Léon Blum - "Ich habe nie die Macht gesucht"

Ein anderer Politiker "Tous pourris" - alle verfault. So lautet das nicht ganz falsche Standardurteil der Politikermüden. Regeneration tut also not. Man könnte sich an Léon Blum orientieren.
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Léon Blum - "Ich habe nie die Macht gesucht"
Léon Blum – man könnte man sich auch heute politisch gut an ihm orientieren
Foto: AFP/Getty Images

Ich bin Sozialist, seitdem ich erwachsen bin. Ins öffentliche Leben haben mich die Lebensumstände geworfen... Sobald ich mit einigem Erfolg im Parlament arbeitete, begannen die Versuchungen und Bestechungsunternehmen. Wie oft sagte man mir: „Das ist doch nicht seriös. Das ist doch nicht möglich.“ Auch von mir erwartete man die Entwicklung, für die es so viele Beispiele in der parlamentarischen Geschichte Frankreichs gibt... Ich habe sehr wohl gefühlt, dass, um ein „richtiger Staatsmann“ zu werden, vielleicht gar Mitglied einer Akademie, es wenig bedurft hätte: die kurze Zeit des Verrats an denjenigen, die mir immer vertraut hatten.

Diese erstaunlich offenen Sätze stammen aus dem Jahr 1942. Wahrscheinlich würde man sie einem heutigen Politiker auch nicht zutrauen. Und sie wurden vor Gericht gesprochen. Dem Angeklagten wurde nichts weniger vorgeworfen, als durch seine Parteinahme für die Arbeiter die Niederlage Frankreichs gegen Deutschland bewirkt zu haben.

Der neue Machthaber Philippe Pétain persönlich hatte auf Wunsch Hitlers den „Obersten Justizhof“ in Riom (in der Nähe von Vichy) beauftragt, Léon Blum den Prozess zu machen. Er gab auch das „Verbrechen“ vor: Der Geist des Genusses hat über den Opfergeist gesiegt, das Fordern über das Dienen. Man wollte sich die Anstrengung sparen, und heute sind wir im Unglück. Der Prozess begann im Februar 1942. Zu den Mitangeklagten gehörte auch der ehemalige Ministerpräsident und Radikalsozialist Edouard Daladier.

Blum - das "System"

Das Regime von Hitlers Gnaden sah in Blum den idealen Angeklagten. Und als Jude, liberaler Bourgeois, Intellektueller, Marxist und moralischer Sozialist musste dieser das Schlimmste befürchten. Der 1872 geborene Léon Blum war perfekter Repräsentant der republikanischen „Citoyenneté“, einer, der seine Karriere der von der Rechten verhassten Dritten Republik verdankte, ein hochintelligenter Jurist und Staatsrat. Aber auch ein Ästhet, im Habitus Marcel Proust (Jahrgang 1871) ähnlich. Einer, der erfolgreiche Bücher über Goethe und Stendhal schrieb.

Seiner religiösen Mutter verdankte Blum eine Art „kindlichen Sozialismus“, ein unerschütterliches Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Er selbst brachte dies mit dem Judentum in Verbindung: Es ist kein Zufall, dass ein Marx oder ein Lassalle Juden waren. 1897 stellte sich der junge Staatsbeamte in den Dienst der Dreyfusianer (wie Proust), schrieb juristische Kommentare, sammelte Unterschriften. Auch dies sollte ihm nicht vergessen werden. Vichy, so der Historiker Pierre Birnbaum, ist auch die Rache für Dreyfus.

Blum war Feminist avant la lettre. 1907 erschien sein Buch über die Ehe, eine unerbittliche Kritik der bürgerlichen Heuchelei und ein Plädoyer für die sexuelle Emanzipation der Frauen. Die Gegner sahen (wieder einmal) das christliche Abendland in Gefahr. Der rechtsextreme Schriftsteller und Politiker Léon Daudet nannte Blum einen Immoralisten, dem die Sitten und Gebräuche, so wie wir Abendländer sie verstehen, völlig fremd sind. Für andere war Blum einfach der „Don Juan der Synagogen“.

