Wolfgang Michal
Ausgabe 2717 | 08.07.2017 | 06:00 26

Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV

Medien Der Justizminister fordert, dass Algorithmen transparenter werden müssen. Ist sein Vorhaben wirklich so „irre“, wie viele kritisieren?

Heiko Maas und der Algorithmen-TÜV

Transparenter Algorithmus. Installation des türkischen Künstlers Refik Anadol

Foto: Chris McGrath/Getty Images

Vor einigen Tagen habe ich bei einem Online-Händler eine Spülmaschine bestellt. Seither bekomme ich auf den Webseiten, die ich anklicke, permanent Spülmaschinen angeboten, und zwar genau die Marke, die ich bestellt habe. Egal, ob ich die Seiten der taz oder des Bildblogs besuche: Überall grinsen mich Spülmaschinen an. Dabei ist klar, dass ich in den nächsten 15 Jahren keine neue kaufen werde.

So strohdoof, konservativ und penetrant sind Algorithmen. Sie schließen aus dem Verhalten eines Menschen (Er hat „Spülmaschine“ ins Suchfeld eingegeben!), was er als Nächstes tun wird, was er lesen, kaufen oder im Leben erreichen will. Algorithmen – also programmierte Problemlösungen – errechnen aus den Handlungen der Vergangenheit die Zukunft und präsentieren den Menschen dann auf sie persönlich zugeschnittene Angebote. Der auf mich angesetzte Algorithmus weiß: Dieser Mann will sein Leben lang Spülmaschinen kaufen.

Solche Beispiele haben Heiko Maas, den Justiz- und heimlichen Digitalminister der Bundesregierung, dazu bewogen, einmal grundsätzlich über die konservative Macht von Algorithmen nachzudenken: Bleibt nicht die Reformfähigkeit einer Gesellschaft auf der Strecke, wenn die Menschen nur noch wahrnehmen, was sie schon kennen? Wenn sie gefangen sind in Echokammern und Filterblasen, weil die auf sie zugeschnittenen Algorithmen abweichende Meinungen oder Überraschungen vorher ausfiltern. Wenn die Betroffenen nicht einmal wissen, nach welchen inhaltlichen Vorgaben diese Filter arbeiten. Wird man diese Menschen dann nicht auch, so Maas, „unter dem Mantel der technischen Neutralität und Objektivität“ politisch manipulieren? Kann ein Algorithmus, der Eigenschaften, Merkmale und Handlungen von Personen in Schubladen einordnet und auf dieser Basis Informationen bereitstellt, überhaupt neutral sein? Schleichen sich nicht die Vorurteile der Programmierer und die Absichten der Firmen, die diese Programmierer beauftragen, in den Computercode mit ein?

Der Verzerrungseffekt, den Algorithmen in sozialen Netzwerken, aber auch in der polizeilichen Ermittlungsarbeit oder bei der Beurteilung von Kunden erzeugen, ist vielfach belegt. Heiko Maas will das Problem deshalb an der Wurzel fassen, und das heißt, er will die Filter-Algorithmen endlich unter die Lupe nehmen. Maas schlug am Montag auf einer Veranstaltung seines Ministeriums vor, sie von einer Digital-Agentur, einer Art Stiftung Warentest oder einem Algorithmen-TÜV bewerten zu lassen. Anhand eines Gütesiegels, das auf Testergebnissen beruht, könnten sich die Verbraucher dann besser orientieren: Der Filter dieser Suchmaschine ist okay, der Filter dieses sozialen Netzwerks ist mit Vorsicht zu genießen, der Filter von XY diskriminiert Minderheiten.

Das Vorhaben von Maas mag derzeit als „komplett irre“ erscheinen. In Lobbykreisen wird bereits nach bewährtem Muster über den „Zensurminister“ hergezogen. Aber auch die Stiftung Warentest brauchte Jahre, um sich durchzusetzen. Und denjenigen, die jetzt unken, die Internetfirmen müssten ihre „teuersten Betriebsgeheimnisse“ offenlegen, sei gesagt: Man kann Algorithmen auch testen, ohne deren Programmcode zu kennen. Meine neue Spülmaschine wurde von der Stiftung Warentest ja auch geprüft, ohne dass die Tester die Konstruktionspläne hatten.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 27/17.

