Schaffen wir das Irreversible

Optimismus Eric Hazan & Kamo beschreiben die ersten revolutionären Maßnahmen nach einem erfolgreichen Aufstand. Sie glauben tatsächlich an den Erfolg der Mühen der Ebenen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Viel lassen wir uns bieten. Eigentlich alles. Und das, obwohl wir wissen: der "demokratische Kapitalismus", der uns so zusetzt, wird über kurz oder lang sein Demokratisches abwerfen wie eine sich häutende Schlange. Und dabei wir sind schon froh, wenn die bescheidenen Errungenschaften des Sozialstaats nicht über Bord geworfen werden, wenigstens nicht so schnell.

In der Regel wird das verdrängt. Manchmal allerdings platzt uns der Kragen. Dann sind wir gegen das gerade angesagte Böse: den Euro, die Große Koalition, die Bonzen, die Kinderschänder, die Rumänen, die Oligarchen, gegen Putin sowieso. Ganz Schlaue wie Wolfgang Pohrt singen zynisch das Hohelied des Kapitalismus. Die (deutsche) Linke findet es links, ein "Korrektiv" desselben zu sein. Und gerade die jüngsten Ereignisse in Kiew bestätigen: Es gibt keine ernsthafte Attacke auf Staat und Gesellschaft. Was ist das für ein Aufstand, der das einst alte Regime zum neuen macht?

Über wirklich revolutionäre Maßnahmen haben sich die bekannten Autoren Eric Hazan und Kamo in einem Büchlein Gedanken gemacht (1).

Ihr Urteil über die gegenwärtigen alternativen Akteure lautet kurz und bündig: Die extreme Linke ist ein Fossil. Die (französische) Linkspartei bietet außer der Marseillaise nicht allzu viel. Die Occupy-Bewegung hat nur wenig bewegt, und das einzige Verdienst der neuen "Idee des Kommunismus" (Badiou u.a.) ist, den immer noch Angst erzeugenden Begriff Kommunismus wieder salonfähig gemacht zu haben (Schauder inklusive?). Die Sozialdemokratie ist den Autoren noch nicht einmal eine Erwähnung wert. Die letzten Monate zeigen überdeutlich, warum. Kurz: Von und mit ihnen ist keine bessere Welt zu erwarten. Doch! die beste aller möglichen, würden diese entgegnen. Manche glauben dies sogar.

Und trotz alledem (schon wieder? denkt der Leser): Auch im Frühjahr 1789 ahnte keiner etwas vom kommenden revolutionären Sommer . Die Revolution liebt es nämlich, unerwartet einzutreffen (das Pünktliche rekonstruieren die Historiker). Und dann geht es in der Regel ganz schnell (Kiew hat es unter anderen Vorzeichen gezeigt): der komplette Machtapparat "evaporiert". So war es 1789, 1848, 1917-19, 1968, 1989 . Und so geschah es auch im Arabischen Frühling.

Allerdings beginnt alsbald in jeder dieser Revolutionen jener Danse macabre: Volksrevolution - provisorische Regierung - Wahlen - Reaktion - Repression. Ein "infernaler Zyklus", so die Autoren. "Il est bien court le temps des cérises". Nur kurz ist sie, die Zeit der Kirschen, lautet der traurige Refrain des Kommunardenliedes. Den Revolutionären bleibt nur die Erinnerung, oft die Verklärung. Dann erzählt der rote Großvater.

Was folgt daraus für die kommenden Aufstände? Seien wir optimistisch und lernen wir aus der Geschichte. Schaffen wir das Irreversible! schreiben Hazan/Kamo im Elan der 68er. Und dies sofort. Mögliche "Pfade" dorthin stellen sie im Hauptteil des Büchleins dar. Dabei sind ihre unerwähnten Guides die Utopisten, Frühsozialisten und Anarchisten, aber auch - erstaunlich (?) - ein Robespierre.

Der Morgen danach

Der Aufstand war also erfolgreich. Die "fundamentale historische Wahl" (Immanuel Wallerstein) ist erfolgt, und Aragons "Les lendemains qui chantent"sind tatsächlich Fakt. Nun gilt es Hazan/Kamo zufolge, den "infernalen Zyklus" zu verhindern. Und das heißt, eben keine provisorische Regierung zu akzeptieren, keine Nationalversammlung zu wählen. Die Geschichte zeige, dass die Bevölkerung in dieser Situation immer das Bekannte, das Moderate wählt. Und später einen Diktator, möchte man ergänzen. Dann wird nicht mehr gewählt. Zumindest nicht alternativ.