Blum selbst heiratete drei Mal. Die erste Ehe war sehr bourgeois: große Hochzeit, Reise nach Italien, Luxuswohnung. Auch dieser Lebensstil wurde ihm vorgeworfen – diesmal von der Linken. 1911 begann er eine Liaison mit der sozialistischen AktivistinThérèse Pereyra. Es wurde ein Amour fou. Dem stummen Zwang bürgerlicher Ehe- und Liebesverhältnisse aber konnte auch Blum nicht entgehen. Zwanzig Jahre lang führte er ein Doppelleben, aufgefressen von den Sorgen um seine zunehmend kranke Frau, sich gleichzeitig nach seiner Geliebten verzehrend. Die unzähligen Briefe der Beteiligten berühren noch heute. Es gibt auch kein richtiges Liebesleben im falschen. 1932, ein Jahr nach dem Tod Lisas, wurde Thérèse die „Bürgerin Thérèse Léon Blum“. Sie unterstützte den Politiker mit allen Kräften. 1938 starb auch sie, einen völlig verzweifelten Léon Blum hinterlassend. Seine letzte Liebe wurde die Lehrerin Jeanne Levylier. Die beiden heirateten 1943 – ausgerechnet in Buchenwald.

Nach dem ersten Weltkrieg wurde Blum quasi naturwüchsig zum Nachfolger des großen 1914 ermordeten Jean Jaurès. In dessen Tradition lehnte er auch auf dem Parteitag in Tours (1920) den Beitritt zur Kommunistischen Internationale ab:

Welche neue Partei wollt ihr denn schaffen? An die Stelle des Volkswillens, der sich von der Basis stufenförmig nach oben bildet, setzt ihr ein Zentralsystem, das jedes Organ dem jeweils höheren unterwirft. In allen Moskauer Debatten erkennt man die vollständige Reinigung von allem, was bisher die Sozialistische Partei ausmachte.

Die Mehrheit entschied anders. Die Spaltung war vollzogen. Die „Humanité“ (an deren Gründung Blum 1905 beteiligt war) wurde zum Sprachrohr der neuen kommunistischen Partei. Blum gründete – auch mit eigenem Geld – den „Populaire“. Er, der nie offizielle Parteiämter innehatte, wurde endgültig zur führenden Figur des französischen Sozialismus. Allerdings betonte er stets seine Individualität und wahrte seine Unabhängigkeit vom Parteiapparat. In zahlreichen Reden und Artikeln kam er immer wieder auf die Notwendigkeit individueller Freiheit und demokratischer Wahl zurück und äußerte Abscheu vor

einer stets bereiten Schocktruppe, einer revolutionären Berufsarmee, die nicht vor extremer Grausamkeit zurückschreckt und mit einem Flecken von Schrecken und Blut, unauslöschlich wie der von Lady Macbeth, die großen proletarischen Siege beschmutzt.

Als Abgeordneter war er in den zwanziger Jahren gegen die Besetzung des Ruhrgebiets und Anhänger der Verständigungspolitik. Noch 1934 trat er vehement für eine allgemeine Abrüstung ein. Für die Rechten zeigte er sich damit als „Agent Deutschlands“, für die Kommunisten der „kleine Liebling der Bourgeoisie“. Diese doppelfrontale Anfeindung von rechts und links zog sich durch sein Politikerleben.