Kommentare (26)

balsamico 08.07.2017 | 09:50

Dem Waschmaschinen-Algorithmus ist sogar eine Art Algorithmus-Tod einprogrammiert, der ihn nach einer gewissen Zeit lahmlegt, weil er weiß, dass dann entweder eine Maschine gekauft ist oder der Adressat von seinem Vorhaben, eine Waschmaschine zu kaufen, Abstand genommen hat. Da wäre es doch gut, wenn Herr Maas darauf gedrungen hätte, den Algorithmus des nunmehr erlaubten sog. Staatstrojaners mit einer ähnlichen Funktion auszustatten. Hat er aber nicht, glaub' ich. Vielleicht wird es ja die ggf. neu zu gründende Zeitschrift "Algorithmust-Test" richten und die BND-Algorithmen unter die Lupe nehmen.

na64 08.07.2017 | 20:49

Des Teufels Herz in meiner Brust. (Auch bei der Waschmaschine)

In ganz dunkler Vergangenheit wurden Kleinkriminelle mit verschiedensten Strafen bestraft. Tot, Verstümmelungen oder andere Abscheulichkeiten um Angst zu erzeugen. Es gab auch freiwillig für das entstümmeln von Hässlichkeiten um einen neuen Glanz zu Tage tragen zu können. Alles dient letztendlich dazu, um zu sehen und zu verstehen wie man einen neuen f26as (fear being fail atomic sun) Menschen erschaffen kann. Aus dieser Vergangenheit heraus entsteht unsere Zukunft, da unser Bewusstsein das für gut uns richtig heißt.
Das schöne an dem neuen Gesetzt für Autonomes fahren ist das Nebengesetz für die totale Überwachung der Bürger, da dadurch alle in Ihrem Status zu Kleinkriminelle geworden sind und somit ist jeder schon mit einem Bein im Gefängnis oder auf dem Operationstisch.
Das ist super toller Retro den wir uns da selber eingebrockt haben, weil uns Ignoranz und Unterhaltung für unsere Gewohnheiten viel wichtiger ist.

Dem Ist Zustand, oder dem Zustand einer Lebensphase wie etwa Kindheit als Vergangenheit, sehen wir als etwas vergängliches an und Ignorieren darin Konsequenzen unserer Denkmuster und Handlungen, da uns später die Rückkopplung aus Ursache und Wirkung dieser Epoche einer Vergangenheit nicht interessiert, da wir ja zeitlich gesehen im wachsen sind und wir nur auf dieses Wachstum fokussiert sind. Die hierbei als Kind, bzw. als Vergangenheitsepoche im Spiel erlernten "kriminellen" Aggressiven Energien als positiver Erfolg bei Vorgehensweisen, um sich gegenüber andere behaupten zu können, ist unsere erste geistige Schulung und hat mit Angst, Selbstwertgefühl, Status in Gruppen und Identität zu tun. Wer hierbei Angst zeigt oder ängstlich im Vorgehen wirkt, hat schon verloren und erntet keine positive Energie als Erfolg, damit, Glück entsteht.
Da kann man dann wieder zu der Überwachung per Apps oder Fotos oder wie auch immer die das auf dem Handy gestalten wollen schließen.
Diejenige die Angst haben üben Überwachung aus, weil Sie meinen sie könnten etwas verlieren.
Sowas ist eigentlich schon wieder ein guter Filmstoff. Das passt den Produzenten oder Filmschaffenden bestimmt nicht ins Konzept, da es den bisherigen Erzählungen nicht entspricht. Die haben ja dann auch Angst Sie könnten was verlieren. So wie der Waschmaschinenproduzent seine Kunden, wenn die Maschine zu lange hält. Oder irre ich mich da und Ihnen wird einfach das Wasser abgesperrt, weil Sie zu oft Wäsche waschen.

Rafaela 08.07.2017 | 23:10

Keine Sorge, Herr Michal, wenn den - noch - "strohdoofen" Algorithmen demnächst KI massiv unter die Arme greift und wenn auch Sie künftig in einem Auto herumfahren, welches stündlich mehrere Gigabyte Daten auf unbekannte Server lädt, wenn Sie dann neben Ihrem zugeappten Smartphone auch einen intelligenten Stromzähler in Ihrem vollvernetzen IoT-Heim haben und auch nichts mehr in bar zahlen können, weil das Bargeld abgeschafft ist, wird die Werbung, die Sie sich einfangen (weil Sie ja offensichtlich schon heute gewöhnt sind daran, komische Betriebssysteme, seltsam konfigurierte Browser und - trotz Alternativen - potenziell gefährliche Dienste auf Ihren Computern verwenden), viel besser und geschmeidiger sein. Sie werden Sie nicht einmal bemerken. "Strohdoof" ist es vielmehr, sich dann auf Politiker und ihre kruden Ideen, die, bedingt durch die eigene Ignoranz und Unwissenheit, etwas Glitzerndes zu haben scheinen - einen "Algorithmen-TÜV" - verlassen zu wollen.

