Wie die Tiere?

Geschichte der Animalität Mit seinen Studien zur politischen Geschichte der Tiere im revolutionären Prozess erweitert Pierre Serna nicht nur die Kenntnisse. Er schärft auch den politischen Blick.
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Wie die Tiere?
"Die Tiere sind zunächst noch Metaphern, dann Synonyme, Homonyme, und schließlich ersetzen sie die reale Person."
Foto: Mladen Antonov/Getty Images

10. Prairial des Jahres VI (29. Mai 1798). Im „Jardin des Plantes“ haben die wissenschaftlichen Mitarbeiter ihre Pulte und Schreibutensilien schon im Morgengrauen aufgebaut. Hinter Büschen versteckt harrt ein komplettes Orchester auf seinen Einsatz. Sie alle warten auf Hans und Marguerite, die beiden Elefanten der Ménagerie. Endlich soll die wissenschaftliche Frage gelöst werden: Wie kopulieren Elefanten? Und vor allem: In welcher Position? „Menschlich“ oder „tierisch“? Die Musik setzt ein: Gluck, Rameau und Rousseau. Marguerite gerät tatsächlich in Wallung: Das Weibchen hielt nicht länger an sich. Es näherte sich dem Männchen, ihre Ohren schlugen extrem schnell gegen seinen Kopf...,berichtet Georges Toscan, Bibliothekar des neu gegründeten Naturmuseums. Allein, bei Hans ist keine Regung erkennbar. Da ertönt das Revolutionslied Ah ça ira! Ça ira! Les aristocrates à la lanterne! Ergebnis: eine staatsbürgerliche Erektion, aber nur solange, wie das Horn bläst. Die Instrumente müssen wieder eingepackt werden. Marguerite regt sich ab. Hans futtert Heu. Und ein Rätsel bleibt weiter ungelöst.

Das Animal-Citoyen

Die Geschichte ist gut gefunden, aber wahr. In (post)revolutionären Zeiten wird auch das Reproduktionsverhalten der Tiere politisch. Die Elefantin Marguerite erinnert ihren Gatten in republikanischer Derbheit an seine staatsbürgerliche Pflicht. Dessen Libido ist aber irgendwie noch sansculottisch geprägt. Mit klassischer Musik geht gar nichts, mit revolutionärer ein bisschen.. Die Episode zeigt zudem eine besondere, fast respektvolle Aufmerksamkeit dem Tier gegenüber. Mit der Veränderung der politischen und sozialen Verhältnisse hat sich auch die Mensch-Tier-Beziehung verändert.

Just am 21. Januar 1793, dem Tag der Enthauptung des Königs, versucht der Intendant des Jardin des Plantes, Bernardin de Saint Pierre, einen anderen Kopf des Alten Regimes zu retten.., den des berühmten Nashorns von Versailles. In einem Brief an den Innenminister zieht er alle revolutionären Register: Mangels Futter und Pflege drohe dem Tier und seinen „Gefährten“ der Tod oder der schmähliche Verkauf. Überhaupt gehörten die Tiere nach Paris, dem „Mittelpunkt des Königreichs“. Das geplante Museum solle nicht nur Mineralien und Pflanzen präsentieren, sondern „Tiere, die riechen, die lieben, die geboren werden“. Die neue Ménagerie werde damit zu einem „republikanischen Kunstwerk“, einer Art moralischer Anstalt, zum Ausweis der Reproduktion staatsbürgerlicher Tugend.

Allerdings gibt es für den freiheitlichen Geist Probleme. Da ist das unerbauliche Spektakel der „unfreiwilligen Knechtschaft“ der Tiere und zum anderen sind manche Tiere echt gefährlich. Wie kann man das „Wilde“ zivilisieren? Die Pariser Bevölkerung hat bisher die Tiere als permanente Bedrohung und Belastung kennen gelernt (Pferde, Hunde, Schlachtvieh in den Straßen). Vor dem ersten Föderationsfest am 14. Juli 1789 kursieren Gerüchte, die Aristokraten hätten große Raubtiere versteckt, um sie auf das Volk loszulassen. Kann also der König Löwe ein bescheidener Citoyen werden? Bernardin schlägt zwecks „Humanisierung“ der Tierhaltung die Sozialisierung der Tiere vor. Er kann dabei auf die legendäre Freundschaft der Löwin Woira mit einem Jagdhund verweisen. Allerdings frisst diese nach dessen Tod seinen vorgesehenen Nachfolger. Als zweite Möglichkeit nimmt er die Kreuzung ins Auge. Wenn es Wolfs-Hunde gibt, könnte es doch auch Löwen-Hunde geben. Und könnte nicht auch pflanzliche Nahrung den Fleischhunger à la longue ersetzen?

