Kants „Ding an sich“: Ist alles Physik?

Essay Was ist Wirklichkeit? Ulf Danielssons „Die Welt an sich“ kommt etwas großspurig daher und hält nicht, was er verspricht. Trotzdem lässt sich seinen Argumenten einiges abgewinnen
Ausgabe 01/2023
Kants Dualismus von Phänomen und Noumenon hält der schwedische Physiker Ulf Danielsson für überholt
Kants Dualismus von Phänomen und Noumenon hält der schwedische Physiker Ulf Danielsson für überholt

Foto: IMAGO/Cavan Images

Ulf Danielsson trägt am Anfang von Die Welt an sich ziemlich dick auf: Es gehe „hier nicht um unwesentliche Details, sondern um einen Paradigmenwechsel von der gleichen Wucht wie damals, als Newton seine Mechanik formulierte oder als die Relativitäts- und die Quantentheorie vorgestellt wurden“. Der Buchtitel ist eine Anspielung auf Kants „Ding an sich“, mit dem er immer das meint, was menschliches Denken zwar beschäftigt, aber nicht rational begreiflich und sinnlich erfahrbar ist. Meist wird es transzendental genannt.

Der schwedische Physiker Danielsson behauptet, dies sei ein überkommener Dualismus – hier die materielle Welt, dort die auf Platons Ideenlehre zurückgehende Sicht auf die Welt. Unter dem Postulat, alles sei Physik und es existiere keine Wirklichkeit außerhalb von Materie, nimmt er uns mit auf einen gedanklichen Parforceritt durch die prekären Fragestellungen der heutigen Denkwelten. Direkt oder indirekt kreist das alles um die Frage: Was ist Wirklichkeit? Danielsson findet die wenig befriedigende Antwort: alles – auch das, was wir nicht erkennen. Er räumt ein, dass der transzendentale Bereich unvorstellbar viel größer ist als derjenige, der menschlicher Wissenschaft bereits zugänglich ist; mehr noch, er sorgt sich, „dass wir nicht einmal die richtigen Fragen formulieren können“.

Letzteres liegt, so Danielsson, daran, dass wir evolvierte Wesen aus Fleisch und Blut sind, was bedeutet, dass wir als Beobachter beeinflussen, was wir beobachten. Erkenntnistheoretisch ist diese Einsicht fast schon eine olle Kamelle. Aristoteles war das zumindest in Ansätzen klar, ebenso natürlich Kant, und Schopenhauer hat es im 19. Jahrhundert explizit formuliert. Ebendieser Schopenhauer hat auch dargelegt, dass die Trennung von Geist und Materie eine menschliche Vorstellung ist.

Weiter ins Unbekannte

Nun ist aber Physik, jedenfalls dem herkömmlichen Verständnis nach, die Wissenschaft vom Ding, nicht vom Ding an sich. Diesen herkömmlichen Physik-Begriff führt Danielsson ad absurdum. Denn bei genauer Betrachtung beschreibt seine vermeintlich neue Sicht, was in östlichen Hinsichten schon lange State of the Art und in westlicher Esoterik als „Alles ist eins“ verbreitet ist. Differenziert ausgeführt wird das beispielsweise in manchen mystischen Denkrichtungen und pragmatisch entwickelt im Konfuzianismus mit der Weltsicht des Tianxia. Tianxia wird meistens wiedergegeben mit „alles, was unter dem Himmel ist“ und meint genau das: Alles ist eins und greift ineinander. Es erweist sich, dass Danielsson mit seinem „Alles ist Physik“ nichts weiter meint, als dass auf lange Sicht absolut nichts von der wissenschaftlichen Erforschung ausgeschlossen ist, auch nicht Kants Ding an sich.

Der wäre in diesem Punkt wahrscheinlich mit Danielsson einig, insofern dieser durchaus konstatiert, dass es – noch – sehr vieles außerhalb der mit Vernunft begreifbaren Erfahrungswelt gibt. Denn dieses „noch“ steckt auch schon in Kants berühmter Vorrede zu seinem erkenntnistheoretischen Hauptwerk Kritik der reinen Vernunft (1781): „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“ Übersetzt: Da stehen wir nun und können gar nicht anders, als die Grenzen des Erfahrbaren immer weiter ins Unbekannte hinein zu verschieben.

Genau das ist das Erfreuliche an Danielssons Essay: Er führt aus, dass der Dualismus fließende Grenzen hat, vor denen die Wissenschaft nicht haltmachen darf. Das macht er zwar very sophisticated, aber weit weg vom großen Wurf, für den er seine Arbeit hält. Man kann das Buch immerhin jedem empfehlen, den die anfängliche Großspurigkeit nicht stört, weil es auf hohem Niveau einen aktuellen ersten Überblick über die verschiedenen Sichtweisen auf die Welt verschafft.

Die Welt an sich. Und wie wir sie begreifen können Ulf Danielsson Susanne Dahmann (Übers.), Klett-Cotta 2022, 240 S., 25 €

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