Gunnar Jeschke 09.07.2017 | 20:24

Doch, das ist komplett irre.

An den Quellcode kommt man (aus verständlichen Gründen) nicht heran. Die Algorithmen werden permanent optimiert und sie sind bereits hochkomplex. Wie man so etwas relevant nur von aussen testen soll, wenn man nicht einmal genau weiss, welche Information der Algorithmus so alles sammelt, erschliesst sich mir trotz etwa 30 Jahren Programmier- und Programmtesterfahrung nicht, obwohl ich auch schon undokumentierte Datenformate und Programme "gehackt" habe. Man müsste dazu ja auch noch extrem gute Leute haben, deren Kompetenz von anderen Leuten mit viel besseren Ressourcen extrem stark nachgefragt wird.

Einfacher gesagt, hier will jemand versuchen, Rekruten gegen Elitesoldaten ins Feld zu führen, wobei die Elitesoldaten ausgebaute und modern bewaffnete Stellungen haben und die Rekruten Holzgewehre.

Dass Heiko Maas so etwas einschätzen kann, darf man mit absoluter Sicherheit ausschliessen.

Baloo59 11.07.2017 | 20:59

... und, lieber Herr Michal, um auch das nicht ungesagt zu lassen: Im Augenblick hilft gegen Ihr Problem noch das Löschen der Cookies, sei es durch gelegentliches Schließen des Browsers (bei entsprechenden Einstellungen, z.B. "Cookies nur bis zum Schließen des Brosers behalten") oder durch Löschen von Hand. Das funktioniert prima und auch ohne den pseudointellektuellen Heiko-Maas-Aktionismus.

Wolfgang Michal 12.07.2017 | 20:04

Danke für die Tipps und die interessanten (manchmal auch schicksalsergebenen) Einwände. Natürlich sind solche Gesetze - wie sie Maas vorschlägt - Ersatzhandlungen für die fehlende Bereitschaft, die Internet-Wirtschaft zu demokratisieren. Aber nehmen wir mal an, es gäbe so eine Stiftung Algorithmen-Test nach dem Vorbild der Stiftung Warentest. Das wäre zumindest eine Hilfe für die Verbraucher (Der Maas ist ja auch Verbraucherminister). Die Tester könnten eine (repräsentative?) Personengruppe damit beauftragen, die gleichen Handlungen im Internet auszuführen (bei Suchmaschinen, sozialen Netzwerken, Online-Shops etc.) und dann studieren, welche unterschiedlichen Ergebnisse das bringt. So könnte man Verzerrungen durch Algorithmen feststellen, ohne den Quellcode kennen zu müssen. Das wiederum würde zu einem Bewertungsranking führen, das veröffentlicht werden könnte. Wäre immerhin etwas. Eine Behörde aber, die nur verschiedene Expertenrunden über den gesellschaftlichen Einfluss von Algorithmen labern lässt, wäre überflüssig oder eine ähnliche Schaufensterveranstaltung wie die im Januar vom SPD-Kanzlerkandidaten präsentierte "Digitalcharta".

Rafaela 13.07.2017 | 01:00

Werter Herr Michal, eigentlich schätze ich Sie und Ihre Kommentare sehr und schon seit Langem. Ich glaube aber, dass Sie hier leider irren, weil Ihnen möglicherweise die Materie doch zu unbekannt ist - gegen KI-gestützte Algorithmen hat die Methode, die Sie vorschlagen, kaum bis keine Chance: Maschinen sind zwar nur genau so dumm oder klug, wie der Mensch, der sie, eigene Interessen verfolgend oder die Anderer ausführend, steuert und (grund)programmiert, aber bspw. ein einzelner Consumer-Computer rechnet inzwischen einfach viel schneller, als dass 10.000 hochbegabte Rechen-Künstler in der selben Zeit etwa könnten (mal abgesehn von dem Umstand, dass durch die heutigen Tracking-Techniken zu überprüfende Algorithmen auf hochpotenten Serverfarmen mit einer schier unermesslich scheinenden Rechenpower sofort schnallen würden, dass sie überprüft würden - und sich darauf einstellten. -Siehe Diesel-Gate; Sie verstehen?..).

