den Familienvater E. (54 Jahre alt) – er ist gelernter Schreiner – ein Praktikum in einer größeren Möbelfirma organisieren. Die dortige Personalleiterin ist gegenüber Flüchtlingen sehr aufgeschlossen. Es gab eine Einweisung, bei der die Personalleiterin, der Logistikleiter, E. selbst, seine Tochter M. als Übersetzerin und ich zugegen war. In der KW 26 sollte das Praktikum beginnen und am 08.07.2016 enden. Täglich fuhr E. mit dem Bus zu seiner Arbeitsstelle und baute als so genannter Ausstellungsschreiner Stühle, Schränke und Küchen zusammen. Am Ende des Praktikums erhielt E. eine Praktikumsbeurteilung, die vernichtender nicht hätte sein können. Der Teamleiter beurteilte seine Arbeitsleistung qualitativ und quantitativ weit unterdurchschnittlich. Was war passiert? Vielleicht hätte E. nicht sagen sollen, dass er in Syrien eine Möbelfirma mit 200 Mitarbeitern geleitet hat und vielleicht hätte er auch nicht sagen sollen, dass er wieder zurück will, wenn in Syrien Frieden herrscht. So viel Ehrlichkeit ist nicht immer zielführend.

Kurz vor Beginn des Praktikums bin ich umgezogen. E., sein Schwiegersohn und dessen Bruder haben mir beim Umzug geholfen. Dabei konnte ich selbst beobachten, wie E. Schränke, Sideboards und Schreibtische auseinanderbaute und anschließend wieder zusammenbaute und das ohne fremde Hilfe. Gewiss, die Deutschkenntnisse von E. sind noch ausbaufähig. Das weiß er auch, aber von einer mangelnden Arbeitseinstellung bzw. von mangelhaften fachlichen Kenntnissen zu sprechen, so wie bei der Praktikumsbeurteilung geschehen, ist einfach falsch. E.s Schwiegersohn und dessen Bruder wollten für ihre Hilfe beim Umzug – bei dem sie richtiggehend schufteten – übrigens kein Geld. Man hilft sich eben gegenseitig, so einfach ist das.

Im Jobcenter

Aufgrund der Erfahrungswerte mit dem Praktikum von E. hieß die Devise „weitersuchen“. Vom evangelischen Bildungswerk in besagter niederbayrischen Stadt wurde eine so genannte Eingliederungsmaßnahme für Flüchtlinge angeboten – Dauer: 6 Monate, 18 Stunden in der Woche, davon die Hälfte leichte Schreinerarbeiten, die andere Hälfte Deutschunterricht, Bezahlung: 100 Euro im Monat. Das Ganze steht unter Leitung des Jobcenters. So weit so gut.

Diese Woche wurde dafür im Jobcenter eine Info-Veranstaltung angeboten. Dabei präsentierte der Leiter des evangelischen Bildungswerkes – Herr H. – sein Angebot. Ein arabisch sprechender Dolmetscher übersetzte, was H. sagte. Auch die zuständige Fallbearbeiterin des Jobcenters sowie deren Stellvertreter waren da. Insgesamt waren ca. 20 Personen gekommen. Ich blickte mich um und schaute in die Gesichter, eine Mischung aus Hoffnung und Ernüchterung, so war jedenfalls mein Eindruck. Mein „Schützling“ E. schaute etwas irritiert, doch ich konnte ihn davon überzeugen, an dieser Maßnahme teilzunehmen, zumal sein Integrationskurs ab nächster Woche bis Mitte September ausgesetzt ist.

Die Fallbearbeiterin des Jobcenters ist eine freundliche Dame mittleren Alters. Sie wies darauf hin, dass diese Eingliederungsmaßnahme selbstverständlich auf freiwilliger Basis erfolgt. Wer aber nicht daran teilnimmt, der bekommt von ihr ein (weiteres) so genanntes Einladungsschreiben – ich nenne es Vorladung – zugesandt. So viel zum Thema Freiwilligkeit.

Als die Fallbearbeiterin mitbekam, dass ich mich um die Belange von E. kümmere, kam sie auf das Praktikum zu sprechen, das ich E. vermittelt hatte und das ja zugegebenermaßen nicht erfolgreich war. Sie wäre gleich skeptisch gewesen, meinte sie. In dem Alter von E. sei es nicht üblich, ein Praktikum zu absolvieren. Und überhaupt, ich solle doch die Familienmitglieder noch mal eindringlich darauf hinweisen, dass in Bayern Residenzpflicht bestehe, d.h. ein Aufenthalt außerhalb Bayern muss vorher persönlich angemeldet werden. Ansonsten könne die gesamte ALG II Unterstützung gestrichen werden.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Der deutsche Staat hat ein gesetzlich geregeltes System, wie mit anerkannten Flüchtlingen zu verfahren ist. Das funktioniert auch weitestgehend. Der Arbeitsmarkt in Deutschland ist jedoch auf diese Situation überhaupt nicht eingestellt. Hinzu kommen die mangelnden Sprachkenntnisse und wenn überhaupt, nur teilweise vorhandenen Qualifikationen der Betroffenen. Wenn ich dieses System mit anderen EU-Staaten vergleiche, so stelle ich fest, dass den Flüchtlingen bis auf Schweden und Österreich keine vergleichbare Unterstützung angeboten wird. Auch das gehört zur Wahrheit.

Fazit

Mich beschleicht ein ungutes Gefühl, so als ob ich gegen Windmühlen ankämpfe. Der Don Quijote der Flüchtlinge. Aber nein, nur nichts anmerken lassen, einfach weitermachen. Wenn die Schutzbefohlenen mitbekommen, dass der Helfer von Zweifeln geplagt ist, dann resignieren sie. Eines Tages wird ein Großteil von ihnen in ihre Heimat zurückkehren und zwar dann, wenn die Verhältnisse dort als einigermaßen sicher einzustufen sind. Diesen Tag sehnen die Meisten von ihnen herbei. Deshalb heißt die Devise „Schritt für Schritt, immer weiter in eine ungewisse Zukunft“.

Die Welt ist zurzeit massiv in Unordnung geraten. Es regiert vielerorts die Habgier und der Fanatismus. Beide Phänomene bedingen einander, verschwindet das eine, dann verschwindet auch das andere.

Der erste Teil der Serie ist hier zu lesen

14:11 22.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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