Chef der Volksfront

1936 wurde er der Mann des historischen Augenblicks. Mit den (verspäteten) Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Frankreich verschärften sich die politischen Auseinandersetzungen. Angesichts der realen nationalen und internationalen Bedrohung durch den Faschismus einigten sich endlich die drei linken Parteien am 14. Juli 1935. Am 13. Januar 1936 wurde Blum von rechtsradikalen Studenten erkannt und brutal zusammengeschlagen. Drei Tage später fand eine riesige Solidaritätsdemonstration mit Thorez und Daladier, den Führern der kommunistischen und der radikalen Partei statt. Der „Vendredi“ (Freitag) druckte eine Adresse des Schriftsteller Guéhenno an Blum: Diese Männer (die Schläger) hassen an Ihnen, was sie an Jaurès hassten: die Vernunft. Die rechtsradikale „Action francaise“ hingegen schrieb:

Léon Blum ist ein dicker Bourgeois und Ex-Beamter, mit Pensionen vollgestopft, der sich mit großen Geschäften abgibt und Profite vom Staat und Kapitalismus bekommt. Dieses barbarische Asien, diese Horde, macht uns keine Angst.

Die Wahlen zur Nationalversammlung im Mai 1936 sahen die KP und den PS als klare Gewinner. Blum konnte die Volksfront formen:

Ich weiß nicht, ob ich die Qualität eines Führers in einer solch schwierigen Schlacht habe... Aber es gibt etwas, was mir nie fehlen wird: Entscheidungswillen, Mut, Treue.

Der Front populaire wurde auch eine Bewährungsprobe für die Theorie und Praxis des demokratischen Sozialismus. Blum deutete in seiner Regierungserklärung mehrmals an, welche fast unüberwindbaren Schwierigkeiten zu meistern waren. Aber es war eine einmalige Chance.

Und in der Tat steht der Sommer 1936 für eine historische Zäsur. Die Möglichkeit einer sozialistischen Republik im parlamentarischen Rahmen schien auf. Massenstreiks und Fabrikbesetzungen (die diesmal nicht vom Staat unterdrückt wurden) zwangen die Unternehmer zu weitreichenden Zugeständnissen. Im Sommer 1936 genossen die Arbeiter erstmalig den bezahlten Urlaub. Der Gewerkschaftler Julien Racamond urteilte: Es war, als ob sie einen Grabstein gehoben hätten und endlich das Licht erblickten. Tausende Postkarten erreichten den „Bürger“ Blum mit dem Tenor: Vive les vacances de M. Léon Blum!

Waffen für Spanien?

Doch schon im Juli bedeutete die Frage der militärischen Unterstützung der spanischen Republikaner gegen Franco eine neue Probe. Blum, der in seiner Regierungserklärung vom 6. Juni immer wieder den Friedenswillen des französischen Volkes betont hatte (nach den Erfahrungen des 1. Weltkrieges), musste sich schnell entscheiden, was dem vernunftorientierten Intellektuellen nicht leicht fiel. Akzeptierte er zunächst die Lieferung von Bombern und schweren Waffen an die spanische Republik, schloss er sich bald der nicht-interventionistischen Position der konservativen Regierung Großbritanniens an. Die Grenze zu Spanien wurde sogar geschlossen, zumindest vorübergehend. In der legendären Lunapark-Rede an die Mitglieder der sozialistischen Partei, drei Monate nach der Regierungserklärung, versuchte Blum eine Rechtfertigung:

Ihr wisst doch, dass ich mich nicht verändert habe und dass ich derselbe geblieben bin!