Wenn schon (und Sie lassen das ja auch in Ihrer Antwort richtigerweise anklingen - aber eben nur anklingen, statt es vehement und deutlich zu fordern), müsste es angesichts der derzeitigen und der zu erwartenden Entwicklungen in diesem Bereich in etwa so laufen, dass alles Digitale politisch dem Bereich der sogenannten "gesellschaftlichen Daseinsvorsorge" zugeschlagen wird, die Privatisierung von Quellcode also stigmatisiert wird wie in etwa die Privatisierung des Süß- und Trinkwassers. Mindestens. Die politische Entwicklung läuft aber genau anders herum: Die Daten der Menschen sind das "Erdöl des 21. Jahrhunderts" - in (fast) Jeder und Jedem von uns steckt gewissermaßen schon ein Closed-Source-Bohrturm; die Open-Source sollen wir sein. Das kann man natürlich pseudo-demokratisch, "verbraucherorientiert" "begleiten" mit einem TÜV (wie z.B. dem Analogen, der cancerogenes Industriesilikon für Brustimplantate in Frankreich zertifizierte) oder einer digitalen "Stiftung Warentest/Finanztest" (deren analoges Vorbild nicht müde wurde, jahrelang die sinnlos-betrügerische Riester-Rente zu proklamieren). Allein, es wird lediglich dazu führen, den ganzen Dreck zu legitimieren. Maas' Intentionen aber gehen genau in diese Richtung...

Da Sie sich u.a. für "die Tipps" bedankten: Wenn Sie es richtig "richtig" machen wollen, oder mindestens wissen wollen, wie man das sehr nachhaltig bewerkstelligen könnte, um vielleicht nicht mehr derartig "genervt" oder Schlimmeres zu werden, können Sie auch hier einmal nachlesen; das ist eines der besten, fundiertesten, aktuellsten technischen und doch sehr verständlichen Kompendien zu diesem Thema:

https://www.privacy-handbuch.de/

Und das hier ist natürlich auch (fast) immer eine gute Quelle, wenn man in diesen Dingen grundsätzlich wissen will, wo eigentlich oben, unten, vorne, hinten, links und rechts ist:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/aus-dem-maschinenraum/

Wolfgang Michal 13.07.2017 | 13:08

@Rafaela

Danke für die Hinweise, die mir aber teilweise schon bekannt waren. Um den zentralen Punkt vorwegzunehmen: Mit dem Thema Demokratisierung der Digitalwirtschaft - und das beinhaltet Ihren Punkt "öffentliche Daseinsvorsorge" - beschäftige ich mich seit langem, stelle aber fest, dass dieses Thema von Netzaktivisten und Netzpolitikern kaum bearbeitet wird.

http://www.wolfgangmichal.de/2017/07/setzen-die-netzaktivisten-die-richtigen-prioritaeten/

http://www.wolfgangmichal.de/2012/02/monopol-kapitalismus/

Insbesondere müsste wohl diskutiert werden, wie diese Überführung in öffentliche Daseinsvorsorge praktisch gestaltet werden soll: Entflechtung der Firmen, Betriebsverfassung, Transparenzpflichten, Nutzermitbestimmung etc.? Wie würde eine Demokratisierung - im Unterschied zur Verstaatlichung, die wahrscheinlich weder Sie noch ich wollen - aussehen?

Ansonsten kann ich Ihren kritischen Einwänden weitgehend zustimmen, ich wäre allerdings nicht so pessimistisch, was die Testbarkeit von Algorithmen angeht. Hier fände halt der übliche Experten-Wettlauf statt - wie zwischen Hackern und IT-Sicherheitsabteilungen oder zwischen Tresorherstellern und Tresorknackern.

harsdorfer 13.07.2017 | 22:39

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Spülmaschinen und Algorithmen: Algorithmen bestehen nicht aus realer Materie, die sich der menschlichen Phantasie qua ihrer physischen Beschaffenheit in den Weg stellen kann. Das bedeutet ganz einfach, dass Algorithmen Produkte der menschlichen Phantasie sind und allein schon deshalb keinerlei Qualitätsprüfung unterzogen werden können, weil es schlicht am Vergleichsobjekt fehlt. Dass implementierte Algorithmen ihren Dienst verrichten heißt auch längst noch nicht, dass sich ihre Ergebnisse objektiv bewerten lassen, denn die Bewertung wird immer noch von Menschen vorgenommen, die damit bestimmte Zweckinteressen verfolgen. Der Zweck einer Spülmaschine ist Spülen. Was der Zweck eines bestimmten Algorithmus ist, liegt im Auge des Betrachters.

harsdorfer 13.07.2017 | 22:58

Hier mal eine Anmerkung aus dem Maschinenraum der Expertenwirtschaft: Ein Algorithmus ist zunächst einmal eine Rechenanweisung. Der Nachweis, ob diese korrekt ist, d.h. funktioniert, ist Theorie und mithin Sache der Mathematik.