Bernardin wird nach wenigen Monaten entlassen. Sein Plan einer Ménagerie im Jardin des Plantes jedoch wird vom Convent beschlossen und tatsächlich realisiert. Die Leitung übernimmt die Crème französischer Wissenschaftler: Saint-Hilaire, Lamarck, Cuvier. Die Naturgeschichte wird zur republikanischen Wissenschaft. Im Dezember 1794 – mittlerweile herrschen nach dem Sturz Robespierres die Thermidorianer – setzt sich der wirtschaftsliberale Abgeordnete Thibauceau für eine Vergrößerung des Jardins ein. Allerdings verschiebt sich die Argumentation. Nun es geht darum, das Verhalten der Tiere auch im Hinblick auf deren ökonomische Verwertbarkeit zu studieren. Ziel ist auch damals schon die „Wettbewerbsfähigkeit“ mit England. Der Buffon-Schüler Lacépède argumentiert politisch: Die Ménagerie ist eine kleine Republik, in der jedem Lebewesen sein „natürlicher“ Platz zugewiesen ist, im Reich der Tiere wie im Reich der Menschen. Die gesellschaftliche Ent-Egalisierung mittels Naturalisierung des Sozialen wird im Direktorium (ab 1795) verstärkt. Das „Volk“ soll fruchtbar sein und arbeiten. Laut Verfassung von 1795 verdient das republikanische Männchen nur dann den Titel eines „guten Citoyen“, wenn er ein „guter Sohn, ein guter Vater, ein guter Freund, ein guter Ehemann“ ist. Die Affen, die mit ihrer schamlosen Sexualität an die aristokratischen Libertins des Alten Régimes erinnern, fallen als Vorbild aus. Und der Elefantenmann ist zwar imposant, aber – wie gesehen - kein „guter Staatsbürger“. 6 Jahre nach dem missglückten Versuch, wird er gar bösartig, verletzt sich beim Versuch, zu der von ihm getrennten Marguerite zu gelangen, isst nicht mehr … und stirbt. Mittlerweile ist aus der Republik ein Empire geworden.

In der Revolution ist alles Tier

Zwischen 1789 und 1802 findet eine permanente Animalisierung, also eine Ent-Menschlichung, des politischen Gegners statt. In einer Karikatur werden die Aristokraten als schwarze Vögel auf die Bäume gejagt und erschossen. Das Volk wird zum Jäger der bisherigen Jäger, des Königs, des Adels, für den das Töten der Tiere (und schwere Bestrafen der „Wilderer“) ein Zeichen ihrer Macht, ihres Mann-Seins, war. Nach der Abschaffung der Feudalität (4. August 1789) beginnt ein unerhörtes Massaker an den Waldtieren. Ein freier Mann ist ein bewaffneter Mann. Sein Handeln hat aber dramatische Konsequenzen für die Tiere, die Wälder und die Ökologie. Schließlich werden sogar Menschen zu Gejagten. Laut Dekret vom 15. Juni wird der Chef der Armee der Emigrierten zum Freiwild erklärt, so wie 1793 der General Dumouriez. Im figurativen Sinn hat die Menschenjagd schon lange begonnen. Nach seiner Flucht wird der König als betrunkenes gefräßiges Schwein dargestellt, seine Frau als „Affenweib aus Wien, dass sich aus Gewohnheit von einem Bären und einem Tiger decken lässt“ (den beiden Brüdern des Königs). "Die Tiere", so der Autor, "sind zunächst noch Metaphern, dann Synonyme, Homonyme, und schließlich ersetzen sie die reale Person."