Auch wenn er die klandestine militärische Unterstützung der Republikaner duldete, seine angebliche Feigheit wird ihm bis heute zum Vorwurf gemacht. Blum sei halt eine „schöne Seele“, dem die Niederlage der Republikaner zwar das Herz zerrissen, der aber objektiv das spanische Volk verraten habe. Andererseits: sein dritter innenpolitischer Partner, der pazifistische Parti radical Daladiers, war gegen eine Intervention. Eine massive Waffenlieferung würde die Volksfront gefährden und damit den antifaschistischen Kampf in Europa schwächen. Bündnispolitisch war man – wie der Weltkrieg gezeigt hatte – von England abhängig. Militärisch konnte und wollte man keinen europäischen Krieg riskieren. Wie hoch war das Bürgerkriegsrisiko in Frankreich? Waren alle Generäle republiktreu? Wieder andererseits: unterschätzte Blum nicht die Entschlossenheit Hitlers und Mussolinis? Eine interessante Episode aus dem Jahre 1938 – Blum hatte noch einmal kurz das Ministerpräsidentenamt übernommen – zeigt das Dilemma. Wieder ging es um die Frage der militärischen Unterstützung. Der Militärrat (darunter Pétain!) sprach sich dagegen aus. Blum rief den Militärattaché in Spanien, Oberst Morel, zu sich, der – obwohl selbst Mitglied der Action française - für eine französische Intervention plädierte. Unter vier Augen sagte er Blum: Ein König hätte den Krieg geführt. Er zeigte damit die objektiven Schwierigkeiten einer auf Kompromisse basierenden Demokratie auf. Kann man Blum vorwerfen, dass Kriegszeiten keine guten Zeiten für Demokratien sind? Zumal Blum eine gewisse Scheu vor der Macht hatte. Schon 1926 hatte er prinzipiell die demokratische „Machtausübung“ von der diktatorischen „Machtergreifung“ (von rechts oder links) unterschieden.

Dieselbe Zerrissenheit zeigte sich nach dem Münchener Abkommen 1938. Blum war zunächst skeptisch, dann stimmte er zu und kritisierte schon bald danach die Appeasementpolitik. Sein politischer Gegner und spätere Mitgefangene, der Konservative Georges Mandel, war diesbezüglich konsequenter und forderte ein militärisches Vorgehen gegen Nazideutschland.

Selbst in eigentlich selbstverständlichen Fragen zeigte sich das Dilemma. Natürlich war Blum für das Frauenwahlrecht und das Recht auf Schwangerschaftsunterbrechung. Doch blockierten im ersten Fall die Radikalen, weil sie den Einfluss der Klerikalen auf die Frauen fürchteten. Und im zweiten konnte die kommunistische Partei sich nicht von ihrer „natalistischen (und homophoben) Wende“ (1934/35) lösen. Sie wollte gebärwillige junge Proletarierinnen. Noch immer bestimmte Stalin, wie die französischen Kommunisten dachten.

Die „schöne Illusion“ der Volksfront(Pascal Ory) währte nicht lange. Das Kapital floh. Viele Unternehmer verschleppten die Durchführung der Sozialgesetze. Die Arbeitslosigkeit nahm zu. Die Inflation ließ die Bevölkerung verarmen. Es kam wieder zu Streiks. Im März 1937 schoss die Polizei in Clichy in eine linke Demonstration. Die kommunistische Partei ging endgültig auf Oppositionskurs. Ebenso die radikale Partei – aus anderen Gründen. Damit war der Rückhalt in der Arbeiterklasse und in den Mittelschichten verloren. Der sozialistische Impetus war gebrochen, urteilt der Historiker Ian Kershaw. Léon Blum war gescheitert. Haben also die zahlreichen Kritiker recht? Ist eine soziale Revolution durch Reformen nicht möglich?

Blum wurde wieder zum Feind – nicht nur der Rechten, sondern auch der Kommunisten. Charles Maurras, der Führer der Action française, hatte schon 1935 gefordert: Blum ist zu erschießen, und zwar in den Rücken. Für viele Rechte galt: „Lieber Hitler als Blum!“Und nun hielt es Blums ehemaliger Verbündeter, der Kommunist Thorez, im Februar 1940 für nötig, neben vielem anderen (auch antisemitischen) Diffamierungen und Halbwahrheiten in einer Broschüre der Kommunistischen Internationale auch dieses zu kommunizieren:

In Blum steckt die Grausamkeit von Pilsudski, die Wildheit von Mussolini, die Feigheit, die Bluthunde wie Noske schafft und den Hass Trotzkis gegen die Sowjetunion. Die Arbeiterklasse kann dieses moralische und politische Monster nur an den Pranger nageln.