Die Rechenanweisung wird (heute) üblicherweise in Software codiert. Testen kann man dann, ob mit einer konkreten Software der Algorithmus korrekt implementiert wurde. Mehr nicht.

Dass zu prüfen, ist allein schon eine enorme Herausforderung, da es sich inzwischen um Implementierungen mit tausenden bis millionen Codezeilen handelt.

Was man mit dem jeweiligen Algorithmus anstellt, ist Sache derer, die die Software verwenden.

Im Übrigen haben in chronologischer Reihenfolge nachgewiesen

Kurt Gödel (1931), dass es in jeder gehaltvollen Mathematik Aussagen gibt, von denen wir nicht wissen können, ob sie wahr oder falsch sind, und das könnten ja auch Algorithmen sein,

Alan Turing (1935), dass es kein universelles Programm gibt, dass prüfen kann, ob ein x-beliebiges anderes Programm korrekt arbeitet,

Gregori Chaitin (1976), dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein x-beliebiges Programm korrekt arbeitet, maschinell nicht berechenbar ist.

Und zum Schluss noch eine alte Programmiererweisheit: Man beseitigt immer den vorletzten Fehler.

Rafaela 14.07.2017 | 11:38

Verstaatlichen?.. Demokratisieren?.. "Let's by it!" (N. Schneider/Guardian)?..

Sie werfen mit Ihrem Beitrag "Setzen die Netzaktivisten die richtigen Prioritäten?" die vollkommen richtigen Fragen auf. Aber Johnny Haeuslers Antwort darauf (die eigentlich Nathan Schneider im "Guardian" formulierte), ist aus meiner Sicht nicht die richtige. Nicht, weil ich es für unmoralisch und ungerecht halte - das zwar auch - sondern vielmehr, weil der selbe Prozess auf etwas niedrigerer Stufe von vorne beginnt - man hätte so die Logik des Kapitals, statt sie zu durchbrechen, bedient. Das wäre dann statt Greenwashing gewissermaßen mal ein Democracywashing des Kapitalismus.

Die richtige Antwort wäre m.E, solches Privateigentum zu enteignen, um es zu vergesellschaften. Denn so, wie keiner die Luft und das Wasser (und natürlich auch den Boden; die Erde) allein besitzen kann und darf, weil dies' allen gehört, so ist es natürlich dann auch mit den großen Dingen, die die sogenannte Daseinsvorsorge betreffen. Es (be)trifft alte und neue Medien also auch (in einer globalisierten Welt sowieso).

Damit sich etwas ändert i.d.S., wie auch Sie es sicherlich gerne hätten (Demokratisierung; und zwar die Echte, nicht der gegenwärtige Popanz davon), muss man den Eigentümern mit solchen Dingen mindestens seriös und glaubhaft drohen. So lief das ja auch in etwa damals, vor über hundert Jahren, mit Rockefeller und dem Sherman Antitrust Act; die Politik bekam Fracksausen, weil die Leute - sich dem Ausgang links zuwendend - den herrschenden Verhältnissen den Rücken kehrten. Allerdings sieht man an dieser Geschichte ("Als die Aktienkurse nach der Entflechtung in den Keller rauschten, kaufte Rockefeller die billiger gewordenen Papiere auf und wurde erst so richtig zum Krösus.") aber auch, dass es wohl bei Drohung allein letztlich nicht bleiben kann, bzw., der Logik, bzw. Un-Logik, des Kapitals nicht mit Gesetzen oder Verfahren beizukommen ist.

Ist jetzt ganz schön grundsätzlich (und etwas holzschnittartig) erst mal. Aber diese Dinge muss man ja auch beginnen zu besprechen, wenn man tatsächlich etwas nachhaltig ändern möchte, weil man das Gegenwärtige für falsch, ungerecht, kriminell und zerstörerisch hält.

Übrigens würde ich, selbst wenn ich wollte oder könnte, Twitter oder Facebook niemals kaufen (weshalb Haeuslers und Schneiders Idee eben auch nicht gut ist; die sollten lieber über die echten und vorhandenen Alternativen sprechen, auf dass es alle hören). Schon weil sie (FB/Tw) falsch gelabelt sind: Das sind keine "sozialen Netzwerke". Das sind (mal abgesehen von Ihren, sehr richtigen, Zuschreibungen im o.g., externen Beitrag) zunächst einmal fette, mächtige Knoten, technisch enorm zentralisierte Strukturen (ansonsten würden ja Geschäfts-/Bereicherungs-/Ausbeutungsmodelle mit entsprechenden Hierarchien nach Innen wie Außen auch gar nicht funktionieren; schöne Archillesferse übrigens dieser IT-Monster) an denen dann eine Art von Netzen hängt, in denen die Nutzer zappeln, ohne es recht zu bemerken. Echte Netzwerke gehen, wenn sie sozial sein wollen, ganz anders: Immer dezentral. Und die braucht man nicht zu kaufen. Die gibt es schon. Man muss sie nur nutzen.