Die Reaktion bedient sich dieses Verfahrens noch virtuoser. Ab dem Sommer 1793, angesichts des brutal geführten Bürgerkriegs in der Vendée, der Ermordung Marats, der politischen Bedeutung der Volkssektionen, vor allem der Frauenclubs, sehen sich die Gemäßigten von Barbarei und Wildheit umzingelt, von kultur- und besitzlosen „Riens“ (Nichtsen), um ein Wort des gegenwärtigen Präsidenten aufzunehmen. Der Schweizer Antirevolutionär Mallet du Pan vereint Wildheit und Barbarei in einer Raubtierfigur, dem „Homme-Tigre“. Diese Großkatze ist dem Naturforscher Buffon zufolge im Unterschied zum König Löwe niederträchtig und grausam, ein Gegen-König.

Mit der Hinrichtung Robespierres 1794 beginnt der "Roman des Terreurs". Die Robespierristen und Sansculotten sind blutdürstige wilde Tiere, Feinde der Menschheit. Die Erde muss von den Tigermenschen befreit werden. Der Obertiger ist natürlich Robespierre. Auf Bildern wird er mit Katzengesicht dargestellt. Eine Fülle von Veröffentlichungen beschreibt ihn schon 1795 als Hydra, Monster, Kannibale, Blutsäufer. Noch 1794 erscheint das Pamphlet „Die wilden Tiere der Revolution“, 1795 ein „Robespierre im Käfig“. Sogar ein „Sanguiduc“ wird imaginiert, eine Blutleitung vom Hinrichtungsplatz zur großen Kloake.

Die Bourgeoisie, die nicht wenig von der Revolution profitiert hat, bearbeitet ihre Angst vor dem „Volk“ durch dessen Animalisierung. Da werden bekanntlich Weiber zu Hyänen. Der Winter 1794/95 ist extrem hart. Es gibt Hungerrevolten. Lautstark werden Brot und die Verfassung von 1793 gefordert. Für die neuen Herrschenden ist die Sache klar: das Volk, die Plebs, ist nicht reif für die Führung der Nation. Es muss notwendigerweise „dressiert“ werden. Schließlich ist es evident: Wer arm ist, hat keinen Besitz, keine „Kultur“ und nähert sich damit der Animalität. Besitz und Bildung sind wiederum die Voraussetzung für Partizipation in der Welt der ehrbaren Leute. Die Anderen, die „Hunde“ sollen arbeiten. Tollwütige Hunde („enragés“) sind allerdings zu eliminieren. Argumente, die ein langes Leben haben sollen. In der Krisensituation von 1799 (erneuter Krieg, zweiter Aufstand in der Vendée, Scheitern der Ägyptenmission) greifen die herrschenden nicht auf die revolutionären Maßnahmen von 1792 zurück, sondern liefern die Republik lieber einem Adler aus. Eine gut inszenierte Medienkampagne fordert einen starken Greif, um den politischen Körper gegen die Rückkehr der „wilden Tiere mit menschlichem Gesicht“, die „tollwütigen Wölfe“ und die „Wilden aus den Wäldern“ zu schützen. Und der lässt sich nicht lange bitten.

Die Erfindung der Affenmenschen

1802 zum Beispiel führt er die (1794 endlich abgeschaffte) Sklaverei in den Kolonien wieder ein. Napoleon schickt sogar eine Armee nach Saint-Domingue. Diese Maßnahmen werden – natürlich – ideologisch untermauert. Der afrikanische Sklave wird zunächst zu einem „Schwarzen“ gemacht, und dann dem „Affen“ angenähert. Die ideologische Arbeit besteht darin, in einer Gesellschaft der (rechtlichen) Gleichheit eine unüberwindliche Differenz zu konstruieren, eine Hierarchie, die in der „Natur“ begründet ist. Im März 1802 veröffentlicht der ehemalige Oberst Des Lozières ein Buch über die „Verirrungen des Nigrophilismus“. Des Lozières ist Propagandist für die Lobby der alten Plantagenbesitzer, die verbissen für die Restitution der Sklaverei kämpft. Seine Schrift ist paradigmatisch für einen Rassismus, der bis in unsere Zeit andauert. Der „Schwarze“ ist von Natur aus langsam und faul, "lebhaft wird er nur in den Momenten, den die Tiere (!) nie verpassen." Lebhaft wird der europäische Rassist, wenn er über die Sexualität der Afrikaner fantasiert, die er mit der des Affen assoziiert. Und wenn dieser revoltiert, wird zum Bild des blutrünstigen Raubtiers gegriffen. Verbunden mit diesem ist natürlich der Tigermann Robespierre, der die Sklaven zu wilden Aufständen aufgestachelt habe. Indirekt wird damit gesagt, dass die Befreiung vom Terror der Jakobiner die Wiedereinführung der Sklaverei notwendig mache. Denn nur diese mache aus den wilden Tieren halbzivilisierte Menschen.