Essentiell sei es, die alte Staatsgewalt mit sanfter Gegengewalt zu "zerstreuen": sie ihrer (Netz-)Kommunikation, ihrer geliebten Dossiers, der Pläne B und C in den Schubladen, ihrer Konferenzen und Medienkontakte zu "berauben". Man muss sie buchstäblich sprachlos machen. Jules Vallès beschreibt dies übrigens sehr schön in seinem Commune-Roman:

Ferry und Gambetta erschienen. Und patati, patata, im Namen des Vaterrrlandesss, der Pflichttt... aber wir hielten kalt und hart dagegen. Sie wussten schließlich keine Antwort mehr. Also drohten sie... (L'Insurgé)

Auf die Frage, wie die bisher Herrschenden technisch zum Verstummen gebracht werden können (und zwar nur technisch!), gehen die Autoren nicht ein. Das Smartphone wegzunehmen, reicht wohl kaum. Wichtiger ist ihnen allerdings, dass die bisherigen Regierungsarbeitsplätze weiterhin unbesetzt bleiben - auch und gerade von den Revolutionären (einem Marxisten sträuben sich hier natürlich die Haare, ein Orwell würde heftig nicken). Die Gebäude des Machtapparats und die Luxushotels werden wie in Barcelona 1936 zu Tagesstätten, Kantinen, Ateliers ... irgendwie Schulen der Solidarität. Die "sozialen Paläste" der Utopisten klingen nach (oder vor?).

Das Sterben der Arbeit

Zur Schaffung der Irreversibilität gehört die Abschaffung der "klassischen", der abstrakten Arbeit. Denken und sprechen wir nicht mehr, so Hazan/Kamo, in den "widerwärtigen Kategorien des Arbeitsmarktes". Die Notwendigkeit, seine Haut zu verkaufen, "um sein Leben zu verdienen", gilt nicht mehr. Ein sehr schwieriger Lernprozess muss einsetzen:

Die Abschaffung des Kapitalismus ist vor allem die Abschaffung der Ökonomie, das Ende des Messens, des Imperialismus des Maßes...Sie kann nicht dekretiert werden, sondern ist etwas, was sich im Kontakt mit dem Nächsten aufbaut.

Gelebte Praxis baue historisch eingeschriebene Ängste (langsam) ab. Der Geldfetisch (Robert Kurz) "west" jedoch weiter. Die Angst vor dem Chaos ist real. Die Übergangsphase ist mit Wallerstein nicht immer "eine Diskussion unter Chorknaben". Jedoch werden diese Besorgnisse mit dem Überflüssigwerden des Geldes verschwinden. Mit der ubiquitären Verfügbarkeit der Lebensmittel, so die ziemlich alte Idee, verschwindet das Bedürfnis nach Eigentum. Damit wird das ebenfalls ziemlich alte Dogma des angeborenen Strebens nach immer mehr geldwertem Besitz für alle erfahrbar widerlegt. Das bedingungslose Grundeinkommen ist in diesem Kontext für die Autoren auch nur eine "falsche gute Idee".

Hazan/Kamo wissen, dass ihre Auffassung, die Arbeit sei eben nicht das Lebenszentrum, dem "gesunden" Menschenverstand" widerspricht. Zu stark war bisher die strukturelle Gewalt der Arbeitsverhältnisse, die Angst vor der Prekarität, vor der Deklassierung. Hazan/Kamo setzen dem die These von der kontinuierlichen Abnahme der notwendigen Arbeit entgegen, bedingt allein schon durch das Verschwinden der Arbeitsmasse, die dem "Imperativ der Knechtschaft" diente. Die sich reproduzierende Bürokratie löst sich auf. Es besteht kein Bedarf mehr an all den Zielabsprachen, Normenerfüllungen, Evaluationen, Kontrollen, Kalkulationen, die uns im Kapitalismus piesacken. Und kein Bedarf - so möchte man ergänzen - am Manipulieren, Unterdrücken, Richten, Wegsperren, Töten...Wenn nur die entsprechenden Vollstrecker dies einsehen würden, denkt man als Leser. Charaktermasken pflegen zur zweiten Haut zu werden.

Arbeit, so die Autoren, wird nicht mehr verdinglicht sein. Natürlich wird es weiter auch mühseliges Tun geben. Morus fand hier bekanntlich die "Problemlösung" der Sklavenarbeit, beim Schlachten zum Beispiel. Hazan/Kamo glauben diesbezüglich an die temporäre Freiwilligkeit aller. Es gehe schließlich um "meine" Kommune, "mein" Viertel, "unsere" Stadt, "unsere" Region.

Und die Macht?

Spätestens hier werden Platoniker und Leninisten verächtlich abwinken, zumal die Autoren auch noch das Ende des Staates proklamieren. Allerdings können Hazan/Kamo auf die historischen Erfahrungen verweisen: die konter-konterrevolutionäre Gewalt wurde stets selbst konterrevolutionär. Und sei es, weil sie die Chaos genannte Unordnung nicht erträgt und diese zentralistisch-bürokratisch bekämpft.

Zur Irreversibelisierung gehört die "Wiederherstellung" der Autonomie der Menschen in ihrer unmittelbaren Existenz. . Nur auf der Ebene der Dörfer und der Viertel könne sich eine neue kollektive Existenz aufbauen (nicht aufgebaut werden!). Dies bedeutet aber keine Tabula rasa mit der Vergangenheit, sondern im Gegenteil ein Anknüpfen an die unterschiedlichen historischen Erfahrungen (Hazan/Kamo erwähnen die Pariser Sektionen 1793 und die brasilianischen Quilombos). Hazan/Kamo nähern sich hier der Konzeption Jean-Claude Michéas: einziger Weg aus der "Sackgasse Adam Smith" sei die Fortentwicklung der "Common Decency" in kleineren Assoziationen.