Wolfgang Michal 14.07.2017 | 18:59

@Harsdorfer

Auch der "Maschinenraum der Expertenwirtschaft" bewahrt offensichtlich nicht vor dem Nebelkerzenwerfen. Niemand vergleicht hier Algorithmen mit Spülmaschinen. Es geht auch nicht darum, ob Algorithmen exakt das tun, was man ihnen einprogrammiert hat. Es geht vielmehr darum, welche Ergebnisse sie im Hinblick auf unterschiedliche Nutzer produzieren. Wenn Sie eine Spülmaschine bestellen, bekommen Sie unter Umständen einen anderen Preis angezeigt als ich etc.pp. Solche Dinge lassen sich ermitteln, und zwar völlig unabhängig davon, ob Herr Gödel ein guter Mathematiker war, zwei mal zwei 4 oder der Quellcode bekannt ist. Wir müssen, wenn schon, dann in den zur Debatte stehenden Kategorien diskutieren.

@Rafaela

Johnny Haeusler bzw. Nathan Schneider werden Twitter nicht alleine kaufen wollen oder können. Natürlich geht es nicht darum, nur den Privat-Besitzer wechseln zu wollen. Haeuslers Aufruf war eine legitime Zuspitzung, um das Thema anzufixen. Leider haben sich seine Kollegen aus der Netzszene aber lieber in Schweigen gehüllt.

Was die Dezentralisierung angeht, so bin ich d'accord, aber was Vergesellschaftung ist (vor allem, wie sie organisiert ist) müssten Sie schon mal ausbuchstabieren. Mit der "Logik des Kapitals" zu argumentieren ist das eine, ein Alternativ-Modell konkret zu beschreiben, das andere.

harsdorfer 14.07.2017 | 20:38

Mit der Spülmaschine haben Sie natürlich vollkommen Recht. Mißverständnis meinerseits, obwohl die wohl nicht ohne rethorischen Grund im Text auftaucht.

Allerdings bleibe ich bei meinem Standpunkt, dass, realiter betrachtet, das Ergebnis der Anwendung eines Computer-Algorithmus eine Zahl ist. Und die muss erstmal interpretiert werden, was i.d.R. Menschen tun. Welche Wirkungen ein Algorithmus hat, ist also eine Frage der Interpretation der Ergebnisse.

Möglicherweise habe ich die "zur Debatte stehenden Kategorien" nicht verstanden. Passiert mir häufiger.

Rafaela 15.07.2017 | 14:22

OK, ich versuche mal, etwas mehr zu buchstabieren (obzwar ich zugebe, dass ich ein schlüssiges Alternativmodell nicht ausbuchstabieren könnte. Dazu fehlen mir das Wissen, die Kompentenz, die Mitstreiter und auch die Zeit - das ist nicht mein berufliches Fachgebiet).

"Natürlich geht es nicht darum, nur den Privat-Besitzer wechseln zu wollen. Haeuslers Aufruf war eine legitime Zuspitzung, um das Thema anzufixen."

Na sicherlich; das war mir schon klar.

Der Ansatz von Johnny Haeusler ist ja nicht grundfalsch oder gar hinterhältig. Aber er wäre m.E. ein halber Schritt in die richtige Richtung, der letzten Endes immer auch ein ganzer Schritt in die falsche sein kann (und traurigerweise meist auch ist - siehe bspw. Geschichte der Sozialdemokratie).

Wenn man also überlegt - im Sinne einer unbedingt notwendigen Demokratisierung solcher Strukturen bzw. eine Unternehmung wie Twitter - das Gebilde "eigentümertechnisch" in so eine Art Kooperative oder Genossenschaft (oder auch in einen gemeinnützigen Verein o.Ä.) umzuwandeln, darf man das große (gesellschaftlich-politisch-ökonomische) Umfeld nicht außer Acht lassen und etwa glauben, damit hätten sich dann grundsätzlich alle Probleme für alle Zeiten gelöst. Welche Unbill in solchen, eigentlich "guten", solidarischen Ansätzen und deren Umsetzungen stecken (mir fällt jetzt nur dieses eine Beispiel ein; es gibt sicherlich viel-viel mehr und auch aktuellere: Neue Heimat) muss man angesichts der herrschenden ökonomischen Verhältnisse immer und sozusagen "auf der Rechnung" haben. Sonst kracht der Schuss nach hinten los.