Im selben Jahr erscheint die „Geschichte der menschlichen Arten“ des Arztes Joseph Virey. Es stellt für Serna einen Wende dar. Die Grenzen zwischen afrikanischem Mensch und Affe sind völlig verwischt, bei der Beschreibung des Gesichts („eher zum Fressen als zum Denken geeignet"), der Bewegungen, der Charakter ("Im allgemeinen ist der Neger fast immer fröhlich, selbst in der Sklaverei, und singt monoton irgendeinen unbedeutenden Refrain"). Aus der Vermischung von "Weißen" und "Schwarzen" (worauf natürlich vor allem die "schwarze Frau", das "Affenweib" aus ist) resultiere die "Veraffung" auch des "weißen Mannes": "Dies zeigen die "Mulatten", die analog zum "Muli" weder die prefektionierte Intelligenz der Weißen noch die arbeitssame Unterwerfung der Schwarzen und eher gefährlich als nützlich in den Kolonien sind. Man kennt sie unter dem Namen Farbige."

Virey sieht eine weitere Gefahr aufziehen. Bezüglich der "Animalität" entdeckt er nämlich Parallelen zwischen den Afrikanern und dem "niederen Volk" Frankreichs. Die Arbeiterklasse wird zur "Classe dangereuse", die Afrikaner zur Bedrohung an sich. Dieser Diskurs wird im 19. Jahrhundert in der herrschenden Klasse hegemonial, auch in der Historiographie. Für einen Hippolyte Taine ist die Französische Revolution der Beleg dafür, wie "der Bauer, der Arbeiter, der friedliche Bürger plötzlich zum Barbaren, schlimmer noch, zum grimassierenden, blutrünstigen und grausamen Affen werden kann."Die aufständischen Sklaven in Saint-Domingue sind ihm "wilde Tiere, die auf ihre Wächter losgelassen sind."Die Ideologie der Animalität für eine lange Dauer festgezurrt. Noch im Jahr 2013 riefen Kinder bei einer Demonstration gegen die Ehe für alle der Justizministerin Taubira ein "Affenweib, iss deine Banane!"zu. Ihre Eltern wussten, was sie tun.

Und die Tiere sind schon lange nicht mehr Mit-Kreaturen, sondern nützliches Schlachtvieh, das mit dem Code civil endgültig zu einem Ding, einem Wirtschaftsgut wird. Alles andere Getier hat entweder eine ästhetische Funktion oder es ist weiterhin eine Gefahr für des Bürgers Hab und Gut. Wenn heute Bauernverbände "Mahn- und Solidarfeuer" gegen die räuberischen Wölfe veranstalten, geht es um mehr als einige gerissene Schafe. Mit heil-samem Feuer und nationaler Solidarität (mit den Eigentümern) soll das Unberechenbare, das Wilde, das Grausame (das Reißen ist schlimmer als der zivile Tod im Schlachthof, sagen die Bauern) – und das Fremde von der Scholle entfernt werden. In diesem Sinne fordert eine gewisse Alternative für Deutschland eine "Obergrenze für Wölfe".

Die politische Revolutionsgeschichte des Tieres ist naturgemäß unvollständig. Pierre Serna spricht von Baustellen. Aber schon jetzt wird deutlich, unter welchen historisch konkreten Bedingungen der aufgeklärte Traum eines gemeinsamen Schicksals von Mensch und Tier zerstört werden konnte.

Pierre Serna, Comme des bêtes. Histoire politique de l'animal en Révolution (1750-1840). Paris 2017 (Fayard)

16:08 19.08.2017
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