Die Geschichte der Revolutionen zeige auch, dass der parlamentarische Formalismus nur schädlich sei. Die Fälle, in denen wirklich zwischen zwei festgefahrenen Optionen zu wählen ist, seien ziemlich selten. Wenn eine Abstimmung jedoch notwendig sei, gelte, so die Autoren in anarchistischer Tradition, die öffentliche Abstimmung. Die Autoren zitieren Robespierre:

Überlassen wir die geheime Abstimmung den Verbrechern und den Sklaven: die freien Menschen (Robespierre dachte "natürlich" an freie Männer) wollen, dass das Volk Zeuge ihrer Ideen ist.

Das setzt allerdings eine in der Tat freie Assoziation voraus, ein "soziales Netz", das das Internet nicht bieten kann (das für den Aufstand unerlässlich ist):

Niemals wird ein System, in dem man nicht weiß, wer spricht, in dem die Meinungen keine Konsequenz für den Meinenden haben, kurz, in dem man alles und nichts verbreiten kann, das Palaver ersetzen, den Kontakt der Augen und Hände, der gemeinsam getrunkenen Gläser, den Enthusiasmus und den Streit, die wirklichen "sozialen Beziehungen".

Das klingt nach der Sozialromantik des 19. Jahrhunderts und nach Degenhardts Tisch unter Pflaumenbäumen. Aber die Autoren bleiben nicht nur im Allgemeinen. So entwerfen sie eine interessante konkrete Utopie am Beispiel des Krankenhauses (der heutige Autor und Verleger Hazan war früher Krankenhausarzt). Sie erkennen dabei auch, dass der regionale und nationale Rahmen in bestimmten Fragen zu transzendieren ist. Die Enteignung der transnationalen Pharmakonzerne ist notwendig, aber nicht hinreichend. Bei der Schaffung von Irreversibilität ist man hier auf Spezialisten angewiesen, die aber sorgfältig auszuwählen und zu kontrollieren sind (Ja, ja ... die 3. Feuerbachthese). Ähnliches gilt z.B. natürlich auch bezüglich der großen (Atom-)Energiekonzerne.

Zur Vermeidung der historischen Fehler ist das erste Gebot jedoch das Vermeiden des Bürgerkriegs, des "Kampfes auf Leben und Tod" (Wallerstein). "Sie wussten keine Antwort mehr. Also drohten sie", schrieb Vallès. Auch die Autoren sprechen von der "traurigen Passion der Rache". Darum werden die Gefängnistüren nicht erneut geöffnet. Sie empfehlen nach antikem Vorbild das Vergessen der Verbrechen und ironisieren:

Zu sehen, dass die Kommissariate von einst Tonstudios, die Jachten Segelschulen für Schüler geworden sind, dieses schöne Schauspiel wird alle Ressentiments zerstreuen.

Keine kollektive Bestrafung also, sondern reale Freiheit der anders Denkenden. Dazu gehört die freie Meinungsäußerung. Die Medien werden für alle geöffnet:

Wir werden es lernen, die Bastelei, die Imperfektion, das Heteroklite zu akzeptieren. Und wir werden sie nicht zurückwünschen, die Stimmen der Oberklasse, die platte Heuchelei, die glatten grauen Kommentare, die idiotischen Spiele, die heute unsere "Medienlandschaft" bilden.

Ist der Freitag in diesem Sinne revolutionär?

"Le temps presse, pressons le pas." Die Zeit eilt. Beeilen wir uns! Mit diesem beschwörenden Satz beenden Hazan/Kamo ihr Büchlein. Nicht à la 68, nicht als Avant-Garde, sondern als Kämpfer gegen den "Pessimismus der Vernunft" (Gramsci):

Sich organisieren, heißt Gruppen in subversiver Konstellation sich entwickeln zu lassen, im Spiel der Freundschaft, der geteilten Hoffnungen, der gemeinsamen Kämpfe, vom Nächsten zum Nächsten.

Natürlich ist all dies utopisch, anarchistisch, sozialromantisch und unverbesserlich optimistisch. Auch dem Autor dieser Zeilen fallen 'zig Gegenargumente zu den manchmal sehr allgemeinen ökonomischen und politischen Vorstellungen der Autoren ein. Und trotzdem: Zum "Courage d'être utopique" (Serge Halimi), dem Mut utopisch zu sein, gibt es wohl keine Alternative. Die Autoren schreiben in Richtung Kritiker:

Manche werden hinter unseren Ideen senile Nostalgie oder die dumme Exaltiertheit der Jugend sehen, wie's beliebt ... Wir sind jedoch sicher, viel realistischer als alle anderen zu sein.

Oder ist es realistisch, weiterhin der "neoliberalen Utopie eines reinen und perfekten Marktes" (Bourdieu) zu folgen? Und sei es als Korrektiv?

(1) Eric Hazan & Kamo, Premières mesures révolutionnaires. Paris 2013 (La fabrique éditions)**

19:48 27.02.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare 16