"Vergesellschaftung" meint in diesem Zusammenhang, dass eine Struktur wie bspw. Twitter eben nicht einzelnen Personen gehört, aber auch nicht einer vielleicht großen Gruppe von Personen, seien diese nun Aktionäre oder Vereinsmitglieder oder Genossen. Es sollte, wenn schon, ausnahmslos allen gehören (und nicht nur denen, die Anteile erworben haben oder Biträge zahlen). Das geht aber nur, wenn man so ein Unternehmen/Struktur jeglicher Kapitalverwertung konsequent entzieht - was, um diesen Einwand vorwegzunehmen, im Augenblick utopisch scheint.

Vielleicht ist, um dem "richtigen Schritt" sich ein wenig weiter anzunähern, es hilfreich, noch einmal zu schauen, wie das z.B. mit GNU/Linux und der GPL gewollt ist und praktisch funktioniert (und wie groß der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist und warum) und ob so etwas teilweise oder auch ganz übertragbar ist auf solche Projekte wie: "Let's buy Twitter". Jedenfalls so lange, wie der doofe Kapitalismus noch existiert, und um währenddessen nicht nur auf der Stelle zu treten mit virtuellen, radikalen Maximalforderungen. Gerne aber doch bereits jetzt schon das Ganze mit etwas mehr Gesellschafts-Utopie aufgeladen, als ich diese in Johnny Haeuslers Vorschlag finden kann (sein Google-Doc zu öffnen verbieten meine Browsereinstellungen - woran ich mich angesichts Google auch halte).
Übrigens: Wenn ein ehemaliger Microsoft-Chef die GPL als "Krebsgeschwür" bezeichnet, liegt man hier bei der Suche nach weiteren und weiter führenden Lösungsschritten vielleicht doch gar nicht mal so falsch...

Rafaela 15.07.2017 | 23:37

Ach so, noch 'n Treppenwitz ist mir eingefallen zu "Mit der "Logik des Kapitals" zu argumentieren ist das eine, ein Alternativ-Modell konkret zu beschreiben, das andere." und meinem darauf bezogenen, vorhergehenden Kommentar von heute, 14:22.

Und der geht so:

Friendica, Hubzilla, Diaspora* & GNU Social. -Twitter?.. Mastodon!

:-)))

Und jetzt schauen Sie sich mal bspw. hier beim "Freitag" die "ab Werk" angebotenen Verlinkungen zu sozialen Netzwerken an. Ein Trauerspiel, das einen Hund samt Hütte jammert angesichts der Alternativen. -Und, hey, wir sind hier nicht bei bild.de, der FAZtazSZsponfocus-online oder so.

Angesichts solch fehlenden publizistischen Supports selbst hier zu den bereits bestehenden Alternativ-Modellen, die nicht nur hinreichend beschrieben sondern bereits programmiert sind und laufen, braucht man doch eigentlich gar nicht mehr weiter großartig über Johnny Twitters große Würfe herumzuhirnen, oder?

Rafaela 16.07.2017 | 22:41

"Warum, glauben Sie, nutzen wir diese Alternativen nicht? Dummheit? Bequemlichkeit? Unwissen? Misstrauen?"

Meine kurze Antwort auf Ihre Frage lautet: Aus Unwissenheit, letztlich. -Soll ich das ausbuchstabieren?..

"Bei Suchmaschinen haben wir ja das gleiche Problem. Und in der Politik im Prinzip auch."

Ja + Ja. -Soll ich auch das noch mal ausbuchstabieren?..

":-)"

Dto. .

(An dieser Stelle auch einmal: Vielen Dank, dass Sie als Autor eines redaktionellen Beitrags den Dialog so beharrlich pflegen; das ist durchaus nicht üblich.)

Rafaela 17.07.2017 | 22:17

Danke für den Link.

Im Einzelnen finde ich das alles richtig und gut, was Pasquale sagt. Und es wäre angesichts der gegenwärtigen Situation schon ein riesiger Schritt, wenn es in der Politik tatsächlich seriöse, beharrliche Bestrebungen gäbe, die Macht dieser Meinungsmonster wenigstens teilweise zu begrenzen, indem man sie wesentlich stärker reguliert, resp., zwingt.