Thorez schrieb dies ein halbes Jahr nach dem Hitler-Stalin-Pakt. Die kommunistische Partei war verboten worden. Viele Aktivisten saßen im Gefängnis. Man machte auch Blum (fälschlicherweise) dafür verantwortlich. Er sei „Bellizist“, ein Vertreter der imperialistischen französischen Bourgeoisie, die den Krieg gegen Deutschland wolle. Wie manche (bei weitem nicht alle) Kommunisten dachten, zeigt eine „Humanité-Soldat“-Ausgabe vom Juli 1940. Der Autor freut sich:

Es ist besonders erfrischend und tröstlich zu sehen, dass zahlreiche französische Arbeiter sich mit den deutschen Soldaten unterhalten.

27 inhaftierte kommunistische Abgeordnete – sie hatten zum Frieden mit Nazi-Deutschland aufgerufen – schlugen sogar vor, beim Prozess gegen Blum zu dessen Ungunsten auszusagen. Das Gericht reagierte nicht.

Galt also auch hier: „Lieber Hitler als Blum“? Gab es auch eine „revolutionäre Kollaboration“?

Würde und Verfolgung

Am 10. Juli 1940 erlebte Blum, wie sich die Mehrheit der Abgeordneten seiner Partei dem neuen Regierungschef von Pétains Gnaden, Laval, anschloss und für die Ermächtigung Pétains stimmte.

Fassungslos verließ er den Saal durch die Hintertür, um den Beleidigungen der wartenden Masse zu entgehen. Am 15. September wurde er (wie andere führende Politiker der Dritten Republik) verhaftet.

Blum. die Symbolfigur des Front populaire, wurde über ein Jahr lang in kalten Burgen und Festungen im Nirgendwo festgehalten. Der Prozess begann schließlich im Februar 1942. Der Staatsanwalt fasste die Anklagepunkte zusammen: Schwächung der nationalen Verteidigungskraft durch das neue Arbeitsrecht, die Verstaatlichung der Waffenindustrie und die Duldung der Fabrikbesetzungen. In Wirklichkeit hatte 1936 die Blum-Regierung Kredite für die Waffenmodernisierung aufgenommen (auf Kosten von Sozialmaßnahmen). In seinem Plädoyer drehte Blum den Spieß um (wie vor ihm schon Daladier). Mit Ironie und juristischem Scharfsinn nahm er die Vorwürfe auseinander und folgerte:

Die Anklage gegen mich hat, wie soll ich es sagen, einen indirekten, einen sekundären Charakter, um genau zu sein, einen konditionalen Charakter.

Indirekt klagte er das Vichy-Regime an:

Wir waren damals in einer Republik. Ich war republikanischer Minister und habe die Prinzipien der Republik befolgt und meine Pflichten als republikanischer Minister erfüllt.

Das zweitägige Plädoyer vor recht hilflosen Reichtern und Anklägern wurde immer mehr zu einem Plädoyer für die Politik der Volksfront inklusive einer Lektion in politischer Ökonomie zur Begründung der Arbeitszeitverkürzung. Es endete grandios:

Wenn man uns sagt „Sie waren im Unrecht. Sie hätten anders handeln müssen“, sagt man uns damit, wir hätten den vom Volk ausgedrückten Willen brechen und verraten müssen. Wir haben ihn nicht verraten. Wir sind ihm treu geblieben.Und nun, meine Herren, ist diese Treue mit grausamer Ironie zum Verrat geworden. Dennoch besteht unsere Treue weiterhin, und sie wird Frankreich in einer Zukunft nutzen, auf die wir weiterhin hoffen. Und dieser Prozess gegen die Republik hilft, diese Zukunft vorzubereiten.