Ich glaube aber nicht (mehr) daran, dass man das auf dem Weg von gesetzlichen Verhaltensvorschriften und/oder mit Formen des liberalen Korporatismus erreichen kann. Theoretisch wäre es da vielleicht effektiver, wenn die Gewinne solcher Unternehmen (und ihrer Ableger) derartig saftig besteuert würden, dass es für solche Hütten betriebswirtschaftlich keinen Sinn mehr ergäbe, sich selbst gigantomanisch aufzublasen. -Bei der Erfindung von Steuern, wenn es um das Geld breiter Bevölkerungsschichten geht, sind die Staaten traditionell ja sehr kreativ. Warum nicht auch mal an dieser Stelle also? (Zusatzschwierigkeit: Das müsste natürlich international geregelt sein.) Na ja, Sie ahnen es bestimmt schon: Daran glaube ich noch viel weniger angesichts der Realitäten (Beispiel groß | Beispiel klein).

Was also tun? Ich finde ja, Steve Ballmer (ehem. MS-Chef) hat mit seiner Krebsgeschwür-Bemerkung, wahrscheinlich ziemlich unfreiwillig, einen wunderbaren Weg gewiesen: Die freien, nichtkommerziellen Alternativen. Diese publik machen, immer wieder, offensiv, laut, sie unterstützen, ideell, materiell, öffentlich, publizistisch, strukturell, daran mitarbeiten (wenn man kann - fast jeder könnte; man muss deswegen nicht programmieren können), sie selbst nutzen, anderen dabei behilflich sein, wann immer es geht. Das kann jeder, der es will. Und keiner müsste so darauf warten, bis die Politik oder sonstwer sich bequemt.

Es wäre allein schon ein Riesending, wenn breite Schichten der Öffentlichkeit überhaupt wüssten, dass es alltagstaugliche, freie, nichtkommerzielle, dezentrale Alternativen auf Augenhöhe (oft sogar darüber) zu den Kommerziellen gibt, sowohl bei den Softwares als auch bei den Diensten...

Rafaela 20.07.2017 | 10:40

Schauen Sie mal hier; eine Krankenschwester und ein Arzt, beide offenbar unter Drogen stehend, die dem siechen Kapitalismus noch ein langes Leben bescheren wollen:

http://www.tagesspiegel.de/politik/digitalisierung-2-0-die-technologie-kann-uns-in-eine-goldene-zukunft-fuehren/20041360.html

http://www.deutschlandfunk.de/report-ueber-die-generation-global-die-neuen-altruisten.807.de.html?dram:article_id=391435

Diese beiden Exemplare hätte der Kapitalismusapologet Jaron Lanier nicht besser klonen können.

Interessant auch, wie sich sogleich die Medien auf so hirnrissiges Zeug stürzen und es verstärken. Warum wohl?..

Angesichts solcher Sachen kommt mir das, worüber wir hier in aller Abgescheidenheit reden in der Relation vor wie das Märchen von Hase und Igel. Und was mir noch auffällt: In welch' rasender Geschwindigkeit sich solche Leute/der Kapitalismus sich die progressiven Begriffe klaut und sie umwertet, auf das die Dinge unkenntlich oder gar in ihr Gegenteil verdreht werden.

Ich glaube, dass es auch deswegen so unglaublich schwer ist, einigermaßen vernünftig über die Dinge zu reden, über welche wir uns beide an dieser Stelle versuchen zu verständigen.

Und ich glaube auch, dass sich Leute wie Markus Beckedahl v.a. deswegen so widersprüchlich und scheinbar paradox verhalten, bzw., warum "die Netzaktivisten" die falschen Prioritäten setzen: Gerät die Tatsache, dass wir diese Diskurse unter den Bedingungen des Kapitalismus führen aus dem Blick, führen wir die Diskussion zu den Bedingungen des Kapitalismus. Heraus kommen dann alle die von Ihnen zu recht kritisierten Paradoxien im Verhalten einer in sich grundsätzlich uneinigen Gemeinschaft, i.d.F. jene der "Netzaktivisten".

Das Phänomen ist aber nicht nur auf diese Gemeinschaft beschränkt, es durchzieht alle echten Diskurse und alle Bereiche aller Gesellschaften. Dieses - fälschlich als Vielfalt oder Pluralismus gespiegelte - babylonische Gestammel erzeugt unterm Strich genau jenes Gefühl der Alternativlosigkeit, welche den Kapitalismus als "Ende der Geschichte" erscheinen lässt (und weshalb "die Leute" letztlich auch nicht "die Alternativen" nutzen können/wollen).