Der Prozess kam ins Stocken. Trotz Zensur wurden die Plädoyers verbreitet. Die Vichypresse schäumte:

Französischer Arbeiter... Schüttele sie endlich ab, alle die Blums, die auf deinen Schultern hängen und dein Blut wie Zecken oder Flöhe saugen. Das ist nicht französisch! Das ist das Getto, und das hasst dich! (Jules Blacas)

Mussolini und Hitler verlangten das Ende des Prozesses, der tatsächlich im April suspendiert wurde. Blum verblieb in Festungshaft. Er machte sich Sorgen um das Schicksal seiner Geliebten und musste erfahren, dass der „Besitz des Juden Léon Blum“ versteigert worden war. Ende März 1943 deportierten ihn deutsche Soldaten nach Buchenwald. Die nächsten zwei Jahre verbrachte er als politische Geisel in einem kleinen Forsthaus neben dem Konzentrationslager. Nach Intervention des Vichypolitikers Pierre Laval konnte er Jeannot heiraten (und vor der Deportation bewahren). Bis zum Ende aber herrschte Ungewissheit, ob er nicht doch ermordet würde. Er gehörte zu denen, die in der Sprache Goebbels' dem Pétain-Ministerpräsidenten Laval „angeboten“ wurden. Er kann sie als Geisel erschießen. Nach der Ermordung eines Vichyministers durch die Résistance wiederfuhr genau dies Mitgefangenen und (mittlerweile) Freund Georges Mandel. Goebbels kommentierte zufrieden in seinem Tagebuch (16.7.1944): Den ehemaligen französischen jüdischen Innenminister Mandel hat sein verdientes Schicksal ereilt.

Trotzdem definierte Blum in Erwartung desselben Schicksals die folgende Maxime für die Zeit nach der Befreiung:

Entfernt aus dem öffentlichen Leben, ja, auch aus dem nationalen, alle Unwürdigen, aber hütet euch vor der Rache. Verhindert nicht die nationale Versöhnung... Die Nächte des Vierten August sind kurze Sommernächte, und dann kommt dieser Moment nie wieder. Ich fürchte, dass ein falscher Jakobinismus euch dem wirklichen revolutionären Geist entfremdet...

Schließlich – nach einer langen Irrfahrt in einem SS-Konvoi - wurde das Paar im April 1945 in Südtirol von italienischen Partisanen und US-Soldaten befreit. Als Zeuge im Pétain-Prozess fasste er seine Leidenszeit knapp zusammen:

Am 15. September verhaftet. Von Pétain verurteilt. An Deutschland ausgeliefert.

Blum und der Primat des Politischen

Die Gefangenschaft hatte seine moralische und politische Position gestärkt, obwohl er selbst seine Verfolgung angesichts des Leidens von Millionen anderer relativierte. Von De Gaulles autoritären Vorstellungen distanzierte er sich schnell. Genauso wehrte er sich gegen jede Zusammenarbeit mit den Kommunisten (Sie haben der französischen Demokratie den Krieg erklärt) und plädierte für eine „Dritte Kraft“, bestehend aus den Sozialisten und den aus der Résistance hervorgegangenen Christdemokraten (MRP). Sein Ziel: Verbesserung der Arbeits- und Lebensverhältnisse der Arbeiter („bis zur Grenze der Möglichkeiten der französischen Ökonomie“), Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften, dies aber bei Bewahrung der „demokratischen Souveränität“, Die Mehrheit seiner Partei folgte jedoch dem orthodoxen Marxisten Guy Mollet. Blum selbst hatte sich vom deterministischen Marxismus entfernt und betonte noch stärker als früher die moralische Verantwortung der Individuen, eine Art „Altershumanismus“ (Jacques Julliard). Und wieder machte man ihm den Vorwurf des Arbeiterverrats. Der Kalte Krieg hatte begonnen. Er konnte an alte Feindschaften anknüpfen.

Im Frühjahr 1946 war Blum Mitglied einer Delegation, die in den USA eine Art Marshallplan für Frankreich aushandelte (Blum-Byrnes-Abkommen). Das Wallstreet-Journal hatte getitelt: „Karl Marx beim Weihnachtsmann“. Nach einem kurzen Intermezzo als Ministerpräsident (Sylvesterkabinett 1946/47) zog er sich aus der offiziellen Politik zurück. Weiterhin aber setzte er sein politisches Gewicht ein, zum Beispiel bei der Zustimmung Frankreichs in der UNO zur Schaffung des Staates Israel. Am 30. März 1950 erlitt er in seinem Haus in Jouy-en-Josas einen Herzinfarkt. Dem Trauerzug folgte das Paris der Arbeiter, Sozialisten und Gewerkschafter. Die Führung der kommunistischen Partei blieb vielsagend fern.

Mit Blum war eine der zentralen Persönlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestorben. Und trotzdem spielt er im Pantheon der Erinnerung eine viel geringere Rolle als z.B. De Gaulle. Der konnte sich als der Präsident aller Franzosen inszenieren, als Held der Résistance, als Beender des Algerienkriegs. Blum zog (und zieht) mehr Hass auf sich. Die Kommunisten nahmen dem Bourgeois und Intellektuellen nie das aufrichtige Engagement für die Arbeiterklasse ab, die Rechten bekämpften in Blum den Sozialisten, Juden und großen Freund der zionistischen Sache. Auch dies wirkt nach und ist bei Bedarf abrufbar.

In diesem Kontext ist es bemerkenswert, dass auch die Erinnerung an die Volksfront 1936, an ihre bemerkenswerte Kultur, zu verblassen scheint. Wer „en marche“ ist, schaut nicht so gern zurück. Wer soziale Errungenschaften für obsolet erklärt, mag nicht fragen, wie diese erkämpft wurden, sondern höchstens, wie man sie bekämpft. Dafür benutzt man um so lieber das 20. Jahrhundert als „Gedenkstätte“ (Tony Judt). Durch die Hegemonie des neoliberalen Denkens haben die (neuen) Politiker nie gelernt, im eigentlichen Sinne politisch zu denken. Wieder einmal lassen sie ihr Handeln vom "Das ist nicht seriös, das ist nicht möglich", bestimmen. Sie sollten (auch) bei Blum in die Lehre gehen.

Zu lernen wäre auch von der immensen menschlichen Leistung Blums vor den Richtern im Hermelin 1942. Da steht ein hochintelligenter Politiker, der, obwohl er das Schlimmste befürchten muss, die Prinzipien der Demokratie und des Sozialismus verteidigt, einer der sich manchmal schwer geirrt hat, was allerdings oft nur in der Retrospektive deutlich wird, aber einer, der nie wissentlich den Souverän betrogen hat. 1941, schon in Gefangenschaft, definierte er seine Maxime als Politiker:

Wir arbeiten in der Gegenwart, nicht für der Gegenwart.

Es ist aber zu befürchten, dass zu vielen dem smarten Emmanuel Macron nacheifernden Politikunternehmern das fehlt, was Léon Blum ausmachte. In einem Gespräch mit dem Journalisten Louis Lévy kurz vor seinem Tod fragte dieser, warum Blum nie den Wunsch nach der Macht und ihrem süßen Geschmack empfunden habe. Blum antwortete:

Ach, sehen Sie, Louis, ich bin doch kein Staatsmann. Ich bin ein Amateur.

Ein Amateur ist ein Liebender.

Pierre Birnbaum, Léon Blum. Un portrait. Paris 2017 (am. 2014)

Ilan Greilsammer, Blum, Paris 1996

Julia Bracher (Hrsg.), Léon Blum face à Vichy. Paris 2012

Jacques Julliard, Les Gauches francaises. Figures et paroles. Paris 2012

15:44 11.07.2017
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